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Mitteldeutschland Wie Frank Richter die SPD retten soll
Region Mitteldeutschland Wie Frank Richter die SPD retten soll
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10:03 15.08.2019
Frank Richter (Mitte), parteiloser Kandidat für die SPD, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Meißen. Quelle: Claudia Hübschmann
Meißen

Es gibt in diesen sächsischen Sommertagen sicherlich angenehmere Dinge, als für die SPD Wahlkampf zu machen. Doch die Last ist Frank Richter nicht anzusehen. Und auch die gute Laune wirkt nicht aufgesetzt. Richter, 59, tritt als Parteiloser in Meißen und Umgebung für die Sozialdemokraten an – in einem schwierigen Terrain, wo die CDU und die AfD wie nahezu überall im Freistaat um die Vorherrschaft kämpfen und bei der Kreistagswahl im Mai gerade einmal 6,7 Prozent für die Sozialdemokraten gestimmt haben.

„Die SPD hat in der Regierung seit 2014 eine gute Arbeit geleistet und viel bewegt, doch sie tut sich schwer, ihre Verdienste zu erklären und zu verkaufen. Dass kann ihr auf die Füße fallen“, sagt Richter, der von SPD-Landeschef Martin Dulig angeworben wurde, um den freien Fall aufzuhalten und möglichst auch konservativere Wähler anzusprechen.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler hat den Ruf als Pegida-Versteher

Denn Richter ist in Sachsen nicht irgendwer. Der ehemals katholische Kaplan, der sich im Revolutionsherbst 1989 auf den Straßen Dresdens als Gründer der „Gruppe der 20“ einen Namen machte, gab der Liebe wegen das Priesteramt auf und wurde später evangelisch.

Bundesweit bekannt wurde er 2015 als Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, der Pegida einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung stellte. Das brachte ihm viel Kritik und den Ruf des Pegida-Verstehers ein. Davon unbeeindruckt plädierte Richter stets dafür, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und zu verstehen. 2017 trat Richter nach einem Vierteljahrhundert aus der CDU aus.

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„Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“

Im vergangenen Jahr scheiterte er als Kandidat eines breiten, links und grün gefärbten Bürgerbündnisses bei der OBM-Wahl in Meißen nur knapp, vor allem weil ihn die AfD und auch die CDU mit allen Mitteln zu verhindern versuchten. In seinem jüngsten Buch arbeitet er diese Erfahrungen auf, fragt provokativ „Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“ – und erklärt, „nicht mit einem uneingeschränkten Ja“ antworten zu können.

Wer Richter nun im Wahlkampf erlebt, spürt die Energie, die ihn zwangsläufig in die Politik treiben musste. Im Triebischtal, dem mit 10 000 Einwohnern größten Meißner Stadtteil, steht er unter einem roten SPD-Sonnenschirm auf dem Fußweg – und hält überraschend viele Menschen mit Sätzen fest.

Das Viertel wird häufig aufgrund der Sozialstruktur mit dem Etikett „problematisch“ versehen. Genau das ist es, was Richter anzuziehen scheint. Er erträgt das Schimpfen, hört sich den anschwellenden Ärger an, um später quasi mit Engelszungen um mehr Verständnis füreinander zu werben.

Richter kritisiert Behörden: „Ton des Herablassens und Gängelung“

„Beim Straßenwahlkampf erlebe ich neben Menschen, die mir wohlgesonnen sind, häufig eine völlige Ablehnung der Politik. Wir haben es mit einer Verachtung der Politik und mit einer Politikerverachtung zu tun“, sagt Richter und spricht von einer Achterbahnfahrt der Gefühle, die er täglich durchlebe.

Die „Abwehr unseres politischen Systems und der Vertrauensverlust“ resultieren seiner Ansicht nach aus der Bürgerunfreundlichkeit vieler Behörden, dem „Ton des Herablassens und der Gängelung“, aber auch aus mangelnder politischer Bildung und übersteigerten Erwartungen an die Politik. Es ist zu spüren, wie sehr ihn, der Zeit seines Lebens ein Vermittler gewesen ist und auch weiterhin sein will, seine neue Rolle umtreibt.

Lob vom SPD-Stadtchef: Erreichen jetzt neue Bevölkerungsschichten

Dabei ist Richter keineswegs der Don Quijote, als der er von außen betrachtet im Meißener Land scheinen könnte. Auch wenn seine Kandidatur innerhalb der SPD nicht unumstritten war und für ihn die Parteisatzung geändert werden musste, er selbst „so schnell kein Mitglied“ werden will – Richter kommt als der „andere Sozialdemokrat“ besser als viele gestandenen Genossen an.

In einer aktuellen Umfrage liegt er bei 16 Prozent und damit etwa doppelt so hoch wie die Partei sachsenweit. „Er ist von hier, geht auf die Straße, hat Verständnis für die Stadt und versteht die Menschen“, sagt Meißens SPD-Vorsitzender Eyk Schade über jenen Mann, der an der Elbe einiges durcheinander gebracht hat. Und: „Wir erreichen jetzt Menschen, die die SPD bislang nicht ansprechen konnte.“

Selbst Bundes-Generalsekretär Klingbeil schaut bei Richter vorbei

Richters Engagement hat sich selbst bis nach Berlin herumgesprochen: Lars Klingbeil, Generalsekretär der Bundespartei und als neuer Vorsitzender gehandelt, kam in dieser Woche zur Eröffnung des neuen Bürgerbüros in Meißen. „Ich finde, dass Frank Richter eine sehr beeindruckende Person ist, die ich unbedingt kennenlernen wollte. Es ist mir sehr wichtig, hier zu sein“, erklärt Klingbeil, der vom zehrenden Haustür-Wahlkampf aus Görlitz anreist.

Vielleicht, so hoffen einige Genossen, färbe der Meißener Elan auch aufs Land und die Bundes-SPD ab. Der Generalsekretär sieht die von Sachsens SPD-Chef Dulig betriebene Öffnung der Partei jedenfalls positiv: „Das ist gut für die Partei und ist auf lange Sicht gedacht, wir dürfen uns nicht verschließen.“ Daneben engagieren sich weitere Parteiprominente wie Gesine Schwan und auch Künstler wie die Sängerin Uschi Brüning und der Grafiker Klaus Staeck für Richter.

Richter analysiert Probleme – Diskussion „bis zum letzten Detail“

Doch auch Richter wird ernst, wenn er über die aktuellen Probleme der Sozialdemokraten redet. „Die SPD ist eine Programmpartei, und das gilt im Guten wie im Schlechten – die diskutieren wirklich bis zum letzten Detail“, hat der Theologe in den vergangenen sechs Monaten festgestellt.

In einer Zeit, in der sich viele Menschen möglichst einfache Antworten und Überschriften wünschten, habe es dieser inhaltliche Ansatz schwer, erklärt Richter neben den latenten Personaldebatten ein Grundproblem der heutigen Sozialdemokratie. „Wenn aber Zuhören und Verstehen für beide Seiten gilt, dann kann es wieder etwas werden“, meint der SPD-Kandidat, der in seinem Wahlkreis trotz eines überdurchschnittlich guten Ergebnisses wohl den Kürzeren ziehen wird. „Ich bin aus DDR-Zeiten gewohnt, in der Minderheit zu sein. Es ist also ein Gefühl, das ich kenne und aus dem ich Kraft ziehe“, sagt Richter.

Parteiloser will eine neue Bildungspolitik

Auch wenn es im eigenen Wahlkreis für ihn nicht für ein Direktmandat reichen sollte, werden ihn die Sachsen mit einiger Wahrscheinlichkeit ab September im Landtag sehen: Auf SPD-Listenplatz 7 sollte Richter – der sich insbesondere für eine andere, nicht zu stark an den Naturwissenschaften orientierte Bildungspolitik und das längere gemeinsame Lernen einsetzen will – ein Mandat sicher sein.

Doch das wichtigste Ziel sei, der Neuen Rechten etwas entgegenzusetzen, macht er klar. Zwar habe Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) inzwischen in jedem Dorf schon einmal erklärt, dass ein solches Bündnis für ihn nicht infrage komme. „Aber der Glaubwürdigkeitstest steht noch aus“, sagt Richter – und deshalb kämpfe er nun als ehemaliger CDU-Mann und Parteiloser aufseiten der SPD.

Von Andreas Debski

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