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Mitteldeutschland Neonazifestival: Der Aufstand der Anständigen in Ostritz
Region Mitteldeutschland Neonazifestival: Der Aufstand der Anständigen in Ostritz
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17:24 22.04.2018
Aus dem traditionellen Frühlingsfest wurde über Nacht ein Friedensfest couragierter Bürger. Quelle: Dirk Knofe
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Ostritz

Schon wieder ein Neonazi-Aufmarsch im Osten. Nach Themar in Thüringen nun wieder so eine Veranstaltung, diesmal in Sachsen. Da scheint die Lesart vorgegeben. Und doch kam in Ostritz an der deutsch-polnischen Grenze alles ganz anders.

LVZ-Redakteur Roland Herold kommentiert das Neonazifestival in Ostritz Quelle: Andreas Döring

Aus dem traditionellen Frühlingsfest wurde über Nacht ein Friedensfest, weil ein couragierter Teil der Bürgerschaft eines nicht wollte: Mit Bildern von Neonazis, die einen Kranz am Kriegerdenkmal niederlegen, in die Medien zu kommen. Als Drückeberger abgestempelt zu werden, als braunes Nest im Wolfserwartungsland.

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So blieb denn gar nichts anderes, als auf den Spuk, der auf einem privaten Grundstück stattfand, zu reagieren. Mit einem Fest, das viele einbeziehen und keinesfalls die Wahlplattform von Parteien bilden sollte. Und damit das der Rest der Welt erfahren konnte, wurden dort, wo eigentlich Bedingungen wie im Funkloch herrschen, eilends WLAN-Hotspots freigeschaltet.

Kirchen an der Spitze des Protests

Die Veranstalter des Rechtsrockfestivals konnten nicht ahnen, dass der Widerstand so stark sein würde. Ostritz – das bedeutet nämlich auch eine starke Ökumene. Der sonntägliche Gang zur Kirche ist dort für Christen noch eine selbstverständliche Pflicht. Und weil sich die beiden Kirchen an die Spitze des Protests setzten und ein Fest statt einer Wahlkampfveranstaltung wollten, versammelte sich dahinter eine breite Bürgerschaft.

Und noch etwas war im Gegensatz zu früheren Gegenaktionen anders. Statt blumigen Forderungen nach einem Aufstand der Anständigen gab es in der sächsischen Landespolitik einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel. Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmer, der auch Schirmherr der Veranstaltung war, stellte vor Ort klar, dass er uneingeschränkt hinter dem Ostritzer Projekt steht. Mehr noch: Der einstige CDU-Generalsekretär sprang über den eigenen Schatten und bot der Linken die Hand. Wenn sie sich mit ihrem Rockfestival gegen Neonazis stark mache, dann sei sie als Verbündeter willkommen. Diese Art des Denkens war bisher in der Landespolitik jeglicher Couleur eher schwach ausgeprägt.

Schweigen der AfD peinlich

Oberpeinlich vor diesem Hintergrund waren das Schweigen der AfD, das Fehlen ihres Bundestagsabgeordneten oder anderer Funktionäre vor Ort. Die Sprachlosigkeit einer Partei, die doch sonst auf jedem politischen Feld wortgewaltig kundtut, was richtig ist. Dabei ist bei Lichte besehen völlig klar, dass die NPD-Veranstalter von Ostritz letztlich auf die AfD-Wählerklientel zielten, wenn sie sich Zulauf erhofften.

Dass es womöglich nicht das letzte Rechtsrockfestival gewesen ist, sollte die Stadt nicht schrecken. Die Polizei hat unter Beweis gestellt, dass sie mit solchen Ereignissen fertig wird und jedes Aufkeimen von Gewalt im Keim erstickt. Und wenn die tapferen Ostritzer Rückendeckung erhalten, wird es dort irgendwann nur noch Friedensfeste geben.

Von Roland Herold