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Mitteldeutschland Martyrium in Leipzig - Zwangsprostituierte veröffentlicht Erinnerungen an Kinderbordell
Region Mitteldeutschland Martyrium in Leipzig - Zwangsprostituierte veröffentlicht Erinnerungen an Kinderbordell
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19:56 07.03.2013
Von Andreas Friedrich
Wenn Opfer zu Tätern gemacht werden. Einst zum Sex gezwungen, heute wegen Verleumdung angeklagt - Mandy Kopp und Beatrix E. wollen Freispruch. Quelle: dpa

Die Anklagen sind eingestellt. Damit die Taten nicht vergessen werden, hat sie ein Buch geschrieben.

Manchmal genügt schon ein Geräusch. Oder der Geruch eines bestimmten Parfüms, ein Gegenstand, ein schriller Schrei - dann laufen in ihrem Kopf Bilder von Ereignissen ab, die vor zwanzig Jahre passierten. Damals, gerade mal 16, wurde Mandy Kopp im Leipziger Bordell Jasmin zur Prostitution gezwungen. "Wenn ich viel zu tun habe, abgelenkt bin, sind solche Flashbacks selten. Wenn ich mich mit dem Geschehen beschäftige, kommen sie öfter", sagt die heute 36-Jährige. Dann fühlt sie sich, als würde sie wieder ihren noch kindlichen Körper hergeben, als zähle sie wieder die Falten des Fächers an der Wand, bis der Typ auf ihr fertig ist. Für den Moment verliert sie den Kontakt zur Realität im Jahr 2013. Schlaglichtartig ist wieder Januar 1993.

Nach solchen Attacken findet sie sich heulend, zitternd, von Angst zerrissen in einer Zimmerecke oder unterm Tisch. Sie ist stark traumatisiert und leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Seit Jahren unterzieht sie sich einer Traumatherapie. Bei kleinsten Anzeichen, dass irgend ein Auslöser sie zurückwerfen könnte, versucht sie mit Gegenbildern im Kopf gegenzusteuern. "Ich versuche, mir einen Ort zu denken, damit mich die Gedanken an etwas Schönes wie eine Glasglocke schützen." So bleiben die bösen Bilder draußen. Manchmal.

Ihre wohl wichtigste Therapie aber war das Schreiben. Als die Entscheidung fiel, ein Buch herauszubringen, war die Hälfte des Textes bereits fertig. "Versuch die Sachen aufzuschreiben, wenn du nicht darüber reden kannst", hatte ihr der Internatsdirektor tief im Westen geraten, wo sie unter neuer Identität zum Schutz vor ihrem einstigen Zuhälter untergetaucht war. "Während des Schreibens habe ich manchmal tagelang geweint, oft nur eine halbe Seite geschafft", sagt sie, und es scheint, als drohe ihre Stimme in jedem Moment zu brechen. Doch nun liegt es vor ihr auf dem Tisch: Ihr Buch. Ihr Leben zwischen zwei Pappdeckeln auf 272 Seiten. Mit Mandy Kopp selbst auf dem Cover. Sie hält eine Zigarette in der Hand und blickt mit gesenkten Lidern ins Leere.

Keine Strafe für die Täter

Juristisch ist der Fall der Mädchen vom Jasmin ausverhandelt. Ihr damaliger Zuhälter, der sie und die anderen mehrfach verprügelte und vergewaltigte, abrichtete, ihren Willen brach, dealte vor Gericht. Er bekam ein mit vier Jahren Haft vergleichsweise mildes Urteil und ist wieder frei. Die Missbrauchsklagen gegen angebliche Freier wie einen damaligen Richter, einen damaligen Staatsanwalt und andere wurden eingestellt. Die Juristen bestreiten, jemals in dem Bordell gewesen zu sein. Den Mädchen glaubte man nicht. "Es hieß, wir waren geschminkt. Es wäre nicht erkennbar gewesen, dass wir minderjährig waren", erinnert sich Mandy Kopp. Verjährt wären die Taten inzwischen. Geblieben ist der Prozess, in dem sich Mandy Kopp und Beatrix E. wegen Verleumdung verantworten müssen. Die Opfer wurden zu Tätern. Er ist ausgesetzt, weil beide psychisch schwer angeschlagen waren.

Dass er fortgesetzt wird, steht für beide außer Frage. "Ein Kläger, Richter und Staatsanwalt haben angeboten, die Klagen zurückzuziehen, das Verfahren zu beenden. Wir sollten eine Erklärung abgeben, dann hätte die sächsische Justiz alle Kosten übernommen, auch unsere", sagt sie. Aber Mandy Kopp und die Mitangeklagte Beatrix E. sind sich einig: "Es gibt kein Freikaufen." Sie wollen einen Freispruch. "Die Staatsanwaltschaft muss von der Bezeichnung Prostituierte, die sie für uns verwendet, abkommen. Wir sind Opfer, haben das nicht freiwillig getan", sagt Kopp.

Sie lässt keine Ruhe, weil ihr die Geschichte keine Ruhe lässt. Als ihr Vater 1989 starb, war sie zwölf. "Das war der Bruch in meinem Leben", sagt sie. Mandy pubertierte, die erste Liebe kam. Mutter und Tochter hatten es schwer miteinander. Irgendwann riss sie von zu Hause aus, kam mit einer Freundin in WGs unter, genoss das Leben auf der Straße. An einem Imbiss trafen sie den Ex ihrer Freundin. Der hatte einen Typen dabei, der ihnen eine Wohngemeinschaft empfahl. Der Inhaber habe ein Auge "auf solche Mädels". Eine warme Bleibe lockte, der Winter kam. Er fuhr sie in die Merseburger Straße 115. Sie wurden freundlich empfangen, erzählten und bekamen einen Drink. Darin muss ein Betäubungsmittel gewesen sein. Als sie aufwachten, waren sie nackt - und missbraucht. Die vermeintliche Mädchen-Bude war ein Bordell. So schreibt es Mandy Kopp in ihrem Buch. Sie schildert die Vergewaltigungen durch den Zuhälter, die Besuche der Freier. Sie erzählt vom Fluchtversuch, von dem sie freiwillig zurückkehrte - aus Angst, "er" würde die Mädchen oder ihre Familie dafür bestrafen. Angedroht hatte er es mehrfach.

Zwei Monate zeichnen ein Leben

Man kann das Buch in einem Zug lesen. Oder man knallt es vor Wut und Übelkeit zwischendurch hin. Die Schilderungen von den Zuständen im Jasmin, dem Abstumpfen gegenüber den Freiern, der Mehrfachvergewaltigung mit Pistole an ihrem Kopf, dem Einsperren ins Kühlhaus eines alten Schlachthauses, um sie abzurichten, gehen nahe. Ende Januar 1993 stürmte die Polizei das Bordell und befreite die Mädchen. Eine hatte ausnahmsweise ihre Eltern besuchen dürfen und dort ausgepackt. Nach zwei Monaten war das Martyrium vorbei.

Und auch wieder nicht. Mandy Kopp schreibt von dubiosen Ermittlungsmethoden. Man glaubte ihr nicht. Die meisten anderen Mädchen hatten aus Angst Aussagen zurückgezogen oder geändert. Sie leidet bis heute an dem, was in den zwei Monaten geschah. Ihre Ehe zerbrach daran mit. Für ihre beiden Söhne ist das Leben nicht einfach. Auch für die Jungs ist das Buch. Als sie eine Krebserkrankung überstanden hatte, wusste sie: "Ich muss das aufschreiben, damit meine Kinder meine Geschichte kennen." Wieder beginnen ihre Augen feucht zu glänzen. Die Stimme stockt.

Gerade zog sie wieder um, weil sie fürchtet, irgendjemand könne sich rächen, weil sie nicht schweigt. Treffen sind nur auf neutralem Boden möglich. Sie taucht als Person ab, geht mit ihrem Schicksal aber vor die Leute. Sie wird auf der Buchmesse auftreten. Dann lässt sie sich schützen. Ein Widerspruch sei das nicht. Öffentlichkeit hergestellt habe zuerst die Staatsanwaltschaft, die im Einstellungsbeschluss der Verfahren gegen mutmaßliche Freier Namen und Anschriften der einstigen Zwangsprostituierten verwendete. "Wie viel Schutz gab es da noch für uns? Gar keinen." Nun sei die Zeit des Schweigens und der Demütigung vorbei.

Es würde sie nicht wundern, wenn einige der damaligen Freier das Buch kaufen. "Wenn sie es lesen, wissen sie, dass wir sie kennen." Es könne ja weitere Missbrauchsopfer geben, vielleicht durch Taten, die noch nicht verjährt sind. Die wolle sie ermutigen, auszupacken. Ihre Begründung leuchtet ein: "Solche Freier hören ja nicht einfach auf damit, nur weil ein Bordell schließt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.03.2013

Andreas Friedrich

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