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Mitteldeutschland „Natürlich geht meine Tochter freitags zu den Demos – darauf bin ich stolz“
Region Mitteldeutschland „Natürlich geht meine Tochter freitags zu den Demos – darauf bin ich stolz“
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22:01 18.06.2019
Martin Dulig (45), sächsischer SPD-Vorsitzender und Vize-Ministerpräsident. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Immer freitags streiken bundesweit Zehntausende Schüler für besseren Klimaschutz. Auch eine Tochter von Sachsens Vize-Regierungschef Martin Dulig (45, SPD) unterstützt die Bewegung „Fridays for Future“. Im LVZ-Interview spricht Dulig als Wirtschaftsminister erstmals darüber, wie seine Familie über Klimapolitik diskutiert – und blickt auf den Schüler-Klimagipfel am Sonnabend in Leipzig.

Am 22. Juni findet der Schüler-Klimagipfel der Staatsregierung statt. Wie sehen Sie die Demos von Fridays for Future?

Mich ärgert, dass man mehr über die Form als über die Inhalte diskutiert. Junge Leute schwänzen freitags ein oder zwei Stunden Unterricht – darüber wird sich aufgeregt. Stattdessen sollte man doch mal nach dem Grund fragen, weshalb sich junge Menschen derart engagieren. Wir haben uns doch immer gewünscht, dass sich Jugendliche Gedanken über ihre Zukunft machen. Genau deshalb finde ich es richtig und wichtig, dass sie auf die Straße gehen.

Sind Ihre Kinder bei den Demos auch dabei?

Meine sechs Kinder sind zwischen 14 und 29 Jahren alt. Bei uns wird zu Hause viel über Politik diskutiert und dabei gehen die Debatten keineswegs von mir aus. Denn ich möchte auch mal nicht über Politik sprechen. Doch meine Kinder streiten sehr engagiert mit mir, gerade weil ich als Energieminister auch für einen wichtigen Bereich zuständig sind. Und natürlich geht meine Tochter freitags auch zu den Demos. Darauf bin ich stolz.

Offiziell ist es ein Schulschwänzen: Schreiben Sie Ihrer Tochter eine Entschuldigung?

Nein, da ist sie konsequent: Meine Tochter lehnt ein Entschuldigungsschreiben ab, so wie es von vielen Eltern praktiziert wird. Sie sagt: Wenn ich streike, dann streike ich. Das finde ich cool.

Ihr CDU-Kollege Piwarz wird das vermutlich anders sehen.

Wahrscheinlich, aber hier redet der Familienvater, der stolz darauf ist, dass sich seine Kinder engagieren. Und ich bin immer stolz, wenn meine Kinder auch mal gegen mich, gegen den eigenen Vater, demonstrieren – das ist Reibung, die notwendig ist. Wichtig ist doch, dass die jungen Menschen auch Verantwortung übernehmen wollen und ja auch sollen.

Wie sieht diese Verantwortung Ihrer Ansicht aus?

Der nächste Schritt wäre: Aus Fridays for Future kann sehr gern Fridays for Innovation werden. Denn es geht nicht nur um die berechtigten Forderungen und Schilder, die hochgehalten werden. Wir brauchen eine Allianz von allen, die sich um die Zukunft kümmern. Deshalb sollten nicht nur Themen gesetzt werden – ich wünsche mir auch eine gemeinsame Umsetzung. Dabei weiß ich, wovon ich spreche: Solche Diskussionen führe ich zu Hause sehr oft.

Ist der Schüler-Klimakongress ein Schritt in diese Richtung?

Ja. Das ist eine Form, aber mit dem Kongress allein ist es nicht getan. Es geht darum, sich gemeinsam Gedanken zu machen, wie es tatsächlich weitergeht – und das kann extrem anstrengend sein. Ich habe schon viele solcher Diskussionen erlebt, vor allem als Wirtschaftsminister. Ein Beispiel: Sachsen ist nun mal von der Kohle geprägt, wir sind noch ein Kohleland. In meine Amtszeit ist gleich zu Beginn der Verkauf von Vattenfall gefallen, so dass die große Herausforderung bestand, die Interessen des Freistaates zu sichern. Deshalb habe ich mich so für die Regionen und die Menschen, die dort leben engagiert. Da gab es einige heftige Diskussionen über Sinn und Unsinn.

Das klingt, als hätten Sie das widerstrebend getan.

Nein, es ging ja um das Land – und nicht in erster Linie um Forderungen aus dem Parteiprogramm. Daher ärgere ich mich auch so über die sächsische CDU, die in fünf Jahren nicht in der Lage und Willens gewesen ist, ein zukunftsfähiges Klimaprogramm mit uns zu entwickeln. Wir erreichen die gesetzten Klimaziele jedoch nicht, wenn wir nicht bald umsteuern. Deshalb müssen wir das Schwarz-Weiß-Denken beenden. Aber das hat die CDU in Sachsen leider noch nicht begriffen.

Und Sie sind weiter?

Ja. Ich würde sogar sagen: Nahezu alle anderen sind weiter. Brandenburg hat gezeigt, wie es gehen kann: Das ist auch ein Kohleland, doch dort gibt es heute schon die größten Zuwächse beim Ausbau der Windenergie. Wir können eben nicht bis 2038, bis das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet wird, warten und uns dann irgendwie Gedanken machen. Die Erneuerbaren Energien müssen viel konsequenter ausgebaut werden. Darauf konnten wir uns in der Koalition aber nicht einigen.

Das klingt, als würde die Staatsregierung beim Klimakongress mit zwei Stimmen gegenüber den Schülern sprechen.

Beim Schülerkongress geht es darum, dass die jungen Leute jemanden finden, mit dem sie reden können. Es soll auf keinen Fall eine Verkündigungsveranstaltung mit schönen Sonntagsreden sein. Wenn man Schüler ernst nehmen will, muss man ihnen zuhören und mit ihnen reden.

Die Positionen unterscheiden sich aber erheblich.

Natürlich, aber wir sind ja auch verschiedene Parteien. Ansonsten gibt es doch stets den Vorwurf, dass wir zu wenig unterscheidbar sind.

Aber Sie liegen offenbar thematisch näher bei den Schülern als Michael Kretschmer?

Bei bestimmten Themen, wie etwa den Forderungen der Schüler, trifft das zu. Für jemanden, der in politischer Verantwortung ist, stellt sich aber immer auch die Frage, wie man Dinge vernünftig umsetzen kann. Heißt, wenn zum Beispiel gefordert wird, dass sofort aus der Kohle ausgestiegen werden soll – dann muss ich als Minister, der Verständnis für die Forderungen hat, aber auf den Rahmen und die Folgen für die Menschen vor Ort und die Unternehmen sowie die Versorgungssicherheit für unsere Industrie achten. Meine Aufgabe ist es, die Veränderungen vernünftig zu gestalten. Deshalb wäre es mir zu billig und zu plakativ, sich bei den Schülern einzuschmeicheln.

Von André Böhmer undAndreas Debski

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