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Mitteldeutschland „Kleine Scharmützel“ und ein Friedensfest an Tag zwei in Ostritz
Region Mitteldeutschland „Kleine Scharmützel“ und ein Friedensfest an Tag zwei in Ostritz
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21:59 21.04.2018
Tag zwei in Ostritz. Quelle: Dirk Knofe
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Ostritz

Der Tag 2 in Ostritz beginnt bedrohlich. Schwere Spezialfahrzeuge fahren in dem kleinen Ort auf. Dabei war die Nacht weitgehend ruhig verlaufen, mit einer einzigen Auseinandersetzung zwischen rechtem und linkem Lager. Ein 31-jähriger Neonazi, der darüber hinaus an der B99 den Hitlergruß zeigte, war von der Polizei aus dem Verkehr gezogen worden.

Neonazi-Festival in Ostritz. Fotos vom zweiten Tag in Ostsachsen.

Nun aber werden die Journalisten, die berichten wollen, vor dem Hotel „Neißeblick“, in dem das Neonazi-Festival „Schwert und Schild“ stattfindet, hinter neue Eisenzäune verwiesen. „Die polizeiliche Lage heute ist eine andere“, erklärt Thomas Knaup, Sprecher der Polizei in Görlitz. Ursache sei neben der Vielzahl der angekündigten Demonstrationsteilnehmer auch die hohe Zahl von 150 Journalisten selbst.

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Die Polizei könne nicht sicherstellen, „dass es nicht hypothetisch zu Auseinandersetzungen“ mit Rechtsradikalen komme, argumentiert er. Der Frage, ob es stimme, dass sich mittlerweile 200 gewaltbereite Neonazis aus Polen auf dem Gelände befänden, wie vorher ein Beamter zu Journalisten gesagt hat, weicht Knaup aber aus.

„Rechts rockt nicht“

Währenddessen präsentieren sich auf dem Markt in Ostritz verschiedene Initiativen beim Friedensfest. Die Sächsische Landesstiftung Umwelt, der Jugendring Oberlausitz, die Jugendfeuerwehr Ostritz, der Förderkreis Görlitzer Synagoge, die Katholische Jugend, die Caritas, das Sächsische Sozialministeriums und viele andere. Ein Kleinkünstler bläst Seifenblasen in die Luft. Unter einem Zeltdach malen Mädchen bunte Bilder und essen Dinkelkekse. Vertreter des DGB Ostsachsen liegen nach der Radtour nach Ostritz geschafft auf der Kirchenwiese. Im Kloster ist Tag der offenen Tür.

Auch auf dem Gelände der Linken („Rechts rockt nicht“) treffen neue Gäste ein. Zunächst etwa 30 junge Leute der polnischen Partei Razem aus Wroclaw. Agnieszka Dziemianowicz sagt: „Wir sind hier, um gemeinsam mit unseren deutschen Freunden gegen Rassismus und Nationalismus zu demonstrieren. Schließlich haben wir in Polen ja das gleiche Problem.“ Ein weiterer Bus aus Poznan sei unterwegs. Demonstranten kommen auch aus Leipzig und Dresden. Mit dabei die Initiative „Leipzig nimmt Platz“, die in der Messestadt die Legida-Demos blockiert hatte.

Nazis aus Russland, Polen, Tschechien

Vor dem Hotel „Neißeblick“ erscheinen inzwischen weitere Neonazis, zeigen wahlweise den Stinkefinger, das Victory-Symbol oder schreien „Lügenpresse“. Viele kommen mit dem Zug über den Bahnhof auf der polnischen Seite. Später wird der Bad Muskauer Landtagsabgeordnete Thomas Baum (SPD) berichten, dass die Lage schon auf dem Görlitzer Bahnhof bedrohlich gewesen sei, dass Familien angegrölt und der ausländische Zugkontrolleur angepöbelt wurde.

Um die Mittagszeit tritt dann der sächsische Innenstaatssekretär Günther Schneider vor die Presse und nennt eine Zahl von zehn Hundertschaften Polizei vor Ort plus Zivilkräfte. Während die linken Demonstranten vorwiegend aus Sachsen kämen, stammten die Rechtsextremisten aus der gesamten Bundesrepublik und aus Ländern wie Russland, Polen, Tschechien. „Wir sind den Menschen in Ostritz unendlich dankbar, dass sie das hier so ertragen“, sagt Schneider.

T-Shirts beschlagnahmt

Aus einer am Vortag von den Organisatoren des Rechtsrockfestivals angekündigten offenen Lagerbegehung wird dagegen zunächst nichts. Wahrscheinlich, weil die Polizei T-Shirts und Plakate des Sicherheitsdienstes „Arische Bruderschaft“ auf dem Lagergelände beschlagnahmen muss. Auch die Alkoholvorräte wurden in einer Garage verschlossen, nachdem das Oberlandesgericht in Bautzen ein absolutes Verbot verhängt hat. So gehen viele zum Supermarkt und leeren batterieweise Flaschen auf dem Vorplatz.

Rechtsrockfestival und Gegenproteste: So lief der erste Tag in Ostritz ab.

Kurz nach 15 Uhr öffnen sich doch noch die Tore des Geländes am Hotel „Neißeblick“, Journalisten dürfen 20 Meter auf das Gelände, umringt von „Kameraden“. An einem Tisch sitzen Sachsens NPD-Landeschef Jens Bauer, der NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt, der Bundeschef der Rechten, Sascha Krolzig, und der Besitzer des Hotels „Neißeblick“, der Unternehmer Hans-Peter Fischer (Ex-NPD-Mitglied). Das Wort aber führt der Veranstalter, der Thüringer Thomas Heise, führender Aktivist der Freien Kameradschaftsszene und Mitglied im Bundesvorstand der NPD. Sein Sprecher macht zuvor klar, wie er sich ein Pressegespräch vorstellt: „Wenn ich Sie auffordere, zu sprechen, nennen Sie Ihren Namen und das Medium oder den Arbeitgeber.“ All das wird dann von einem Kameramann aufgezeichnet.

"Überrascht vom Medieninteresse"

Heise gibt sich zunächst „überrascht vom Interesse der Medien“ an einer „ganz normalen Veranstaltung“. Warum man sich denn hinter Mauern verbarrikadiere, wird er gefragt. Da klagt er über „negativen Erfahrungen“, die die rechte Szene mit den Medien gemacht habe: „Regelmäßig ist es so, wenn Leute auftauchen im Internet oder in Artikeln oder in Reportagen, ist auch die berufliche Zukunft der Leute beendet.“

Warum die Veranstaltung am Jahrestag des Hitler-Geburtstages stattfinde? „Ob Sie mir's glauben oder nicht - wir haben keinen anderen Termin gefunden“, antwortet Heise, ohne mit der Wimper zu zucken. Auf die Frage, ob weitere Veranstaltungen auf dem Gelände in Ostritz geplant seien, entgegnet er: „Es wird andere Veranstaltungen geben.“ Mit Hotel-Besitzer Fischer verbänden ihn viele gemeinsame Bekannte. Welche das sind, wollen beide nicht sagen. Auch nicht, wer eigentlich zum Kampfsportfestival anreist. Das sei ihm komplett entfallen.

Dann fragt tatsächlich ein groß gewachsener Mann, ob das Festival nicht auch Ausdruck der kulturellen Vielfalt sei ... Allerdings trägt der Stichwortgeber am Handgelenk ein Band des Festivals. Auch Alt-NPD-Kader Udo Voigt kommt noch zu Wort, als es darum geht, ob der NPD die Wähler wegliefen - hin zur AfD. Mit der AfD sei es ähnlich wie einst mit den Republikanern, sie sei nur ein „Durchlauferhitzer“, bevor sich die Wähler wieder der NPD zuwenden würden, erwidert Voigt.

Diskussion ohne Chrupalla

Darauf könnte der AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla, der Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer in Görlitz das Direktmandat abgenommen hat, etwas Passendes erwidern. Doch Chrupalla nimmt an einem Treffen aller Parteivertreter am Nachmittag im Pfarramt nicht teil. Eine diesbezügliche Anfrage der LVZ per Mail blieb bis zum Samstagabend unbeantwortet. So können die Landtagsabgeordneten Stephan Meyer, (CDU), Franziska Schubert (Grüne), Mirko Schultze (Linke) und Thomas Baum (SPD) nur ohne ihn ein Bekenntnis zum Friedensfest abgeben.

Die Übersicht in Ostritz zu behalten, fällt an diesem Tag schwer. Neonazis mit T-Shirts „Sturm auf Themar“ pilgern immer wieder in kleinen Gruppen durch die Stadt, pirschen sich auch auf das Friedensfest, holen sich ein Eis. Als eine alkoholisierte Gruppe am Linken-Lager vorbeikommt, finden dort Sitzblockaden statt, die die Polizei rasch auflöst. Von „kleinen Scharmützeln“ ist die Rede.

Inzwischen bricht die Dunkelheit an. Die Neonazis kehren vom Supermarkt wankend zu Konzert und Kampfsportevent zurück. Eine Gruppe von rund 100 polnischen Vertretern macht ein Selfie von sich vor Ostritzer Kulisse. Ein anderer junger Bursche zeigt vor dem Polizeiaufgebot den Hitlergruß und wird sofort herausgezogen.

Auch Vorteile in Ostritz

„Wir sind hier der Arsch der Welt, aber es hat auch Vorteile, wenn man an die Ruhe denkt, die hier meistens herrscht“, sinniert derweil Küster Andreas Klimt. Mit Mitte 50 bleibe man in Ostritz immer einer der Jüngeren, sagt der Mann, dessen Urgroßvater schon Küster war. „Da muss man schon mal selbst ein Grab schaufeln“, erklärt Klimt seinen Alltag. 40 Menschen etwa stürben pro Jahr in Ostritz, etwa ein Viertel wolle eine Erdbestattung. Die hier noch arbeiten, sind in der Pflege unterwegs, einen Baubetrieb gäbe es auch noch und einen Arzt, der schon älter ist.

Und dann schwärmt Klimt doch noch: Nach Ostritz müsse man Ostern kommen. Dann ritten Katholiken und Protestanten gemeinsam nach der Messe. Die einen ganz in schwarz, die anderen ganz in weiß.

Roland Herold