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Mitteldeutschland In der Nacht: Gericht untersucht Tatort in Chemnitz
Region Mitteldeutschland In der Nacht: Gericht untersucht Tatort in Chemnitz
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17:07 13.06.2019
In der Nacht: Gericht untersucht Tatort in Chemnitz Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Chemnitz

Chemnitz. Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Als Erste beugt sich die Vorsitzende Richterin Simone Herberger aus dem quadratischen Fenster des Döner-Imbisses, das sich neben dem Tresen öffnet. Danach folgen ihre Beisitzer, der Staatsanwalt, die Anwälte der Nebenklage. Alle starren nach links, ins Halbdunkel der Chemnitzer Nacht und versuchen, mehr als nur Schattenumrisse von Menschen zu erkennen.

Es handelt sich um einen Vor-Ort-Termin im „Alanya“-Grill in der Nacht zu Donnerstag, der möglicherweise entscheidend für den Fortgang des Prozesses gegen Alaa S. (23) sein könnte. Dem Asylbewerber aus Syrien wird laut Anklage gemeinschaftlicher Totschlag an Daniel H. (35) vorgeworfen, weil bis heute unklar ist, wessen Messerstiche tödlich gewesen sind - und der Döner-Koch Younis Al N. (30) gilt als Hauptbelastungszeuge.

Ein Großaufgebot der Polizei hat in der Nacht zu Donnerstag in Chemnitz einen Vor-Ort-Termin des Landgerichts abgesichert.

Gericht verhandelt in Chemnitzer Döner-Imbiss

Deshalb verlegt das Landgericht Chemnitz, das die Verhandlungen normalerweise in Sachsens einzigem Hochsicherheitssaal in Dresden führt, einen Termin an den Ort des Geschehens und funktioniert den Döner-Grill im Schatten des Karl-Marx-Nischels kurzerhand zum Gerichtssaal um. Die tödliche Messerattacke traf Daniel H. am 26. August 2018 gegen 3.15 Uhr, bei sternklarer Nacht und Mondschein. In der Nacht zum Donnerstag kommt das Gericht - mitsamt dem Angeklagten Alaa S. - um 0.30 Uhr zusammen, der Himmel ist verhangen, es regnet große Tropfen. 

In genau 56 Meter Entfernung zu besagtem Fenster, aus dem der Döner-Koch die Tat beobachtet haben will, postieren sich fünf dunkel gekleidete Statisten, allesamt Polizeischüler. Sie stehen ruhig im Regen, stellen keineswegs die Schlägerei oder das Menschenknäuel nach. An jener Stelle ist eine Gedenktafel in den Gehweg eingelassen, ein rotes Grablicht schimmert in der Nacht. Das Areal ist weiträumig von einem hundert Mann starken Großaufgebot der Polizei abgeriegelt. Zuschauer müssen durch eine Sicherheitskontrolle, werden aber nicht näher als 50 Meter an den Döner-Imbiss herangelassen. Zu groß ist die Angst vor Demonstrationen oder neuerlichen Übergriffen.

Gerichtssprecherin: So etwas habe ich noch nicht erlebt

„Das Gericht will sich selbst einen Eindruck machen, was der Zeuge gesehen haben kann“, erklärt Gerichtssprecherin Marika Lang. Es sollen „ungefähr die Lichtverhältnisse wie zur Tatzeit“ herrschen. Die Verteidigung von Alaa S. hatte kurz nach Prozessbeginn vor drei Monaten unter anderem ein Gutachten über die Lichtverhältnisse beantragt. Nun wird die Szene, die sich nach den bisherigen Zeugenaussagen als „chaotisch“ oder wenigstens „unübersichtlich“ dargestellt haben soll, in der Nacht nachgezeichnet. Insgesamt sei ein solcher Vor-Ort-Termin im Strafrecht ungewöhnlich, meint Marika Lang: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Den Prozess bezeichnet die Gerichtssprecherin insgesamt als „nicht einfach“.

Auch die rechtsextreme Pro Chemnitz kommt zu dem nächtlichen Termin

Diese Einschätzung resultiert zum einen aus der auch in der Nacht zu Donnerstag großen Medienpräsenz: Der Tod von Daniel H. hatte im Spätsommer 2018 Ausschreitungen in Chemnitz ausgelöst - entsprechend ist das bundesweite Interesse. Bei dem ungewöhnlichen Gerichtstermin zeigt sich auch die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme Bewegung Pro Chemnitz, verhält sich aber ruhig. Manche Beobachter tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Gedenkstätte Daniel H.“. Die Mutter des getöteten Deutsch-Kubaners, die den Prozess als Nebenklägerin verfolgt, hatte von solchen Trauerbekundungen stets Abstand genommen. Unter den Zuschauern sind auch die damalige Freundin von Daniel H. sowie zwei Dutzend Freunde und Bekannte des angeklagten Syrers. 

Hauptverdächtiger ist weiterhin auf der Flucht

Zum anderen spielt die Gerichtssprecherin offenbar auf die Beweislage im Prozess an, die selbst in sächsischen Justizkreisen als „dünn“ bezeichnet wird. Denn der als Hauptverdächtiger geltende Farhard A. (22) ist auf der Flucht und soll sich in den Irak abgesetzt haben. Nach ihm wird international gefahndet. Daneben ist ein weiterer Verdächtiger namens Said untergetaucht. Bislang konnte keiner der Zeugen, die sich im Umfeld von Daniel H. aufgehalten hatten, Alaa S. wiedererkennen. Von ihm haben sich weder am mutmaßlichen Tatwerkzeug noch an der Kleidung des Getöteten DNA-Spuren finden lassen. Diese möglichen Indizien fallen für einen Schuldnachweis aus. Allerdings ist er in jener Nacht - offensichtlich flüchtend - von der Polizei aufgegriffen worden.

Döner-Koch gilt als Kronzeuge

Die Anklage basiert damit wesentlich auf den früheren Schilderungen des Döner-Kochs Younis Al N., der seine polizeilichen Aussagen allerdings teilweise widerrufen hat. Wegen möglicher Bedrohungen befindet sich der Libanese momentan in einem Zeugenschutzprogramm und ist bei dem nächtlichen Termin in seinem ehemaligen Imbiss nicht anwesend. Rechtsanwältin Ricarda Lang, die Alaa S. verteidigt, hatte zuletzt die Glaubwürdigkeit des Zeugen angezweifelt: Nach einer zweiten, vierstündigen Vernehmung sagte sie, der Beweiswert tendiere „gegen null“. Schon zu Prozessbeginn im März hatte sie die Einstellung des Verfahrens gefordert. Gerichtssprecherin sagt nun in der Nacht: „Der Vor-Ort-Termin dient dazu, um die Beweiswürdigung später gut vornehmen zu können. Inwieweit das Ganze urteilsrelevant ist, kann man heute noch nicht sagen.“

Prozess dauert mindestens bis Ende Oktober

Tatsächlich macht der Vor-Ort-Termin allerdings klar: Selbst bei den eher ungünstigen Lichtverhältnissen, die in der Nacht zum Donnerstag in der Chemnitzer Brückenstraße herrschen, hätte sich die Schlägerei auch aus 56 Meter Entfernung wohl problemlos verfolgen lassen - zumal der Beschuldigte kurz zuvor in dem Döner-Imbiss gewesen Offen bleibt jedoch, inwieweit vier neue LED-Lampen im Umfeld zu dieser Erkenntnis beitragen. Zumindest zeigen Freunde von Alaa S. ältere Fotos, die den Tatort deutlich dunkler erscheinen lassen. 

Die entscheidende Frage ist nun, ob und wie sich der Koch Younis Al N. an diese Augustnacht künftig erinnert. Große Teile des auf zunächst 24 Verhandlungstage bis Ende Oktober angesetzten Prozesses werden sich nun darum drehen, ob seine ursprünglich zu Protokoll gegebenen Beobachtungen bewiesen werden können.

Andreas Debski

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