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Mitteldeutschland Nur 80 Maschinen fertig: DDR stellte vor 60 Jahren Flugzeugbau ein
Region Mitteldeutschland Nur 80 Maschinen fertig: DDR stellte vor 60 Jahren Flugzeugbau ein
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10:36 09.08.2019
Massenauflauf in Leipzig um die auf der Messe ausgestellte Maschine DM-SFK im Jahr 1957. Quelle: Fotos: Archiv Holger Lorenz
Dresden

Geplant waren 540 Maschinen, am Ende wurden es nur 80: Vor 60 Jahren endete die Lizenzproduktion der zweimotorigen IL-14 P in der damaligen DDR. Dafür waren in Dresden, Karl-Marx-Stadt, Pirna und Schkeuditz hochmoderne Anlagen errichtet worden. Ein Buch beschreibt nun sehr detailliert die Geschichte dieses ganz besonderen Kapitels der Flugzeugindustrie.

Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14 P

„Die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG in Dessau waren vor 1945 der fortschrittlichste und zugleich größte Luftfahrtkonzern der Welt“, berichtet Holger Lorenz in seinem neuen großformatigen und sehr detaillierten Journal „Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14 P“. Rund 1000 Spezialisten dieses Werks hätten dann von 1946 bis 1952 in der Sowjetunion an Hochleistungsflugzeugen gearbeitet. „Als dieses Wissen durch die Russen abgeschöpft war“, sollten diese Leute in der DDR für den großen Bruder Passagierflugzeuge bauen.

Hier war die Produktion

„Laut einem Beschluss des Zentralkomitees der Einheitspartei SED vom Dezember 1954 war der Bau von 540 Flugzeugen des Typs IL-14 P bis 1960 für den Export in die UdSSR vorgesehen“, schreibt Lorenz in seinem Exposé. Die Endmontage wurde laut Autor am Flughafen Dresden-Klotzsche angesiedelt, der Bau der Motoren, Fahrwerke, Hydraulikanlagen und Geräte im Karl-Marx-Städter Industriewerk, und die notwendigen Reparaturen erfolgten in den ehemaligen Siebelwerken in Schkeuditz. Mit der Produktion eines sicheren und robusten Flugzeugs für 32 Passagiere hätte das notwendige Geld für das ab 1960 zu bauende Düsenverkehrsflugzeug „152“ verdient werden können, schreibt Lorenz weiter.

Das Buch in Broschürenform erzählt die Geschichte der zunächst als Lizenzbau gestarteten Episode der Luftfahrtindustrie, die später in eigener Regie einschließlich eigener Weiterentwicklungen und Verbesserungen fortgeführt wurde. „Voraussetzung für den Flugzeugbau in der DDR war vor allem das Wissen und Können der Leute vor Ort und der Werkzeugmaschinenbau im sächsischen Raum, der Anfang der 1960er-Jahre wieder zur Weltspitze aufstieg und fast alle Maschinen selber herstellen konnten, die für den komplizierten Flugzeug- und Motorenbau notwendig waren“, berichtet Lorenz.

DDR sollte zivile Flugzeuge bauen

Grundlage des auf hochwertigem Papier gedruckten Journals waren laut Autor das Archiv der Flugzeugwerke Dresden sowie die Unterlagen zum DDR-Flugzeugbau im Politbüro der SED beim extra dafür gegründeten „Büro Walter Ulbricht“ – jenem Mann aus Leipzig, der neben Nikita Chruschtschow die politische Verantwortung für den Aufbau der Flugzeugindustrie getragen hat. Hintergrund: „Der wirtschaftspolitische Zweck der DDR-Luftfahrtindustrie bestand für die Sowjetunion darin, dass sie sich auf den Bau militärischer Flugzeuge konzentrieren konnte, während die DDR die zivilen Flieger bauen sollte“, schreibt Lorenz.

Doch schon im November 1955 weigerte sich die UdSSR, IL-14 P aus der DDR zu kaufen, was maßgeblich zur finalen Aufgabe des Flugzeugbaus im März 1961 führte. Die in der DDR gebauten IL-14 P flogen noch bis in die 1970er- und 1980er-Jahre in der Welt. Von den 80 gebauten Flugzeugen wurden 54 Stück exportiert – nach Polen, Ungarn, China, Bulgarien, Rumänien und Vietnam.

Mehr als 30 Kapitel

Eines der mehr als 30 überaus interessanten Kapitel widmet sich den Turbulenzen um die beiden Salon-Maschinen – eine sechssitzige Regierungs- und eine 16-sitzige Delegationsmaschine – von SED-Parteichef Walter Ulbricht, die im November von der DDR-Regierung bestellt wurde. Grund war, dass die Gestaltung der beiden bereits in der UdSSR gekauften Maschinen mit russischem Diwan, Plüschsesseln und Damastdecken eher „generalstäblerisch“ und in der Mitte Europas einfach antiquiert wirkten.

Heinz Roessing, Direktor des Schkeuditzer Werks, hatte bei Ex-Bauhäusler und späteren Professor an der halleschen Designhochschule Burg Giebichenstein Friedrich Engemann bereits einen neuen Entwurf bestellt. Sowohl in Sachen Geschmack als auch beim Thema Motoren, die „aus notwendigen Sicherheitsgründen“ aus sowjetischer Produktion stammen mussten, kam es zu Verstimmungen zwischen Flugzeugbauern und DDR-Oberen. In einem Protokoll ist gar von Ulbrichts „sehr konservativer Geschmacksrichtung“ die Rede. Wie der Knatsch um die Einrichtung ausging, ist offen. Klar hingegen ist, dass die beiden Regierungsmaschinen am Ende doch Motoren aus Karl-Marx-Stadt bekamen, weil die Russen nicht lieferten. Folge all der Nickligkeiten: eine mehrmonatige Verzögerung samt erheblicher Kostensteigerung.

Abgerundet wird Lorenz’ knapp 200-seitiges Werk durch den Abdruck einer mehrseitigen Mitschrift eines Tonband-Protokolls zu einem Gespräch, das der Vater der DDR-Luftfahrtindustrie, Brunolf Baade, 1955 mit einem hochrangigen Offizier der DDR-Staatssicherheit führte.

Holger Lorenz, „Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14 P. Der utopische Traum von einer rein zivilen Luftfahrtindustrie in der DDR“, Herausgeber: Luft- und Raumfahrttechnik Sachsen-Thüringen, 192 Seiten, über 500 Fotos. ISBN: 978-3-00-062500-8.

Von Martin Pelzl

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