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Mitteldeutschland Millionen neue Bäume gegen Erderwärmung – Sachsen und Thüringen forsten auf
Region Mitteldeutschland Millionen neue Bäume gegen Erderwärmung – Sachsen und Thüringen forsten auf
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22:14 11.07.2019
Schüler bepflanzen ein Grundstück in der Dresdner Heide im mit Jungbäumen. Die Erderwärmung kann einer Studie zufolge durch Aufforstung am wirksamsten vermieden werden. Quelle: Oliver Killig/dpa
Dresden

Das wirksamste Mittel gegen die fortschreitende Erderwärmung ist mehr Wald. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) in einer aktuellen Studie, die in Sachsen und Thüringen für Zustimmung sorgt.

Klimakiller unschädlich machen

Den vor wenigen Tagen im Wissenschaftsjournal Science veröffentlichten Ergebnissen zufolge wäre auf der Erde noch Platz für 900 Millionen Hektar zusätzlichen Waldes, was fast der Fläche der Vereinigten Staaten entspräche. Die weltweite Bewaldung könnte demnach um ein Drittel zunehmen, ohne dass Städte oder Landwirtschaft beeinträchtigt würden, stellen die Forscher aus Frankreich, Italien und der Schweiz fest. Falls diese Fläche in naher Zukunft aufgeforstet würde, könnten die jungen Bäume in den nächsten 50 Jahren reichlich 200 Gigatonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen. Weltweit sollen allein im vergangenen Jahr fast 40 Gigatonnen des Klimakillers ausgestoßen worden sein. Allerdings müsse die Bepflanzung bald beginnen, um die von der Weltklimakonferenz gesteckten Ziele zu erreichen, so die Forscher um den Ökologen Thomas Crowther.

Klöckner will „Mehrere-Millionen-Bäume-Programm“

Eine Gruppe von CDU-Bundestagsabgeordneten um Norbert Röttgen, den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, nahm die Schweizer Studie zum Anlass für die Forderung, die deutsche Außen-, Entwicklungs- und Umweltpolitik müsse sich stärker gegen Abholzung, für Wiederaufforstung und nachhaltige Waldwirtschaft einsetzen. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) forderte in dieser Woche ein Programm zur Wiederaufforstung der Flächen, denen Dürre, Stürme, Brände und Schädlinge dem Wald übel zugesetzt haben. „Einen vergleichbaren Waldverlust hat es in der Vergangenheit kaum gegeben“, sagte sie. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Nach Angaben des Agrarministeriums werden mehrere Millionen Bäume benötigt, um den Verlust von insgesamt 110 000 Hektar Wald auszugleichen. Konkret will Klöckner ein „Mehrere-Millionen-Bäume-Programm“, das aus dem Energie- und Klimafonds der Bundesregierung finanziert werden könnte.
Die Schüler Jan (l) und Dennis pflanzen im Rahmen eines Wiederbewaldungsprojekts im thüringischen Forstamt Leinefelde Buchen. Quelle: Swen Pförtner/dpa

Sachsen plant größere Wälder

Sachsens Umweltministerium begrüßte die Initiative: „Auch wir verzeichnen massive Waldschäden durch Stürme, Trockenheit und durch Schädlinge wie den Borkenkäfer“, sagte Umweltminister Thomas Schmidt (CDU). In den kommenden Wochen sei eine Konferenz geplant, bei der Experten Maßnahmen zur Stärkung der sächsischen Wälder festlegen, so Schmidt.

Rund 28 Prozent des Freistaates Sachsen sind bewaldet, in den kommenden drei Jahrzehnten soll der Waldanteil laut Landesentwicklungsplan auf 30 Prozent steigen. „Diesen Zuwachs zu schaffen, wird zunehmend schwieriger“, sagt der Sprecher des Staatsbetriebes Sachsenforst, Renke Coordes. Dazu wären 30 000 Hektar mehr Waldfläche nötig, also doppelt so viel wie in den vergangenen 30 Jahren. Widerstrebende Interessen aus der Landwirtschaft und von Naturschützern, die möglichst viele Offenland-Biotope erhalten wollten, stünden einer rasanten Aufforstung entgegen, so der Experte. Momentan seien Waldbesitzer voll damit ausgelastet, die durch Stürme, Dürren, Brände und Schädlingsbefall verursachten Schäden aufzuarbeiten und die Flächen wieder aufzuforsten. Bis zu sechs Millionen Bäume würden jedes Jahr neu gepflanzt, das entspricht einer Fläche von 1200 Hektar.

Aufforstung nicht auf eigene Faust

Freiwillige Helfer seien zwar willkommen, beispielsweise im Rahmen der Waldpädagogik für Schüler oder der jährlich stattfindenden Waldwochen. Auf eigene Faust loszuziehen und irgendwo Bäume zu pflanzen ist dagegen verboten. „Das muss mit dem jeweiligen Waldbesitzer abgestimmt werden“, so Coordes. Schulklassen, Vereine oder Gärtner sollten also nicht gleich mit Kanne und Spaten losziehen, sondern für eine effektive Pflanzaktion rechtzeitig mit einem der zwölf Forstbezirke Kontakt aufnehmen, rät der Experte.

Trotz der „schlimmsten Waldschäden seit dem Zweiten Weltkrieg“ ist Coordes zuversichtlich, dass auch kommende Generationen lebendige Wälder nutzen können. „Wir erhalten und mehren unseren sächsischen Wald“, versicherte der Forstfachmann. „Der Wald wird in einigen Jahrzehnten allerdings anders aussehen als heute.“ Als Beispiel nannte Coordes mehr Laubbäume und gemischte Waldbestände.

Stiftung „Wald für Sachsen“ sieht sich bestätigt

Der in Zürich erbrachte wissenschaftliche Beleg, dass mehr Wald einen positiven Effekt aufs Weltklima hätte, „ist Wasser auf unsere Mühlen“, sagt Olaf Kroggel von „Stiftung Wald für Sachsen“. Deren Mitstreiter und Partner haben in den zurückliegenden 23 Jahren für die Aufforstung von rund 1000 Hektar ehemaliger Bergbauhalden und ertragsarmer Äcker im Freistaat gesorgt. „Es ist offenbar in den Köpfen angekommen, dass wir die Wiederbewaldung unserer Landschaft forcieren müssen“, sagt der Projektleiter der in Leipzig ansässigen Initiative. „Was wir jetzt brauchen, sind mehr Eigentümer, die uns durch bereitgestellte Flächen unterstützen.“ Vor den ersten menschlichen Siedlungen seien 98 Prozent des heutigen Sachsen bewaldet gewesen. „Das wollen und werden wir nicht zurückholen. Aber wenn 30 Prozent oder vielleicht ein Drittel des Freistaates aus Wald bestünden, und das womöglich deutlich vor 2050, wäre das lokalklimatisch ein Gewinn für uns alle“, so Kroggel. Unterstützer seien jederzeit willkommen.

Thüringenforst will weiter zulegen

Die Züricher Studie zeige mit ihrem globalen Ansatz „ eine herausragende Option konkret umsetzbarer Klimaschutzschritte in den diskutierten Zeitkorridoren“, lobte Thüringenforst-Sprecher Horst Sproßmann. Mit seinem Waldanteil von 34 Prozent sei Thüringen ein waldreiches Bundesland. Zu den bestehenden 550 000 Hektar Wald kämen aller zehn Jahre 5000 Hektar hinzu (+0,9 Prozent), was auch als künftige Richtschnur gelte. Mit Blick auf den Klimawandel und dessen Auswirkungen auf das Ökosystem Wald sprach Sproßmann aber von „großen Unsicherheitsfaktoren“. „Mindestzielsetzung ist im Freistaat der Erhalt der aktuellen Waldfläche bis 2050“.

Auch in Thüringen darf nicht jeder beliebige Setzlinge in den Boden bringen. Das sei dringend mit dem jeweiligen Waldeigentümer abzustimmen. In allen 24 Forstämtern erfolgen im Frühjahr und Herbst Baumpflanzaktionen. „Wer an einer Aufforstung mitwirken will, sollte sich an eines dieser Forstämter wenden“, rät der Sprecher.

Grüne für Waldumbau und Kohleausstieg

Wolfram Günther, Fraktionschef der sächsischen Grünen begrüßt „alle Anstrengungen, den Waldanteil im Freistaat entscheidend zu erhöhen“. Die Waldmehrung müsse mit dem Waldumbau zu artenreichen Mischwäldern verbunden werden, um mehr Lebensraum für einheimische Tiere und Pflanzen zu bieten.

Zudem müssten Wälder weltweit geschützt werden, fordert der Grünen-Abgeordnete. „Doch Bäume allein sind keine Antwort auf die Klimakrise. Allein um den jährlichen CO2-Ausstoß des Kraftwerks Lippendorf aufzunehmen, müssten jedes Jahr 48 Millionen Bäume gepflanzt werden“, rechnete Günther vor und zog den Schluss: „Klüger wäre es, den Ausstoß an Treibhausgasen deutlich zu senken.“

Von Winfried Mahr

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