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Mitteldeutschland Immer mehr Kinder in Sachsen erkranken an Diabetes
Region Mitteldeutschland Immer mehr Kinder in Sachsen erkranken an Diabetes
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10:57 06.08.2019
Eine Krankenschwester piekst einem Vierjährigen mit einer Stechhilfe in den Finger – für die Messung seines Blutzuckerwertes. Quelle: dpa (Archiv)
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Leipzig/Dresden

Diabetes-Erkrankungen vom Typ I haben in Sachsen deutlich zugenommen. Betroffen sind vor allem Jüngere. Weit über 1000 Kinder mit dieser Erkrankung werden derzeit im Freistaat behandelt. Allein an der Kinderklinik der Uniklinik Leipzig (UKL) sind es rund 400 Kinder und Jugendliche; vor rund 20 Jahren waren es hier 160.

Die Zahl der Neuerkrankungen in Sachsen lag 1999 bei 100 Fällen, 2016 waren es 123. Das zeigt eine aktuelle Studie unter Federführung des Wissenschaftlers Ulf Manuwald von der Uniklinik Dresden. Die Untersuchung basiert auf Daten des Sächsischen Diabetesregisters, das die Unikliniken Leipzig und Dresden vor mehr als 20 Jahren installiert haben. Auch europaweit liegt die Zunahmerate bei zwei Prozent pro Jahr.

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In der jüngsten Studie wird deshalb eine bessere Aufklärung zu den Symptomen gefordert. Denn Diabetes vom Typ I ist zwar gut behandelbar – kann jedoch unerkannt zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Auch das passiert immer häufiger.

Hohe Sterblichkeit bei Komplikationen

„Kummer macht uns, dass immer jüngere Kinder unter fünf Jahren betroffen sind – früher ging es da mehr um Jugendliche“, sagt Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik am UKL und Co-Autor der Studie. Im besten Fall wird die Krankheit routinemäßig durch den Kinderarzt diagnostiziert. Unerkannt fällt das Kind im schlimmsten Fall ins Säurekoma. Ketoazidose nennt sich diese lebensgefährliche Komplikation, die zu einem Multiorganversagen führen kann und der Studie zufolge ebenfalls immer häufiger auftritt. Seit 1999 hat sich die Ketoazidose-Rate mehr als verdoppelt. „Es gibt eine hohe Sterblichkeit bei der Ketoazidose, und wenn die Kinder überleben – dann oft mit neurologischen Schäden“, erklärt Kiess.

Symptome: Viel Durst, viel Wasserlassen, Gewichtsabnahme

Deshalb ist Aufklärung erforderlich – in Italien und Österreich konnte die Zahl der Ketoazidose-Fälle so deutlich reduziert werden. Kiess: „Wenn ein Kind plötzlich viel trinkt, viel Wasser lässt – vor allem nachts, und dann Gewicht abnimmt, muss man untersuchen lassen, ob das Kind Diabetes hat, dann muss man zum Arzt! Kinder müssen zunehmen, weil sie wachsen. Fünf Prozent Gewichtsverlust sind auffällig, zehn Prozent sind absolut kritisch. Wenn zum Beispiel ein 20 Monate altes Kind ein bis zwei Kilo abnimmt, muss man es diagnostisch auf den Kopf stellen.“

Mehr Fälle in nördlichen Ländern, weniger im Mittelmeerraum

Während Diabetes vom Typ II meist in älteren Lebensjahren und oft durch ungesunde Lebensweise entsteht, handelt es sich beim Diabetes vom Typ I um eine Autoimmunerkrankung, bei der die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. Die Ursachen sind weitgehend unklar.

Genetische Faktoren erklären nur einen Teil der Fälle. „Wenn der Vater Diabetes Typ I hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind auch betroffen ist, bei acht Prozent – sonst liegt sie bei weniger als einem Prozent“, sagt Wieland Kiess. Als weitere mögliche Ursachen gelten bestimmte Virus-Infektionen, Schadstoffe in der Luft und in Weichmachern. In verschiedenen Studien wurde auch nachgewiesen, dass Babys, die auf natürliche Weise von der Mutter gestillt wurden, später ein geringeres Risiko haben, zu erkranken, als Flaschenkinder.

„Wir wissen aber bis heute nicht wirklich, warum die Erkrankungen so deutlich zunehmen“, erklärt Kiess. Im Norden erkranken die meisten Menschen (vor allem in Finnland), im Mitttelmeerraum am seltensten. Ausnahme hier: Sardinien, wo vergleichsweise viele Fälle auftreten. Auch diese geografischen Unterschiede sind bislang ungeklärt, ein Ansatz sind hier nur die Lichtverhältnisse.

Von Björn Meine