Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Mehr Badetote in Sachsen: „Ertrinken ist ein leiser Tod“
Region Mitteldeutschland Mehr Badetote in Sachsen: „Ertrinken ist ein leiser Tod“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:23 02.08.2018
Die Wasserwacht übt die Rettung Ertrunkener an der Kiesgrube Eilenburg.Bjoern Haendler
Anzeige
Leipzig/Dresden

Die warmen Temperaturen während der Urlaubszeit locken zahlreiche Menschen an Seen und in Freibäder. Das sei auch der Grund, warum dort in den vergangenen Tagen so viele Leute verunglückt sind, sagt Michael Birkner, Landesleiter der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Sachsen. Insgesamt 19 Badetote zählt er seit Januar im Freistaat. Allein im Juli verunglückten der Wasserwacht zufolge in Sachsen 13 Badende tödlich. Das ist deutlich mehr als im Vorjahr: 2017 ertranken insgesamt nur elf Menschen in sächsischen Gewässern. Nach Angaben der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft waren es im Vorjahr mit 24 Badetoten bis zum 20. Juli allerdings deutlich mehr. Es ist Auslegungssache, ob etwa Menschen, die in der Badewanne ertrinken oder nach der Reanimierung im Krankenhaus sterben in die Statistik eingerechnet werden oder nicht. Die Unfälle werden nicht einheitlich dokumentiert. Fest steht: Die Fälle häufen sich.

Männer ertrinken häufiger als Frauen

Am Sonntag ertrank ein 24-Jähriger im Kulkwitzer See, ein 27-Jähriger ging am gleichen Tag in einer ehemaligen Kiesgrube in Dresden-Leuben unter. In Pegau (Landkreis Leipzig) kam ein 77-Jähriger in einem ehemaligen Tagebau ums Leben. Er hatte wohl gesundheitliche Probleme und ertrank. Ein 16-Jähriger liegt seit einem Unfall im Markkleeberger See bei Leipzig im Koma. Er hatte sich in den See gewagt, obwohl er nicht schwimmen konnte.

Anzeige

Häufig führe Herzversagen zu dramatischen Situationen. „Die Leute springen ins Wasser ohne sich abzukühlen“, bemängelt Birkner. Gerade Männer überschätzten sich oftmals. Sie wollten imponieren, seien unternehmungslustiger – da sei die Gefahr zu ertrinken größer, so der Chef der Wasserwacht. Etwa 80 Prozent der Badetoten seien männlich. Häufig spiele bei Badeunfällen auch Alkohol eine Rolle. Grundsätzlich sei aber niemand vor Unfällen beim Baden gefeit.

Birkner beobachtet, dass es im Freistaat immer mehr Nichtschwimmer gibt. Das läge zum einen daran, dass viele neu zugezogene Migranten nicht schwimmen können. Im Vorjahr hat die Wasserwacht daher extra Schwimmkurse für Flüchtlinge organisiert. „Aber es gibt auch deutsche Nichtschwimmer“, sagt Birkner. Schulkinder seien beim Schwimmunterricht weniger fit als noch vor einigen Jahren. „Da ist es schwieriger, ihnen in der begrenzten Zeit das Schwimmen beizubringen“, bedauert er.

Auch geübte Schwimmer müssten Vorsicht walten lassen. Ein Risikofaktor sei etwa das Baden an nicht freigegebenen Seen. „Es geschieht immer wieder, dass Sperrbereichsgrenzen übertreten werden auf der Suche nach einem scheinbar geeigneten und ungestörten Badeplatz“, erklärt Uwe Steinhuber, Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft. Er weist darauf hin, dass sich Rettungskräfte bei einer Bergung in gesperrten Gewässern wie dem Altdöberner See, Lichtenauer See oder Sedlitzer See in der Lausitz selbst in Gefahr bringen. Das Baden im Werbeliner See bei Delitzsch, der unter Naturschutz steht, werde mit hohen Bußgeldern bestraft.

Kinder beim Baden nie aus den Augen lassen

Wer unbedingt an unbewachten Stränden baden will, sollte wenigstens nicht alleine ins Wasser gehen, empfiehlt Birkner. Und egal ob bewachte oder unbewachte Badestelle: Besonders auf die Kleinen müsse Acht gegeben werden. „Ein Kind hat andere Körperproportionen als ein Erwachsener. Es geht sofort unter, wie ein Stein“, sagt Birkner. Er rät, Schwimmhilfen nur unter Aufsicht zu verwenden. Das Material könne kaputt gehen, eine Luftmatratze könne abtreiben.

Ähnlich wie Kinder schrien auch Erwachsene im Überlebenskampf im Wasser nicht laut nach Hilfe. „Ertrinken ist ein leiser Tod“, sagt Birkner. Er appelliert, sich selbst beim Retten eines Untergehenden nicht in Gefahr zu bringen. „Bemerkt man einen Notfall, sollte man mit etwas Schwimmbarem wie einer Luftmatratze, einem Stück Holz oder einer Stange zum Ertrinkenden.“ Wichtig sei, dass sich der Gegenstand zwischen Verunglücktem und Retter befindet, damit ihn der in Not geratene nicht mit unter Wasser zieht. Wenn der Ertrinkende sich an Stock oder Rettungsring festklammert, sollte man ihn beruhigen und an Land bringen.

Birkner rät außerdem, vor einer Rettungsaktion andere Badegäste direkt zu bitten, den Rettungsdienst zu verständigen und sich die Stelle zu merken, an dem der Betroffene um sein Überleben kämpft. Dann dauere die Suche der Experten kürzer, falls die Rettung missglückt.

3 500 aktive Rettungsschwimmer der Wasserwacht in Sachsen sind derzeit an 44 Stellen im Einsatz. In etwa 80 Prozent der Fälle allerdings kümmern sie sich um Stiche, Verstauchungen und Schnittwunden.

Von Theresa Held