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Mitteldeutschland Medizintouristen zieht es nach Sachsen
Region Mitteldeutschland Medizintouristen zieht es nach Sachsen
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22:00 03.02.2019
Deutschland zieht viele Medizintouristen an.
Deutschland zieht viele Medizintouristen an. Quelle: dpa
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Leipzig

Sächsische Kliniken profitieren international von ihrem guten Ruf: 2017 kamen 2332 Patienten aus dem Ausland. Das sind 3,2 Prozent mehr als im Jahr davor. Plus etwa anderthalb mal so viele ambulante Patienten, die aber nicht extra erfasst werden. „Sachsen entwickelt sich sehr gut“, schätzt Jens Juszczak ein, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die sich mit den seit 2004 erhobenen Daten beschäftigt. Konkret bedeutet das seither einen Zuwachs bei den Medizintouristen um 245 Prozent. Besser war nur noch Berlin (301 Prozent). Thüringen dagegen schaffte es mit 71 Prozent nur ins untere Mittelfeld. Im Vergleich zum Vorjahr gab es einen Rückgang um 6,6 Prozent.

Der Vize-Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, Friedrich München, sagt: „Dass so viele Medizintouristen hierher kommen, liegt nicht zuletzt daran, dass die Kliniken in den Rankings immer wieder gut abschneiden.“ Das bestätigt der Sprecher des Leipziger Herzzentrums, Stefan Möslein. Er spricht von einer Hochleistungsmedizin „Made in Leipzig“: „Gerade in schwierigen medizinischen Fällen wird auf die Expertise und schonenden Behandlungsmethoden des Herzzentrums vertraut.“ Die Uniklinik in Dresden verfügt sogar über ein eigenes Internationales Büro und wirbt im Ausland.

Vor allem Polen lassen sich behandeln

Deutschlandweit ist Polen das wichtigste Herkunftsland. Auch in Sachsen und Thüringen kommen die meisten Medizintouristen von dort oder aus Tschechien. Nach Sachsen-Anhalt hingegen zieht es auch viele Rumänen. Aus dem russischen Raum beispielsweise wird als Folge der Tschernobyl-Katastrophe verstärkt Krebsbehandlung nachgefragt. Araber wiederum erhoffen sich Heilung wegen Diabetes, Adipositas oder Herzerkrankungen. Lukrativ sind auch die in Deutschland hoch entwickelte Kinderheilkunde, Augenmedizin und Orthopädie.

„Nach Deutschland kommen Patienten, die eine gute Behandlungsqualität möchten, die in ihren Ländern nicht oder nicht in dem Maß vorhanden ist“, erklärt Juszczak. „Deutsche wiederum gehen ins Ausland für Behandlungen, deren Kosten die Kassen nicht übernehmen.“ Bundesweit gingen die Zahlen leicht um zwei Prozent zurück. Dennoch ließ sich immer noch rund eine Viertel Million Medizintouristenbehandeln und bescherte dem Gesundheitssystem rund 1,2 Milliarden Euro zusätzliche Einnahmen.

Verändert haben sich die Herkunftsländer. So brachen Golfstaaten wie Kuwait (-62 Prozent), Saudi-Arabien (-36 Prozent) und der Oman (-28 Prozent) deutlich ein. „Das Geld sitzt im arabischen Raum nicht mehr so locker", sagt Juszczak. Die Kostenträger kontrollierten Rechnungen deutscher Ärzte und Kliniken jetzt viel genauer und sanktionieren Verstöße. Den betreffenden medizinischen Einrichtungen drohten lange Wartezeiten auf ausstehende Beträge oder gar Rückforderungen.

Gesundheitsrisiko Oktoberfest

Umgekehrt erhole sich der russischsprachige Markt: Kasachstan (37 Prozent), die Ukraine (19 Prozent) und Russland (8 Prozent) legten spürbar zu. Aus der Russischen Föderation kommen mittlerweile mehr Patienten als aus allen Golfstaaten zusammen. Dabei steht Deutschland im Wettbewerb mit anderen Ländern. Denn Medizintouristen bringen auch Geld für Hotels, Restaurants und Geschäfte. Das ist zum Beispiel für Länder wie die Türkei, wie Belgien oder Israel interessant.

Dabei seien nur 40 Prozent der Behandlungen geplant. 60 Prozent dagegen erfolgten nach Arbeitseinsätzen, Skiunfällen oder eben auch nach durchzechten Nächten auf dem Münchner Oktoberfest. Möglicherweise ist deshalb auch Bayern das Maß aller Dinge: 27 344 Patienten sind bundesweit nicht zu toppen.

Von Roland Herold