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Mitteldeutschland „Das Argument, wir schaffen uns Patienten selbst, ist scheinheilig“
Region Mitteldeutschland „Das Argument, wir schaffen uns Patienten selbst, ist scheinheilig“
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10:09 02.04.2019
Neuer Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) Gregor Peikert. Quelle: Nancy Glor
Leipzig

Sie sind seit wenigen Tagen Präsident der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer mit über 5000 Mitgliedern in fünf Bundesländern. Was haben Sie sich vorgenommen?

Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die psychotherapeutische Versorgung in den ostdeutschen Bundesländern weiter verbessert wird. Damit Psychotherapeuten gut für Menschen mit seelischen Problemen sorgen können, brauchen sie vernünftige Rahmenbedingungen.

Zum Beispiel?

Dazu gehören eine gute Ausbildung, sachgerechte Bedarfsplanung und attraktive berufliche Perspektiven für Freiberufler und für Angestellte. Sehr wichtig sind auch Freiheit und Eigenverantwortlichkeit bei Behandlungsentscheidungen, sowohl für die Patienten als auch für die Therapeuten. Deshalb müssen wir gesetzliche Überregulierung verhindern. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Selbstverwaltung möchte ich erreichen, dass diese Rahmenbedingungen für Psychotherapie besser werden.

Die OPK ist die einzige Heilberufekammer in Deutschland, die mehrere Bundesländer vereint. Ist das beherrschbar?

Es hat sogar Vorteile: Beispielsweise, dass wir in der Gesundheitspolitik eine starke Stimme haben gegenüber dem Bund, aber auch gegenüber den Länderministerien. Damit wir unsere Anliegen vertreten können. In der Wahrnehmung für unsere Mitglieder gestaltet sich dies aber nicht immer so einfach. Da sind fünf Bundesländer eine sehr große Hausnummer.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten wird gegenwärtig völlig reformiert. Statt einer drei- bis fünfjährigen Ausbildung, die bis jetzt nach dem Studium gemacht wurde, wird ein Direktstudiengang Psychotherapie an den Universitäten etabliert. Das wird ein Ausbildungsweg, in dem die Studierenden vom ersten Semester an auf eine Psychotherapeutentätigkeit hin studieren.

Die Absolventen können nach dem Studium gleich richtig einsteigen?

Genau, sie erhalten schon da ihre Approbation. Weil sie im Studium sowohl wissenschaftlich als auch praktisch ausgebildet werden. Das wird die große Herausforderung.  Die Psychotherapie basiert im Wesentlichen auf der wissenschaftlichen Psychologie. Und um Psychotherapie ausüben zu können, müssen die Leute erst mal ein Studium absolvieren, das auch wissenschaftliche Grundkenntnisse über die menschliche Psyche und den Körper beinhaltet. Erst dann können sie auch praktische psychotherapeutische Fähigkeiten erwerben.

Wie wird das in anderen europäischen Ländern gehandhabt?

Das ist ein Experiment, das es weltweit so noch nicht gibt.

Warum ist diese Reform der Psychotherapieausbildung notwendig?

Weil wir sehen, dass es ein zu langer, steiniger Weg dorthin für die Kollegen ist. Weil die Kollegen nach dem Hochschulabschluss in der Psychotherapieausbildung für wenig oder gar kein Geld arbeiten müssen. Deshalb haben wir eingesehen, dass das nun ein neuer Weg ist, der praktisch umsetzbar ist und für die Versorgung der Patienten, aber auch für die Entwicklung des Berufs auf Dauer einen guten Kompromiss darstellt. Das unterstützen wir.

Bedeutet das, dass auch schneller Praxen wiederbesetzt werden können?

Das Problem stellt sich so nicht. Das System der Ausbildung funktioniert so gut, dass sich die Zahl der Psychotherapeuten in Deutschland in den vergangenen Jahren beinahe verdoppelt hat. In unseren fünf ostdeutschen Bundesländern haben wir jährlich fast konstant um die 300 neuapprobierte Psychotherapeuten. Es gibt also zahlenmäßig keine Not, aber die Psychotherapeuten-Sitze werden von der Gesetzgebung stark eingeschränkt, weil man nicht möchte, dass die Kosten für Psychotherapie aus dem Ruder laufen.

Aber die Zahl der praktizierenden Psychotherapeuten reicht doch offenbar nicht?

Gerade in ländlichen Gegenden gibt es nicht genügend Psychotherapeuten. Und umgekehrt: Psychotherapeuten, die gern einen Kassensitz hätten, bekommen keinen. Es wird eine Herausforderung, einen Kompromiss zu finden zwischen der Versorgungssituation und den Bedürfnissen der Patienten auf der einen Seite und der Bezahlbarkeit der Psychotherapeuten auf der anderen Seite.

Nun argumentieren die Kassen auch, die Psychotherapie mache sich ihre Patienten selbst.

Das ist eine böse Unterstellung, weil es gar keine Vergleichswerte gibt. Wir wissen, dass psychische Störungen sehr häufig auftreten. Und wer ein wenig aufmerksam durchs Leben geht und einen Blick für seine Mitmenschen hat, weiß, dass Menschen mit seelischen Problemen keine ganz kleine Gruppe sind. Insofern ist das Argument, wir schaffen uns die Patienten selbst, scheinheilig. Keiner weiß, wie viel Psychotherapiebedarf überhaupt besteht.

Aber nicht jeder geht zum Psychotherapeuten.

Sicherlich gibt es Menschen mit Problemen, die keine Behandlung wollen. Wir erleben aber immer auch Patienten, die solche Probleme haben und keine Behandlung finden. Innerhalb eines Jahres leidet etwa jeder Dritte in Deutschland einmal unter seelischen Problemen. Ein ganzer Teil davon braucht irgendwann einmal in seinem Leben psychotherapeutische Hilfe. Das ist im gesamten Gesundheitssystem noch gar nicht etabliert.

Warum ist das so?

In Deutschland gibt es das Psychotherapeutengesetz erst seit 1999. Erst danach begann man, den Bedarf zu schätzen. Wie hoch er aber wirklich ist, weiß keiner. Insofern läuft es immer auf politische Kompromisse hinaus. Man will den Menschen helfen, aber es muss auch bezahlbar sein. Ich halte es für eine große Errungenschaft, dass Menschen mit seelischen Problemen auf Kosten der Krankenkasse Hilfe bekommen.

Nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen zu oder werden sie nur besser diagnostiziert?

Nach allem, was wir wissen, gibt es nicht mehr Erkrankungen. Sie werden nur besser erkannt und die Menschen sind achtsamer mit sich selbst in diesen Dingen. Vor 50 Jahren hat nur ein Bruchteil der Menschen, die seelische Probleme hatten, auch Hilfe bekommen. Damals war aber auch die Selbstmordrate in Deutschland doppelt so hoch wie heute. Die damalige Behandlung von seelisch Kranken in Großkrankenhäusern ist nicht mit dem heutigen Niveau zu vergleichen. Als ich in Arnsdorf bei Dresden meinen Beruf begonnen habe, war ich auf einer Station, wo 70 seelisch kranke Frauen von zwei oder drei Ärzten behandelt wurden.

Gegenwärtig befindet sich die gesamte Psychotherapie in einer Reform. Was hat denn der Patient davon?

Der gesamte Zugang zur Psychotherapie hat sich vereinfacht. Seit 2017 gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde, für die sich Betroffene zum Beispiel telefonisch bei einem Psychotherapeuten anmelden können. Das ist eine völlig neue Leistung. In dieser Sprechstunde erfolgt eine rasche Abklärung, ob eine psychische Störung vorliegt, ob dieser Betroffene behandlungsbedürftig ist und wie er behandelt werden sollte. Er bekommt also eine Diagnose sowie eine Beratung und Empfehlung mit an die Hand. Der Zugang zum Versorgungssystem ist zum einen viel einfacher und zum anderen schneller geworden. Was er jedoch nicht leistet, ist die Verkürzung der Wartezeit auf einen Therapieplatz.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wollte diesen freien Zugang zur Psychotherapie wieder einschränken. Warum?

Ja, dahinter stand der Generalverdacht gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen, dass am Ende auch Menschen mit leichten Alltagssorgen psychotherapeutische Hilfe erhalten könnten. Man misstraut den Psychotherapeuten, dass sie selbst verantwortliche Entscheidungen treffen können. Wir wehren uns dagegen, dass Ärzte oder Krankenkassen prüfen sollen, ob ein Patient einer Psychotherapie bedarf. Da schießt die Politik über das Ziel hinaus. Bei einem Arzt überprüft es auch kein staatliches Gremium, wenn er eine Arznei verordnet oder eine Operation empfiehlt. Die Gefahr besteht, dass Gesundheitsleistungen wieder reguliert werden, wobei dem einzelnen Patienten die Wahlfreiheit entzogen wird. Die freie Arztwahl ist ein wichtiges Freiheitsgut. Und sie muss auch für die Psychotherapie gelten.

Wonach beurteilt der Psychotherapeut die Behandlungsbedürftigkeit eines Patienten?

Da gibt es keine Regeln, weil sich die Vielfalt der psychischen Erkrankungen nicht so leicht in Diagnosekategorien fassen lässt. Das hat die Forschung immer wieder gezeigt. Zum Beispiel stimmt nicht, dass Menschen mit leichten Depressionen weniger suizidgefährdet sind. Auch der Leidensdruck muss mit einer schweren Diagnose nicht automatisch höher sein. Wir fürchten, dass Behandlungsleitlinien von Orientierungen zu Vorschriften für Einzelfälle werden. Dann nämlich wächst das Risiko einer Fehlversorgung. Ein altes russisches Sprichwort sagt: Im Durchschnitt war der Dorfteich einen Meter tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen.

Wie haben sich die Wartezeiten auf eine Behandlung verändert?

Die psychotherapeutische Sprechstunde hat die Wartezeit auf einen Erstkontakt zum Psychotherapeuten erheblich verkürzt. Der liegt im Schnitt in Sachsen bei 5 Wochen, in Thüringen bei 7,5 Wochen und in Sachsen-Anhalt bei 5,9 Wochen. Bis zu einer Behandlung, zu einem Therapieplatz sind es dann im Durchschnitt noch einmal 21 Wochen, in ländlichen Regionen auch noch länger. Wir sehen die Wartezeiten aber mittlerweile nicht mehr als wesentlichen Indikator für die Versorgung.

Woher kommt der Sinneswandel?

Weil sie eben von sehr vielen Faktoren abhängen. Es gibt sehr gefragte Psychotherapiepraxen, wo Patienten bewusst länger warten, um dort eine Behandlung zu bekommen. Auch die einzelnen Psychotherapeuten arbeiten unterschiedlich. Manche führen lange Wartelisten. Ich beispielsweise gehöre nicht dazu. Ich versuche stattdessen, Patienten weiterzuvermitteln oder sondiere, welche Fälle dringend sind. Kurz: Wir versuchen in Jena, die Patienten nach der Notwendigkeit zu versorgen.

Was unterscheidet die Sorgen der Ost-Psychotherapeuten von denen ihrer Kollegen im Westen?

Im Vergleich zum Westen haben wir im Osten pro Kopf der Bevölkerung wesentlich weniger Psychotherapeuten. Das schwankt aber auch. Im Gegensatz zu Großstädten wie Leipzig und Dresden machen uns hier vor allem die ländlichen Räume Sorgen. Was auch daran liegt, dass sich die Therapeuten lieber auf die Ballungsgebiete konzentrieren.

Kann man da gegensteuern?

Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben das schon probiert. Aber es hat sich kein Modell richtig durchgesetzt. Deshalb gibt es die Bedarfsplanung als Mittel der Reglementierung. Heißt: Wenn sich ein junger Psychotherapeut niederlassen will, findet er im ländlichen Raum, im Erzgebirge oder Nordsachsen beispielsweise, eher einen Sitz. Umgekehrt sind die Wartezeiten auf einen Sitz in Leipzig, Dresden oder auch Jena dementsprechend länger.

Wie werden Sie Ihre neue Funktion mit der Arbeit am Uniklinikum Jena unter einen Hut bringen?

Ich habe das Klinikum gebeten, mich für die Dauer meiner Funktion zu beurlauben. Meinen halben Kassensitz in Jena werde ich zwar behalten, aber in der Woche oft in Leipzig sein.

Interview: Roland Herold

Von Roland Herold

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