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Mitteldeutschland Nach Kohle-Gestank zu DDR-Zeiten: Wie riecht es heute in Espenhain?
Region Mitteldeutschland Nach Kohle-Gestank zu DDR-Zeiten: Wie riecht es heute in Espenhain?
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09:44 27.06.2019
Tagebau Espenhain 1992 Heute befindet sich hier der Störmthaler See. Quelle: Armin Kühne
Espenhain

 Ein geschäftstüchtiger Parfümhersteller erklärte den 27. Juni zum Weltdufttag. Damit will er die Kunden mit der Nase darauf stoßen, bewusster zu riechen. Gut, dass ihm die Idee erst lange nach der deutschen Wiedervereinigung kam. Andernfalls hätten ihm die Menschen im Leipziger Südraum was gehustet.

Zu DDR-Zeiten wurde rund um Espenhain Kohle gefördert. Die Abgase aus den Fabriken verpesteten damals die Luft. Der kleine Ort Mölbis galt als das dreckigste Dorf Europas.,

Die einstige Industrieregion, Symbol für Umweltverschmutzung, litt zu DDR-Zeiten unter schlechter Luft. Der Gestank nach faulen Eiern zog sogar in die Kleidung. Es hieß, wo immer auch Mölbiser zu Besuch waren, rümpften die Gastgeber noch Tage danach die Nase. LVZ-Reporter Haig Latchinian hörte sich im benachbarten Espenhain um: Wie steht es heute um den Geruchssinn der Bewohner? Jetzt, da nicht mehr gilt: Nase zu und durch.

Mathias Kühnemund (59) arbeitete in der Schwefelgewinnung Quelle: Haig Latchinian

Der Maschinist

Ja, die Luft sei schlecht gewesen, sagt Mathias Kühnemund (59): „Aber ich hatte einen sicheren Arbeitsplatz.“ Von 1976 bis 1989 war er Maschinist in der Schwefelgewinnung. Mit seinen Kollegen stellte er Flüssigschwefel fürs In- und Ausland her. Und denkt noch immer gern an diese Zeiten zurück. „Bei acht Stunden in drei Schichten hast du gar nichts mehr gerochen.“ Krank sei er davon nicht geworden. Sein Riecher sage ihm, es wäre besser gewesen, wenn sich die politische Großwetterlage nicht verändert hätte: „Aber es geht nicht nach uns.“ Die Einheit brachte ihm Arbeitslosigkeit und Umschulung, ABM und Ein-Euro-Job. Nur keine Anstellung. Mit fast 60 sei er auf dem Arbeitsmarkt chancenlos. „Aber ich habe einen 16-jährigen Sohn, der auch bei mir wohnt“, sagt der geschiedene Mann stolz.

Carola Grüßner (55) war Lehrling in der Brikettfabrik Quelle: Haig Latchinian

Die Mutter

Der Gestank sei extrem gewesen, erinnert sich Carola Grüßner (55): „Du konntest kaum die Fenster aufmachen. Wir waren umzingelt von lauter Werken.“ Nach der achten Klasse begann sie als Lehrling in der Brikettfabrik. „Mit 17 war ich das erste Mal schwanger, mit 18 das zweite Mal. Und so weiter.“ Gearbeitet habe sie noch mal kurz in der Küche vom Kindergarten. Inzwischen kann die sechsfache Mutter fünf Enkel aufweisen. Ist die ganze Familie beisammen, werde gerostert. Sie mag den Duft brutzelnder Würste, so Carola Grüßner. Die Nase könne eben auch Geschenk sein: „Früher überdeckte der Schmutz alles. Jetzt rieche ich die frisch gemähte Wiese.“ Und doch, damals gab es mehr Kohle, sagt die Frau und reibt demonstrativ Daumen gegen Zeigefinger.

Gerhard Günther (71) war E-Lokfahrer im Tagebau Quelle: Haig Latchinian

Der Lokfahrer

Er stamme aus Merseburg, verrät Gerhard Günther (71): Gegenüber Buna und Leuna sei Espenhain vom Gestank her beinahe ein Kurort gewesen, sagt er mit Augenzwinkern. Als E-Lok-Fahrer kam er 1978 nach „Bad Espenhain“, fuhr Kohle ins Werk und Abraum auf die Kippe. Als damit Schluss war, wechselte er auf einen Campingplatz in der Dahlener Heide und machte dort den Leiter: „Der Duft nach Baumharz war für mich was ganz besonderes. Plötzlich konntest du frei atmen. Das hattest du dir nie getraut. Davor hast du die Lunge immer nur halb gefüllt.“ Inzwischen sei die Luft auch im Leipziger Südraum sauber, sagt der überzeugte Espenhainer: Die Seen, selbst die Magnolie im Garten – alles könne er erschnuppern, seitdem die Schlote und auch er selbst nicht mehr rauchten.

Jens Seiferth (49) arbeitete als Reparaturschweißer in der Schwelerei. Quelle: Haig Latchinian

Der Schweißer

Hainer See und Störmthaler See direkt vor der Haustür – es rieche inzwischen nach Urlaub, schwärmt Jens Seiferth (49). Der Mitarbeiter des örtlichen Bauhofs fühlt sich wohl in Espenhain. Er hat Familie und ein eigenes Haus, will nie mehr fort von hier. Das war nicht immer so. Der gelernte Schweißer, der noch in der Schwelerei gearbeitet hatte, ging nach der Wende kurzzeitig in den Westen. Der Arbeit wegen, wie er betont: „Die dicke Luft hast du als Espenhainer damals kaum wahrgenommen.“ Es gab Ausnahmen: Etwa, wenn der Besuch feststellte, wie schlimm es stinke. Oder wenn man selber aus dem Urlaub heimkehrte und die Nase rümpfte. „Und wenn die Arbeitssachen müffelten, bloß weil du mit dem Rad durchs Werk gefahren warst.“

Peter Petters (76) ist Gastwirt seit 30 Jahren . Quelle: Haig Latchinian

Der Gastwirt

Die B 95 führe in nur zwei Metern Entfernung an seinem Gasthaus vorbei. Dennoch hörten seine Gäste vom Lärm so gut wie nichts, sagt Wirt Peter Petters (76) und verweist auf den Schallschutz. Auf sein Espenhain lässt der Linken-Stadtrat so schnell nichts kommen. Zwar müsse er wegen des hohen Verkehrsaufkommens täglich die Fensterbretter wischen. Ansonsten aber rieche es nicht mehr nach faulen Eiern, sondern nach fleißigen Bewohnern: „Mittelfristig bereiten wir die 700-Jahrfeier von Espenhain vor. An diesem Samstag wird erstmals zum Freilichtkino eingeladen!“ Espenhain – das ist seine Heimat. Im Garten duftet es nach Rosen. In der Kneipe treffen sich die Bergleute von einst. An den Wänden sind die Zeichnungen von Chronist Helmut Zimmermann zu sehen: „Der hat auch im Kombinat gearbeitet und ist 96 geworden.“

Pfarrer Karl-Heinz Dallmann setzte sich für den Umweltschutz ein. Quelle: Andreas Döring

Der Umweltaktivist

Von Atemwegserkrankungen und Hautausschlägen waren besonders die Mölbiser betroffen. Wer wüsste das besser als der damalige Pfarrer, Umweltaktivist und Bürgerrechtler, Karl-Heinz Dallmann (73). Er wohnt noch immer in Mölbis, einst „dreckigstes Dorf Europas“, heute einer der schönsten Orte weit und breit. „Niemand hatte zuletzt noch seine Tomaten gegessen. Angebaut wurden sie trotzdem. Es gab Entschädigung. Gasgeld bekam, wer sich bei der Gemeinde anstellte.“ Verwandte hätten es den Mölbisern lange Zeit nicht verraten: „Immer wenn wir irgendwo zu Besuch waren, muss es noch Tage später nach faulen Eiern und Kohlengas gerochen haben.“ Erst nach der Wende habe er überhaupt wieder das Parfüm einer Frau wahrnehmen können – oder das Gras nach einem Regenguss, berichtet der Pfarrer. „Leider, mein zwischenzeitlich erwachter Geruchssinn wird wieder schwächer. Ich bin an Parkinson erkrankt.“

Von Haig Latchinian

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