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Mitteldeutschland Warum so viele Menschen in Hirschfeld und Neißeaue die AfD wählten
Region Mitteldeutschland Warum so viele Menschen in Hirschfeld und Neißeaue die AfD wählten
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07:29 03.09.2019
Ein Wahlplakat der AfD hängt an einem Mast in Hirschfeld im Landkreis Elbe-Elster. In der kleinen Gemeine haben 50,6 Prozent der Wähler bei der Landtagswahl ihre Zweitstimme der AfD gegeben. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Neißeaue/Hirschfeld

Linden säumen die Hauptstraße, auf den Fensterbrettern stehen Geranien. In keiner Gemeinde hat die AfD bei den Landtagswahlen am Sonntag so gut abgeschnitten wie hier im brandenburgischen Örtchen Hirschfeld. 50,6 Prozent der Wähler gaben ihre Stimme der Partei. Der AfD-Direktkandidat Volker Nothing holte hier 47,1 Prozent der Stimmen.

Mit Journalisten darüber sprechen möchte hier am Tag nach der Wahl niemand. Nicht in der Gaststätte, nicht in der Apotheke und auch nicht auf der Baustelle. Mit einer Ausnahme: Ali Uguz, der in seinem Imbiss neben der Kirche Döner verkauft. Er hat seinen Laden schon lange im Ort. „Ich habe hier keine Probleme“, sagt er.

Der Kurde Ali steht in seinem kleinen Dönerladen in Hirschfeld im Landkreis Elbe-Elster. Quelle: Patrick Pleul/dpa

Schon immer „eher rechts“ gewählt

Die Menschen in der Gemeinde hätten immer schon „eher rechts“ gewählt, erzählt Pfarrer Klaus Tiedemann, der bis zum Sommer in Hirschfelde gelebt hat. Viele fühlten sich am Rande, unbeachtet „und suchen manchmal nach einfachen Lösungen“.

Im sächsischen Neißeaue sind die Menschen gesprächiger. „Ich bin erschüttert über dieses Ergebnis. Hier geht es keinem schlecht, ich kann es nicht nachvollziehen“, sagt Jutta Klose aus Groß Krauscha, das mit sieben anderen Dörfern zur Gemeinde Neißeaue gehört. Hier hat die AfD bei der Landtagswahl 48,4 Prozent geholt, ein Rekordergebnis in Sachsen.

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Frust und Protest als Wahlgründe?

Warum machen so viele Menschen ihr Kreuz bei der AfD? Klose stemmt die Hand in die Hüfte: „Frust“, sagt die CDU-Wählerin. Die 61-Jährige tritt vor die Tür, an ihrem Haus steht „Partyservice Klose“. Ihr Mann Falk erklärt, wo aus seiner Sicht der Schuh drückt: Die Gemeinde ist klamm, Straßenlaternen werden nachts abgeschaltet, die Straße nach Kodersdorf müsste dringend saniert werden. Zu wenig Ärzte, viele Wölfe und die Grenzkriminalität.

Jutta und Falk Klose, langjährige CDU-Wähler, stehen vor ihrem Wohnaus in der Gemeinde Neißeaue. Quelle: Jan Woitas/dpa

Seinem Protest hat Falk Klose bei der Europawahl Ende Mai Luft gemacht, er wählte die AfD. Die östlichste Gemeinde Deutschlands mit 1700 Einwohnern sorgte damals für Schlagzeilen, weil die AfD hier gut 46 Prozent der Stimmen holte. Klose und seine Frau waren jahrelang Mitglieder der CDU, acht Jahre saß der Rentner für sie im Gemeinderat.

„Die CDU hat jahrelang geschlafen“

Nach einer Tumor-Operation bekommt er seine Rente. „Ich habe 43 Jahre wie ein Ochse gearbeitet, auch an den Wochenenden. Was bekomme ich als Rente? 780 Euro“, sagt Falk Klose. Der Fondsparvertrag für die Rente seiner Frau sei „bei der Eurokrise in die Luft gegangen“. Die Mutter kam vor zwei Jahren ins Pflegeheim in Rothenburg. Seitdem sind die Zuzahlungskosten um über 600 Euro gestiegen.

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Dennoch hat Klose nach eigenen Angaben diesmal CDU gewählt. „Es muss doch mal den kleinen Leuten geholfen werden“, sagt er bitter. „Wir sind hier nicht rechts. Aber die Dörfer wurden im Freistaat über Jahre vernachlässigt. Die CDU hat jahrelang geschlafen.“ Seine Wahlentscheidung habe viel mit Ministerpräsident Michael Kretschmer – dem Jungen aus dem benachbarten Görlitz – zu tun und wie dieser Probleme anpackt. Trotzdem hätten Bekannte der AfD mehr vertraut.

Zu Unrecht unzufrieden?

Die parteilose Bürgermeisterin von Neißeaue, Evelin Bergmann, ist schockiert. „Wenn ich aus Protest nicht die CDU wählen will, warum suche ich mir dann nicht irgendeine kleine Partei aus. Ich kann mir den Frust gar nicht erklären“, sagt sie. In ihrem Gemeinderat ist die AfD nicht vertreten. Die 61-Jährige weiß aber, dass die Partei in ihren Dörfern auf Stimmenfang ging. Fast an jeden Mast hängen AfD-Plakate, es gab große Informationsveranstaltungen.

Versteht das Wahlergebnis nicht: Evelin Bergmann, Bürgermeisterin (parteilos). Quelle: Jan Woitas/dpa

„Ja, der ländliche Raum wurde vergessen, aber wenn ich sehe, was der Ministerpräsident in seiner Amtszeit angeschoben und umgesetzt hat, mit wie vielen Bürgern er ins Gespräche gekommen ist, dann verstehe ich das Wahlergebnis nicht“, sagt die ehrenamtliche Bürgermeisterin. Die Turnhalle könne endlich saniert, mit Hilfe des Freistaats könnten Straßen gebaut, Ausstattungen für Kitas und Feuerwehr gezahlt werden.

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Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Neißeaue ist die Kulturinsel Einsiedel - ein Freizeitpark unmittelbar an der polnischen Grenze. Chef Jürgen Bergmann ist zwar kein AfD-Wähler. „Aber es gibt einen hohen Unzufriedenheitsgrad unter den Menschen hier“, sagt er.

„Wenn Kriminelle erwischt werden, passiert nicht viel“

Die Gegend ist überaltert, nach der Wende brach die einst florierende Textilindustrie zusammen - viele Menschen verloren ihren Job. Grenzkriminalität ist ein Problem. Auch Bergmann musste jüngst Nachtwachen einsetzen. „Wenn Kriminelle erwischt werden, passiert nicht viel.“ Viele wendeten sich dann eben an die Partei, die verspreche, etwas dagegen zu tun – wie eben die AfD.

In Sachsen hat die AfD ihr Ergebnis landesweit auf 27,5 Prozent fast verdreifacht, in Brandenburg auf 23,5 Prozent nahezu verdoppelt. In beiden Ländern ist sie jetzt zweitstärkste Kraft.

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Von Miriam Schönbach, Christiane Raatz und Anne Pollman/dpa