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Mitteldeutschland Vor 25 Jahren in Leuna – Kohls Spatenstich unter falscher Flagge
Region Mitteldeutschland Vor 25 Jahren in Leuna – Kohls Spatenstich unter falscher Flagge
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20:00 15.05.2019
Historischer Tag in Leuna: Beim Spatenstich mit Helmut Kohl für die neue Raffinerie weht am 25. Mai 1994 die falsche Minol-Fahne. (Neben Kohl der damalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt, Treuhandmanager Klaus Schucht und Spergaus Bürgermeister Jürgen Elste v.r.n.l). Quelle: Olaf Wagner
Leipzig

Olaf Wagner hat Benzin im Blut. Klingt irgendwie abgedroschen. Passt aber. Denn der Mann war nicht nur seit der Wende Sprecher bei dem Kraftstoffverkäufer Minol und später bei der Erdöl-Raffinerie in Leuna in Sachsen-Anhalt. Der 64-Jährige besitzt auch ein kleines privates Kabinett mit Minol-Reliquien wie Ölkannen, Zapfpistolen, Schildern, Wimpeln und Brigadebüchern.

Einmalig und kurios zugleich

Neben dem Minol-Schriftzug entdeckt man überall den Minol-Pirol. In groß, in klein. Mal mit blauer Tankwart-Latzhose, mal mit roter. Dazu Tafeln mit den Sprüchen des naseweisen Maskottchen wie „Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl, ist immer der Minol-Pirol“ oder „Der kluge Mann hört auf den Rat: Wer freitags tankt, der ist auf Draht.“

Was ist von all dem sein größter Schatz? Wagner bleibt vor einer Fahne stehen. Auf den ersten Blick nichts besonderes. Laut Sammler Wagner trägt sie aber das Prädikat „besonders wertvoll, weil einmalig und kurios zugleich“. An dieser Fahne sei nahezu alles falsch, was nur falsch sein könne. „Heute würde man sagen, ein Fake der Extraklasse.“

Die falsche Flagge

Und dann zählt Wagner die Fehler auf: „Statt braun, hätte die Flagge erikaviolett sein müssen. Der Schriftzug nicht solo, sondern mit einer Bildmarke. Eben das richtige Logo, auf das wir so stolz waren!“ Warum das so wichtig ist? „Na ja“, sagt der Hobby-Historiker. „Sie kam an einem der wichtigsten Tage in der Geschichte von Minol und der Raffinerie zum Einsatz. Sie wehte vor 25 Jahren, am 25. Mai 1994 über den Köpfen von Helmut Kohl und dem damaligen Präsidenten von Elf Aquitaine, Philippe Jaffré.“

Mit einem noch immer mulmigen Gefühl denkt der ehemalige Unternehmens-Sprecher an diesen Tag zurück. Dem ersten Spatenstich für die neue Raffinerie in Sachsen-Anhalt. Für viele Beschäftigte bei Minol und der alten Leuna-Raffinerie, dem Herz des Chemiekombinats „Walter Ulbricht“, war das ein besonderer Tag, erinnert sich Wagner. 1991 hatte der damalige Bundeskanzler den Chemiearbeitern sein Wort gegeben, dass der historische Standort erhalten bleibt. Aber bis zum Spatenstich drei Jahre später sollten sie durch ein Wechselbad der Gefühle gehen.

Kritik und Sorgen

Immer wieder kritisierten deutsche Politiker die zu hohen Kosten für den Neubau von über fünf Milliarden D-Mark (27 Prozent wurden über staatliche Zuschüsse finanziert). Wettbewerber verwiesen auf die zu jener Zeit bereits existierenden Überkapazitäten in Westeuropa, selbst einige Gewerkschafter und Betriebsräte wollten den Bau nicht – aus Sorge, Arbeitsplätze im Westen könnten verloren gehen.

Zwischenzeitlich drohte sogar der privatisierte einstige Staats-Konzern Elf-Aquitaine abzuspringen, weil ihm das unternehmerische Risiko zu groß war. Kohl wusste aber um die Bedeutung der Erdöl-Raffinerie. Ohne sie hätte die Chemie in Mitteldeutschland kaum eine Zukunft gehabt. Die Chemie-Standorte in Schkopau bei Halle, in Bitterfeld und im sächsischen Böhlen wurden und werden mit Produkten der Raffinerie beliefert. Zehntausende Arbeitsplätze hingen also an der Investition.

Die schönste Braut der Treuhand

Damit die Franzosen bauen, gab die Regierung die Minol Mineralhandel AG, das ehemalige VEB Kombinat dazu. „Die schönste Braut der Treuhand“, hieß es damals. An der Marke selbst war Elf nicht interessiert, aber an dem Tankstellennetz. Am liebsten hätten die Franzosen sofort bei Minol umgeflaggt. Erste Versuche, einige Tankstellen in Sachsen in das schwarze Elf-Kostüm zu zwängen, missglückten aber, erinnert sich Wagner. Die Autofahrer machten einen Bogen um sie. Folglich wurde bei Elf für Minol und bei Minol für Elf geworben.

Als sich Kohl und Jaffré zum Spatenstich vor dem Gelände der alten Raffinerie auf der Gemarkung Spergaus ankündigten, oblag es einem Team in Paris, Berlin und Leuna die Feierlichkeiten vorzubereiten. „Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, dass reichlich Schotter aufgetragen wird, denn es hatte zuvor tagelang geregnet, der Boden war matschig, überall Pfützen.“ Wer letztlich die Minol-Flagge neben den Fahnen von Deutschland und Frankreich aufgezogen hat, ist ihm nicht mehr in Erinnerung. Die Fahne zeige aber treffend, dass man in Frankreich mit Minol nicht wirklich etwas anfangen konnte.

Das Ende von Minol

Die Chance, dass zur Einweihung der Raffinerie 1997 die richtige Minol-Flagge zum Einsatz kommt, gab es im Übrigen nicht. Erstens: Der Pariser Konzern machte zwar noch einige Millionen für eine Marketingkampagne mit Formel-1-Star Michael Schumacher locker und ließ den Rennfahrer in einen zweifarbigen „Minol/Elf“-Trabant fahren.

Letztlich aber nur, um Elf stärker ins Bewusstsein der ostdeutschen Autofahrer zu bringen. Das Ende der Marke Minol war längst eingeläutet. Und zweitens sollte es nie einen Einweihungsfeier geben, denn die die Schmiergeldaffäre in der Elf-Zentrale in Paris und die vermeintlichen Bestechungsvorwürfe gegen deutsche Politiker überschatteten den Bau auf Schritt und Tritt. Die Feier mit Kohl und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac kam nie zustande..

Übrigens, so erinnert sich Zeitzeuge Wagner: Beim Spatenstich 1994 fiel Kohl, den geladenen Gästen und den Medienvertretern die falsche Fahne nicht auf. „Zum Glück wehte an dem Tag nur ein schwaches Lüftchen.“

Von Andreas Dunte

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