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Mitteldeutschland Leipziger Comic über DDR-Punks: „Wir wollten raus aus der grauen Tristesse“
Region Mitteldeutschland Leipziger Comic über DDR-Punks: „Wir wollten raus aus der grauen Tristesse“
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14:53 25.04.2019
Titelbild von "Anders sein - oder der Punk im Schrank", der neuen Graphic Novel des Leipziger Zeichners PM Hoffmann und des Kultur-Soziologen Bernd Lindner. Quelle: Christoph-Links-Verlag
Leipzig

 Der Leipziger Künstler PM Hoffmann sorgte zuletzt mit politischen Zeichnungen in großen Tageszeitungen für Aufsehen. Von ihm stammen unter anderem die Illustrationen zu den Enthüllungen der „Panama Papers“. Zusammen mit dem Soziologen Bernd Lindner hat Hoffmann nun eine Graphic Novel über den Punkrock in der DDR vorgelegt. „Anders sein – oder der Punk im Schrank“ handelt von einer fiktiven Band, wie es sie in den 1980er Jahren einige in der Messestadt gab. Ähnlich wie ihre Pendants bei Wutanfall oder L‘attentat geraten auch die Protagonisten im Buch bald ins Visier des Staatsapparats. „Anders sein – oder der Punk im Schrank“ wird am Donnerstagabend (19 Uhr) im Leipziger Stasi-Unterlagenarchiv (Dittrichring 24) feierlich vorgestellt. Die LVZ sprach vorab mit PM Hoffmann.

Punk-Ikone Sid Vicious ist seit 40 Jahren tot, Miterfinder Iggy Pop wird in diesem Jahr 72. Was bedeutet Punk für PM Hoffmann? 

PM Hoffmann: Die Musik und alles was daran popkulturell andockte und beeinflusst wurde, hat mich biografisch und gesellschaftspolitisch geprägt. Auch ohne Iro und Bierdose vorm Supermarkt. Ohne Punk wäre ich wahrscheinlich nicht Comic-Illustrator geworden. Außerdem habe ich vor Jahrzehnten auch mal Kulturwissenschaft studiert, weshalb ich hin und wieder so tun muss, als sei ich intellektuell und halte Vorträge. Ganz gleich, ob es die Leute interessiert oder nicht. Deshalb weiß ich auch: Der ultimative Punk ist, Menschen mit nutzlosem Wissen zu langweilen. 

Wie würden Sie einem heute 17-jährigen erklären, was Punkrock 1983 in Leipzig-Gohlis bedeutete?

Erstens: In ein Abrisshaus ziehen, Wände einreißen, einen Tresen einbauen und illegale Partys feiern. Zweitens: Am Freitagabend auf schönes Radiowetter hoffen, eine Behelfsantenne basteln und die Sendung „No Wave“ auf NDR2 mitschneiden. Und Drittens: In den Schulferien im penetrant nach Pfeffi-Schnaps stinkendem Lager der Konsumzentrale in Plagwitz arbeiten gehen, nach Feierabend in der Garderobe die Arbeitsschuhe der besoffenen Kollegen klauen und sie später als DocMartin-Springerstiefel-Ersatz tragen. 

PM Hoffmann ist in Leipzig geboren und arbeitet von der Messestadt aus unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Falter. Quelle: privat

Das ist ja eine komplette Handlungsanweisung, perfekt! Viel über das Leben als DDR-Punk erfährt man natürlich auch in „Ander sein – oder der Punk im Schrank“. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Soziologen Bernd Lindner. Wie kam es dazu? 

Wir haben uns über die gemeinsame Arbeit an unserem ersten Comic „Herbst der Entscheidung“ kennengelernt, der bereits 2016 erschienen ist. Wir wollten dann unbedingt auch einen Comic über Jugend-Subkulturen in der DDR machen. Bernd bot mir zuerst die Beatszene an, damit konnte ich aber nix anfangen. Das war die Musik meines großen Bruders, die fand ich damals aus Prinzip doof. New Wave oder Indiepop war im Gegenzug für Bernd zu weit von seiner Jugendzeit weg. Also trafen wir uns in der Mitte und wählten die erste DDR-Punkergeneration Anfang der 1980er Jahre. Zumal diese auch gesellschaftspolitisch die interessanteste war. Ich fand es geil, weil ich schon immer mal verfallene DDR-Altbauten, Punk-Keller und Szeneclubs zeichnen wollte. Das klingt vielleicht oberflächlich, aber wenn man ein ganzes Jahr lang jede freie Minute opfert, um eine Graphic Novel zu zeichnen, dann sollte das auch Spaß machen. 

Ein großer Teil der Geschichte spielt in Leipzig, beide Autoren lebten zu dieser Zeit in der Stadt – wie viel ist autobiographisch? 

Bei mir ist es vor allem die Faszination für Punk als ich ungefähr 16 Jahre alt war und ich begann mich nach neuen Vorbildern und kulturellen Einflüssen umzuschauen. Die ersten Punks, die ich damals sah, empfand ich als Aliens von einem anderen Planeten. Eigentlich recht banal. Wir wollten raus aus der grauen DDR-Tristesse. Und alles was Farbe hatte – und sei es auch nur mit Antipilz-Mittel gefärbte lila Haare – war hochinteressant. Der Staat war autoritär und vormundschaftlich, Punk war die korrekte Antwort darauf. Allerdings hab ich mich nicht getraut, voll mitzuziehen und tatsächlich mit einem Iro in der Schule aufzulaufen. Aber die Musik hab ich gehört. Wenn der Wind günstig stand und ich guten Radioempfang hatte. Oder eine Oma aus dem Freundeskreis eine Platte oder eine Ausgabe des Magazins „Spex“ über die Grenze schmuggeln konnte. 

Was war ihnen beiden beim Schreiben und Zeichnen der Graphic Novel wichtig?

Das es historisch genau erzählt und gezeichnet ist. Und trotzdem spannend bleibt. Das es nicht unterkomplex aber plakativ genug ist, so dass die Story und das Artwork zusammengehen und für das Medium Comic mit seinen Besonderheiten funktionieren. Das war nicht immer einfach.

Ausschnitt aus "Anders sein - oder der Punk im Schrank". Quelle: Christoph-Links-Verlag

Warum steckt der Punk in der Unterzeile eigentlich im Schrank?

Das bezieht sich auf eine entscheidende Szene am Anfang der Geschichte. Der Bassist der Punkband wird in Ost-Berlin von der Transportpolizei geschnappt – dafür reichte es in der Regel, als erkennbarer Punk über den Alexander-Platz zu spazieren. In der Wache versteckt er sich dann in einem Spind, der nach Dienstschluss allerdings abgesperrt wird, so dass er die ganze Nacht da drin bleiben muss und sich letztlich einpinkelt. Der Gestank hat ihn am nächsten Morgen an die Polizisten verraten. Die Begebenheit ist übrigens historisch belegt.

Sie zeichnen sonst für Zeitungen politische Themen – porträtieren Politiker und Personen der Zeitgeschichte. Wie leicht ging eine Graphic Novel über Punkrock von der Hand? 

Wenn Du alle Charaktere und Schauplätze definiert und festgezurrt hast und gut in die Geschichte reingekommen bist, ist es der geilste Job, den du als Illustrator haben kannst: Geschichten in Bildern zu erzählen. Irgendwann steckst Du so tief drin, dass du glaubst, ein Teil der Story zu sein. Am Ende bist du fast traurig, wenn es immer weniger Seiten werden, die zu zeichnen sind. 

Titelbild von "Anders sein - oder der Punk im Schrank" Quelle: Christoph-Links-Verlag

Zuletzt waren Ihrer Illustrationen zu den „Panama Papers“ in Flensburg in einer größeren Ausstellung zu sehen. Wann wird es wieder eine Schau mit ihren Bildern in Leipzig geben?

Ende Juni stelle ich die Originalzeichnungen von „Anders sein – der Punk im Schrank“ im Salon Similde (Simildenstraße 9) aus. Danach geht es mit Comicaustellungen weiter. Zunächst in Frankfurt/Main zur Buchmesse und im Oktober in Brüssel, bei „Huberty & Braine“. Das ist eine reine Comicgalerie, die eine international kuratierte Ausstellung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls präsentieren wird.

„Anders sein oder Der Punk im Schrank“ von PM Hoffmann und Bernd Lindner ist bereits im Ch. Links Verlag erschienen. Am 25. April (19 Uhr) feiern die Autoren im Stasi-Unterlagen-Archiv am Dittrichring 24 Buchpremiere. Eine weitere Lesung ist für den 18. Mai im „Blauen Salon“ im Berliner Mehringhof geplant.

Mehr zu PM Hoffmann: www.pmhoffmann.de

Von Matthias Puppe

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