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Mitteldeutschland Mordfall Sophia: Gutachter stellt spanische Obduktionsergebnisse in Frage
Region Mitteldeutschland Mordfall Sophia: Gutachter stellt spanische Obduktionsergebnisse in Frage
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13:21 16.08.2019
Der Angeklagte zusammen mit Verteidiger und Übersetzer im Gerichtssaal des Bayreuther Landgerichts. (Archivfoto) Quelle: Matthias Puppe
Bayreuth

Fakten sind es, die während eines Gerichtsprozesses zum Urteil führen sollen. Im Fall der getöteten Leipziger Studenten Sophia mangelt es schon seit dem Geständnis des Angeklagten Boujemaa L. keineswegs an Details; steht die grausame Tat und auch die Verantwortung dafür überhaupt nicht in Zweifel. Und dennoch ist das Ringen im Bayreuther Landgericht um unverrückbare Informationen, vor allem zum Wann und Wie von Sophias Tod, ein zähes Unterfangen.

Am Freitag erhofften sich die Beteiligten etwas mehr Klarheit von der Zeugenaussage des Erlangener Rechtsmediziners Professor Stephan Seidl. Dieser hatte das in Spanien angefertigte Obduktionsgutachten intensiv unter die Lupe genommen und in dicken Aktenordnern eigene Schlüsse formuliert. Am Ende seiner Aussage sind die Fragezeichen aber wieder größer als zuvor.

Wie und wann starb Sophia?

Seidl nimmt im Gerichtssaal direkt vor der Anklagevertretung Platz, ist in jedem Moment seiner Aussage sicht- und hörbar um absolute Genauigkeit bemüht. Fachbegriffe reihen sich an andere Fachbegriffe, Schritt für Schritt geht der Professor das spanische Gutachten durch und stellt dabei viele der eigentlich klaren Erkenntnisse seiner Kolleginnen überraschend wieder in Frage.

Wegen des Mordes an Sophia Lösche aus Leipzig steht ein Lkw-Fahrer aus Marokko vor dem Landgericht in Bayreuth. Ein Rückblick auf den Fall.

Ärztinnen aus Vitoria-Gasteiz hatten Sophias Leichnam am 21. Juni 2018, einen Tag nach Auffinden unweit einer nordspanischen Tankstelle untersucht, fanden dabei Hinweise, dass die Studentin erst mit einem Gegenstand niedergeschlagen, dann noch lebend gefesselt und später mit erneuten Schlägen gegen den Kopf getötet wurde. Laut ihrer Prognosen starb Sophia wahrscheinlich erst zwei oder drei Tage nach ihrem Verschwinden. Ganz ausschließen konnten sie einen früheren Todeszeitpunkt allerdings nicht – dazu war der Zustand der Leiche schon zu schlecht.

Fesselung im lebendigen Zustand fragwürdig

Für Gutachter Stephan Seidl ist die Bestimmtheit vieler Angaben aus Spanien kaum nachzuvollziehen. Er weist auf einen „logischen Fehler“ seiner Kolleginnen hin, auf die fälschliche Verwendung des Wörtchens „frühestens“ beim Todeszeitpunkt im Gutachten, das eigentlich hätte „spätestens“ heißen müssen. Sophia starb zwar eindeutig nach zwei Schlagserien auf den Kopf, aber diese seien wahrscheinlich schon in Deutschland und nicht erst Tage später final auf die Studentin niedergegangen. Auch die Indizien für eine Fesselung im lebendigen Zustand hält Seidl für unwahrscheinlich – die obduzierten Einblutungen am Handgelenk seien eher „honiggelbe“ Vertrocknungen der Haut, wie sie nach dem Tod entstehen. Hinweise auf Abwehrverletzungen sind ebenfalls nicht eindeutig, sagt der Professor. Auch die Wunden an Sophias Lippe könnten erst nach ihrem Tod entstanden sein.

Immer wieder verweist Seidl darauf, dass er letztlich ja nur Knochen hätte untersuchen können, weil vieles andere schon zu sehr in Mitleidenschaft gezogen war. Die unterschiedlichen Orte, an denen Sophias Leichnam lag – erst im klimatisierten Fahrzeug, dann tagelang am Straßenrand im Gebüsch – machten klare Aussagen einfach unmöglich.

Sophias Bruder: Verstehe das nicht

Sophias Bruder lauscht den Ausführung ungläubig, verlässt dann sogar trotz laufender Verhandlung sichtlich resigniert den Gerichtssaal. „Es ist völlig unklar, wie ein Forensiker Aussagen von Kolleginnen so in Frage stellen kann – obwohl er Sophias Leiche ja erst acht Wochen später in einem noch schlechteren Zustand untersuchen konnte. Das verstehe ich einfach nicht“, wird er nach dem Prozesstag sagen. Zuvor hatte ihn der Richter zurechtgewiesen, er solle die Aussagen eines Gutachters vor Gericht nicht in Frage stellen.

An der Art und Weise, wie Sophia getötet wurde, daran hat zumindest auch der fränkische Rechtsmediziner letztlich keine Zweifel. Der Täter habe stehend auf die sitzende Studentin eingeschlagen. Mindestens vier Mal auf die eine Kopfseite, mehrfach noch auch auf die andere. Das bezeugen die Knochen. Die Schädelbasis brach, splitterte, Teile drangen ins Gehirn ein, sagt Seidl. „Diese Hirnverletzungen müssen todesursächlich gewesen sein.“ Staatsanwältin Sandra Staade will danach wissen, wie groß die Schmerzen für Sophia gewesen sein müssen. Der Gutachter überlegt kurz, sagt dann: „Wenn es primär schon schwere Verletzungen gab, dann trat zeitnah auch die Bewusstlosigkeit ein“. Ein schwacher Trost für Sophias Eltern, die nur wenige Meter entfernt zuhören.

Angeklagter attackierte Ehefrau mehrfach

Das Maß des Ertragbaren ist an diesem Verhandlungstag eigentlich schon erreicht, da bittet Richter Bernhard Heim den Angeklagten noch einmal in den Zeugenstand. Er will Boujemaa L. zu einem tätlichen Angriff auf seine Ehefrau befragen, den dieser zum Prozessauftakt fast beiläufig erwähnt hatte. Der 42-Jährige erzählt bereitwillig, wie er sein Gattin in Marokko im Streit mit einem Küchenmesser geschlagen habe und wie sie danach mit „zwei bis drei Stichen“ am Oberkörper genäht wurde. Später schlug er sie in seinem Lkw – und ließ sie trotz blutender Wunde auf der Straße stehen. Warum das alles, will der Richter dann wissen. Zuviel Facebook, verratene Familiengeheimnisse, unsaubere Wohnung, vernachlässigte Kinder kommen als Begründungen. „Würden Sie sagen, dass Sie leicht reizbar sind?“, fragt Heim weiter. „Niemand darf mich schlagen“, antwortet Boujemaa L. Und: „Ich wollte die Frau nicht umbringen.“

Von Matthias Puppe

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