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Mitteldeutschland Grönemeyer & Co. gegen Rechts bei „Kosmos Chemnitz – wir bleiben mehr“
Region Mitteldeutschland Grönemeyer & Co. gegen Rechts bei „Kosmos Chemnitz – wir bleiben mehr“
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23:23 04.07.2019
KOSMOS CHEMNITZ - WIR BLEIBEN MEHR am 4. Juli 2019. Auf der Hauptbühne spielte Herbert Grönemeyer. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu
Chemnitz

50.000 Besucher haben am Donnerstag in der Chemnitzer Innenstadt friedlich eine Megaparty gefeiert. Beim Konzert „Kosmos Chemnitz - Wir bleiben mehr“ waren Stars wie Herbert Grönemeyer, Tocotronic, Rapper Alligatoah und Dr. Motte aufgetreten. Für einen Tag machte die westsächsische Metropole der Loveparade Konkurrenz. Auf die Plätze rund um den Nischel und die Stadthalle drängten im Laufe des Tages immer mehr partybegeisterte Fans. Die Innenstadt war bereits früh abgesperrt worden.

Laut Polizei waren etwa 230 Beamte im Einsatz. Störungen waren nicht zu verzeichnen, hieß es am Abend. Es seien lediglich einzelne Straftaten festgestellt worden, darunter eine Körperverletzung und zwei mit Kreide an eine Wand gemalte Hakenkreuze.

Grönemeyer vor Zehntausenden

Den Tag über waren vor den verschiedenen Bühnen in der Stadt Zehntausende unterwegs. Höhepunkt war am Abend der Auftritt von Herbert Grönemeyer. Zum Auftakt sagte er zu den Chemnitzern und ihren Gästen: „Gesine Schwan hat mal gesagt: Was ist das Gegenteil von Leichtsinn? Leichter Sinn.“ Das sei die Grundlage für Zivilcourage.

„Deshalb sind wir heute hier. Um uns gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und rassistische Tendenzen einzusetzen“, so der Musiker weiter. „Wir stehen heute hier auch für unser Land. Wir lassen es nicht nach Rechts ausfransen.“

Auf #wirsindmehr folgt #wirbleibenmehr: Mit dem Konzert Kosmos will die Stadt Chemnitz ein Zeichen setzen.

Chemnitz, das hat Spaß gemacht“

Zuvor waren bereits ab 15 Uhr auf mehr als einem halben Dutzend Live-Bühnen die Verstärker aufgedreht. Popstern Jary verliert sich beim Auftakt noch ein wenig auf der großen Hauptbühne, aber schon bei Songwriter Joris ist der Platz vor den Boxen dicht gefüllt. Als dann Tocotronic am Frühabend die Bühne betreten, kann Sänger Dirk von Lotzow angesichts tausender Gesichter vor ihm schon in die Menge rufen: „Wir sind viele, wir sind mehr, wir bleiben mehr“.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Mauli auf der HipHop-Bühne direkt unter dem Nischel. „Chemnitz, das hat Spaß gemacht“, verkündet er völlig schweißgetränkt. Einige hundert Meter weiter lärmen Urlaub in Polen mit dichten Gitarrenwänden. Kurz dahinter wiederum hat das Boiler Room Team ein Techno-Zelt aufgebaut, zu dem Hunderte strömen. Auch hier kein Halten, die DJ-Stars Omar S. und Bytone heizen der tanzverrückten Menge ein.

Bei aller Partylaune wird aber auch klar: Die Narben, die der Tod von Daniel H. vor einem Jahr in Chemnitz hinterlassen hat, verheilen nur langsam. Auch wenn am Tatort mittlerweile keine Blumen und Kerzen mehr stehen. Ein Optimist hat in verschiedenen Farben „Toleranz“, „Rücksicht“ und „Weltoffenheit“ auf den Gehweg gesprüht.

„Das kotzt einen voll an“

Doch nicht alle sehen das so und freuen sich über das Festgetümmel und den Menschenauflauf in Chemnitz. „Die ganze Stadt ist voll mit dem Scheiss. Das kotzt einen voll an“, sagt ein Jugendlicher in schwarzem Kapuzenpullover zu seinem Freund, mit dem er aus der Straßenbahn steigt.

Plakat bei "Kosmos Chemnitz" Quelle: Roland Herold

Vor der Stadthalle verteilt ein Mädchen Anti-Nazi-Aufkleber der „Partei“. Warum sie das tue? Weil es immer mehr Rechtsextremismus in Chemnitz gebe, erwidert die 16-Jährige.

„In dem Stadtteil, in dem ich wohne - Gablenz - ist es besonders schlimm,“ sagt sie und fügt dann hinzu. „Wenn ich es mir recht überlege, möchte ich nicht, dass mein Name oder mein Foto in der Zeitung erscheinen.“ Ob sie Angst hat? Sie nickt, lächelt und geht weiter.

„Bisher hat uns keiner angepöpelt“

Ganz anders sieht das Anett Linke (30), die mit dem Stand der „BuntermacherInnen“ an der Straße der Nationen steht und sich auch vor Mikrofonen nicht scheut. „Wir haben uns im vergangenen August gegründet und auf die Fahnen geschrieben, die Gräben in Chemnitz zu schließen.“ Ins Gespräch kommen statt einander auf Demos anzuschreien, sei die Devise.

Anett Linke Quelle: Roland Herold

Ob das klappe? „Ja, bisher hat uns noch keiner angepöbelt“, sagt sie stolz. Voraussetzung sei allerdings, neutral zu agieren. „Wir schließen niemand von vorn herein aus“, sagt die 30-Jährige. Eingeladen werde zum Dialog bei Kaffee und Kuchen - meist im Chemnitzer Stadtteil Bernsdorf. „Und wer kommt, der kommt.“ Vor der Kommunalwahl sei man klingeln gegangen, um die Leute aufzufordern wählen zu gehen. „Egal welche Partei.“

„Wieder mehr zum Miteinander finden“

Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderung und „Kosmos“-Cheforganisator, ist begeistert von der Atmosphäre. „Im Gegensatz zum Bild, was manch einer sonst von Chemnitz hat, sind alle Generationen auf dem Gelände, die Stimmung ist ausgelassen und positiv.“

#wirbleibenmehr

Dirk von Lowtzow von Tocotronic macht auf dem Kosmos Chemnitz-#wirbleibenmehr eine ganz klare Ansage. Hier geht es zum Artikel: https://bit.ly/2xr1E51

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Donnerstag, 4. Juli 2019

Dann stellt er klar: Bei der Veranstaltung gehe es nicht nur um Musik und „ums Feiern nur um des Feierns willen“. Sondern eben auch um Inhalte. „Wir wollen das, was unter anderem im August 2018 passiert ist, aufarbeiten“, verspricht er gegenüber der LVZ.

Wie diese Aufarbeitung aussehen könnte, zeigt sich auf zahlreichen Diskursen in der Stadt – unter anderem im ehemaligen Kaufhaus Xquisit. Dort wo früher Kleiderstangen aufgereiht waren, gibt es ein Podium und voll besetzte Stuhlreihen davor. „Bewegt was – Ohnmacht umdenken“ ist eines der Themen und Jan Kummer, Sänger der legendären DDR-Punkband AG Geige, einer der Diskutanten.

Diskussion im ehemaligen Xquisit-Kaufhaus. Quelle: Matthias Puppe

„Es geht in Chemnitz jetzt vor allem darum, wieder mehr zu einem Miteinander zu finden. Die politischen Lager in der Stadt sind sehr voneinander getrennt“, sagt das Chemnitzer Urgestein, dessen Söhne Felix und Till bei Kraftklub spielen und maßgeblich am Vorgängerevent #wirsindmehr beteiligt waren. Und trifft sich darin mit der Buntmacherin Linke.

Mehr zum Thema: So können Sie das Konzert live verfolgen

Bewegung fordert neben ihm auch Jana Ciernioch von der Mittelmeer-Rettungsorganisation SOS Méditerranée – allerdings nicht nur in Chemnitz: „Es gibt inzwischen sehr viel Solidarität für die Rettungsaktionen der NGOs im Mittelmeer – sogar von Außenminister Heiko Maas. Dieser Solidarität müssen nun aber auch politische Handlungen folgen“, sagt sie und spricht auch von einer zunehmenden Verschärfung der Situation für alle Flüchtlingsorganisationen im Mittelmeer.

„Rassismus ist oberarm“

Im Stadtpark tobt derweil den ganzen Tag der Parksommer. Kinder-Rapper hopsen über die Bühne, Schüler machen Kabarett. Eine große Zaubershow beginnt, begleitet vom Beifall der Erwachsenen, die unter den großen Bäumen Schatten suchen. Für einen Augenblick herrscht bei einem Teil der Eltern Verwirrung, weil drei Bereitschaftspolizisten über die Straße hasten. Doch die martialisch gekleideten Beamten wollen sich nur rasch ein Eis aus dem Café „Cortina“ holen.

Plakat bei „Kosmos Chemnitz“ Quelle: Roland Herold

Daneben steht der Stand eines Fitnessstudios, das mit dem Slogan „Rassismus ist oberarm“ wirbt und einen muskelbepackten Oberkörper mit einem Karl-Marx-Kopf geschmückt hat. Silas Wehner, der Aufkleber verteilt, sagt ein wenig verlegen: „Das ist die Idee unseres Managements gewesen. Werbeaktion.“ Das Ganze sei „vielleicht ein wenig provokant“, aber „das Ziel dennoch einsetzenswert“, grinst er.

Von Roland Herold / Matthias Puppe

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