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Mitteldeutschland Ist Klettern im Elbsandsteingebirge noch sicher?
Region Mitteldeutschland Ist Klettern im Elbsandsteingebirge noch sicher?
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12:59 01.07.2019
Klettern in der Sächsischen Schweiz ist nicht nur aufgrund des manchmal trügerischen Sandsteins keine einfache Sache.
Klettern in der Sächsischen Schweiz ist nicht nur aufgrund des manchmal trügerischen Sandsteins keine einfache Sache. Quelle: Foto: Mike Jäger
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Sächsische Schweiz

Das Sommerwetter treibt immer mehr Sportenthusiasten zum Klettern ins Elbsandsteingebirge. Zuletzt wurde die Klettersaison jedoch von mehreren Schreckensmeldungen überschattet: Binnen weniger Tage sind drei Kletterer in der Sächsischen Schweiz in den Tod gestürzt.

Anfang Juni stürzte ein 33-Jähriger am Hirschgrundkegel bei Lohmen ab und verletzte sich tödlich. Zwei Tage später zog sich eine 55-jährige Kletterin bei einem Sturz in Leupoldishain tödliche Verletzungen zu. Am 16. Juni verstarb ein 50 Jahre alter Dresdner in Rosenthal-Bielatal, nachdem er eine Felswand hinunterstürzte.

Ist Klettern in der Sächsischen Schweiz überhaupt noch sicher? Die DNN haben die aktuelle Situation zusammengefasst.

Ist die Zahl der Kletterunfälle gestiegen?

Seit Anfang des Jahres ist die Bergwacht zu 43 Einsätzen in die Sächsische Schweiz ausgerückt, wie der Landesverband Deutsches Rotes Kreuz (DRK) mitteilt. Allein im Juni sind 14 Unfälle gelistet. „In der Summe sind das mehr Einsätze als im Vergleichzeitraum des Vorjahres. Sollte sich der Trend fortführen, ist von einem weiteren traurigen Rekord auszugehen“, sagt Kai Kranich, Sprecher des DRK-Landesverbandes. Im bisherigen Rekordjahr 2018 wurde die Sächsische Bergwacht 93 Mal zum Einsatz gerufen.

Erschreckend sei aber insbesondere die Schwere der jüngsten Vorfälle: Insgesamt sieben Stürze in diesem Jahr gingen tödlich aus. In den Vorjahren lag die Zahl zwischen zwei und vier Todesfällen. „Und dass sich nun binnen kurzer Zeit gleich drei Abstürze mit Todesfolge ereigneten, ist durchaus ungewöhnlich“, meint Christian Walter, Geschäftsführer des Sächsischen Bergsteigerbunds (SBB).

Wie sind die hohen Unfallzahlen zu erklären?

DRK-Sprecher Kranich begründet die Fallzahlen mit dem erhöhten Besucheraufkommen in der Sächsischen Schweiz. Allein rund 10 000 Mitglieder des SBB gehen gelegentlich in der Region klettern. „Das Gebirge wird nicht mehr saisonal, sondern ganzjährig besucht. Und geklettert wird nicht mehr nur am Wochenende, sondern auch in der Woche. Das ist eine neue Entwicklung“, so Kranich.

Er vermutet weiterhin, dass die klimatischen Bedingungen mit den Unfällen zutun haben könnten: „Der warme Sommer birgt Risiken. Flüssigkeitsmangel und Temperaturen über der 35-Grad-Marke können zu Konzentrationsstörungen und Fehlern führen, die etwa beim Abseilen gravierend sein könnten.“

Sind Anfänger für Kletterunfälle besonders anfällig?

Die drei letzten Todesopfer waren allesamt erfahrene Kletterer. „Zu sagen, dass vorwiegend Anfängern solche Unfälle passieren, wäre schlichtweg falsch“, sagt Walter. Anfänger hätten oftmals mehr Respekt vor dem Felsen, während erfahrene Gipfelstürmer mitunter nachlässig seien: „Ein erfahrener Kletterer schaut beim Sichern vielleicht nicht mehr so genau hin wie beim ersten Mal“, meint der Chef des Bergsteigerbundes.

Wie anspruchsvoll ist Klettern im Elbsandstein?

Sandstein ist nicht so stabil wie beispielsweise Kalkstein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Griff oder eine Felszacke abbricht, ist dadurch höher. Zum anderen gibt es im Elbsandstein vergleichsweise wenige Sicherungsringe, Bergkraxler müssen die Sicherung an vielen Felsen selbst anbringen. „Die Routen sind nicht so gut präpariert wie in anderen Klettergebieten“, erklärt Walter.

In der Sächsischen Schweiz zu klettern sei laut SBB durchaus anspruchsvoll – und überhaupt nicht mit Hallenklettern vergleichbar. „In der Halle werden die Sicherungen regelmäßig geprüft, man befindet sich in einer standardisierten Umgebung und nicht draußen in der Natur“, sagt Walter.

Warum werden viele Sicherungsringe am Fels zerstört?

Auch Vandalismus gefährdet den Klettersport in der Sächsischen Schweiz: Bergsteiger stellten in den letzten Monaten wiederholt fest, dass Ringe in Kletterwegen mutmaßlich beschädigt oder entfernt wurden (DNN berichteten). Knapp 25 Fälle hat der SBB bislang dokumentiert. Betroffen sind Klettergipfel im Bielatal und in der Hinteren Sächsischen Schweiz. „Wenn man in einer gewissen Höhe einen Ring erwartet und dieser dann nicht vorhanden ist, besteht dadurch eine erhebliche Gefahr“, beschreibt Walter die Gefahren für Kletterer.

Er hat schon einen Verdacht, wer hinter dem Vandalismus stecken könnte: „Es gibt Personen, die Klettern als heroische Sportart ansehen. Diese Menschen sind der Meinung, dass jemand, der nicht bereit ist, seine Gesundheit und sein Leben zu riskieren, auch nicht Klettern sollte. Damit die Sportart nur wenigen vorbehalten bleibt, schaffen sie entsprechende Barrieren. Die Routen werden dadurch anspruchsvoller und deutlich gefährlicher.“

Von Junes Semmoudi