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Mitteldeutschland Oberhof will groß rauskommen, aber im Kleinen klemmt’s ganz oft
Region Mitteldeutschland Oberhof will groß rauskommen, aber im Kleinen klemmt’s ganz oft
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22:35 11.09.2019
New York, Rio ... Oberhof: Die Kleinstadt auf dem Kamm des Thüringer Waldes stellt sich in der aktuellen Werbekampagne in eine Reihe mit Weltstädten. Quelle: dpa/Martin Schutt
Oberhof

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, Claudia Scheerschmidt (55) hat die Touristengruppe eigens bestellt, die sich am Parkautomat am Grenzadler im thüringischen Oberhof zu schaffen macht. Eben noch hat sie Sätze gesagt wie: „Und dann kommt der Gast und steht vor diesem Automaten und merkt, dass er nicht genügend Kleingeld dabei hat.“ Dann war sie ins nahe Rennsteighaus gestürmt, um zu demonstrieren, dass es nicht möglich ist, dort einen Schein in Kleingeld zu verwandeln. Und beim Verlassen des Gebäudes stehen tatsächlich drei mittelalte Touristen vor dem Automaten. Und lesen. Und stehen. Und beginnen zu kramen. Minutenlang geht das so, dann geht der Mann aus der Gruppe zurück zum Auto und holt ein paar Münzen. Dann ist der Automat gefüttert, der Parkschein im Auto platziert, und das Trio bricht in den Wald auf. Endlich entspannen.

Ganz anders als Scheerschmidt. Denn bei der SPD-Landtagsabgeordneten bricht sich heute ganz viel Unmut Bahn. Umso mehr vielleicht, weil sie tourismuspolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Parlament ist und sagt, sie habe auf viele solche Versäumnisse schon oft hingewiesen, auch außerhalb der rot-rot-grünen Regierungskoalition. Noch mehr, weil sie ehrenamtliche Bürgermeisterin von Oberschönau ist; der Nachbarkommune, die im Kreis Schmalkalden-Meiningen direkt an Oberhof angrenzt. So nah, dass der Parkplatz am Grenzadler selbst auf der Gemarkung Oberhofs liegt, die Gastwirtschaft „Thüringer Hütte“ aber, die unmittelbar daneben liegt, auf dem Gebiet Oberschönaus. Wie sich Oberhof entwickelt, begleitet Scheerschmidt über Jahre hinweg aus nächster Nähe.

Dabei ist es nicht so, dass sie nur schimpft. Vieles, so sagt die Abgeordnete, was in den vergangenen Monaten passiert sei, sei richtig und wichtig gewesen. „Der Hartmut Schubert macht da oben einen tollen Job.“ Schubert ist auch SPD-Mitglied und seit Ende 2018 Oberhof-Beauftragter der Landesregierung. Bei ihm laufen alle Pläne und Projekte zusammen, die Oberhof attraktiv machen sollen, auch nach den Weltmeisterschaften im Biathlon und Rennrodeln 2023. Auf der Habenseite verbucht er den geplanten Bau eines Luxus-Familienhotels. Zudem sei das Klima unter denjenigen besser geworden, die in und für Oberhof arbeiteten. Als Schubert zuletzt in Erfurt war, als eine Image-Kampagne für Oberhof vorgestellt wurde, da nickte die Landrätin von Schmalkalden-Meiningen, Peggy Greiser (parteilos), entschieden mit dem Kopf, als Schubert solche Sachen sagte.

Es fehle noch an vielen kleinen Dingen

Doch so sehr Scheerschmidt diesem Blick auf das Große auch zustimmt, so sehr ärgert sie sich über die vielen kleinen Dinge, die aus ihrer Sicht noch immer schieflaufen. „Es fehlt hier oben nicht an Millionen von Euro“, sagt die Politikerin, als sie in der „Thüringer Hütte“ sitzt. „Es fehlt an ganz vielen kleinen Dingen, die der Gast aber als erstes merkt. Das ist das, wo wir uns seit Jahren im Kreis drehen.“ Die Sache mit den Parkgebühren am Grenzadler ist aus Sicht von Scheerschmidt und Kai Wagner, dem Inhaber des Lokals, nur ein Beispiel dafür, wie sehr es in Oberhof oft im Kleinen hakt, bei Dingen, die „nicht viel Geld kosten, nur ein bisschen guten Willen“, wie Scheerschmidt das formuliert. Der Parkscheinautomat nimmt nur Münzen, bei einer Parkgebühr von zwei Euro pro Stunde. Wer ein paar Stunden unterwegs ist, dem fehlt oft das passende Kleingeld. Und die Parkgebühren per Smartphone-App zu bezahlen, „ist nichts für 60- oder 70-Jährige“, sagt Scheerschmidt. Es gebe aber viele Wanderer in diesem Alter.

Ein anderes Beispiel handelt von einem Fahrplan. Monatelang hing am Busbahnhof eine veraltete Abfahrttafel. „Da standen Busse nach Schmalkalden dran, die es gar nicht mehr gab.“ Erst, als sie sich Ende Juli beim zuständigen Verkehrsunternehmen beschwert habe, sei der aktuelle Fahrplan nach einigen Tagen in Oberhof erschienen. Die Beschwerde von Scheerschmidt war laut dem Verkehrsunternehmen „die erste und bisher einzige Beschwerde“. Die 55-Jährige widerspricht: Sie wisse von mindestens einer anderen Frau, die mehrfach darauf aufmerksam gemacht habe. „Schon dass so etwas einfach behauptet wird, stimmt mich nachdenklich“, sagt Scheerschmidt.

Und dann ist da die Sache mit dem Rennsteighaus, über die sich Scheerschmidt auch lange aufregen kann. Im Internet ist zu lesen, das Gebäude am Grenzadler stehe seit 2014 ganzjährig für Gäste sowie Sportler zur Verfügung, biete Ruhemöglichkeiten, Toiletten, Duschen und Spinte. So sei dieses Rennsteighaus „beliebter Servicepunkt vor und nach Einstieg in die Loipe, einer ausgedehnten Rad- oder Wandertour“. Doch heute ist im Rennsteighaus auch während der Öffnungszeiten der Tourist-Information niemand anzutreffen. Mal wieder nicht, sagt Scheerschmidt. Hüttenwirt Wagner bestätigt das. Seit Wochen komme jemand zum Auf- und Zuschließen, sonst sei dort niemand drin. „Wer so was erlebt“, so Scheerschmidt, „kommt genau einmal nach Oberhof und dann nie wieder.“

All das ist aus Sicht von Scheerschmidt und Wagner dafür verantwortlich, dass die Übernachtungszahlen in Oberhof seit Jahren sinken. „Ich sehe doch“, sagt Wagner, „was ich in meinen Büchern habe.“ Im Winter laufen die Geschäfte für ihn noch immer gut. Doch in allen anderen Monaten seien seine Gästezahlen selbst bei schönem Wetter rückläufig. Die Gastronomen in der Stadt würden nach wie vor von der Wintersaison leben – trotz aller Versuche, die Region zu einem Ort zu machen, den Touristen das ganze Jahr über besuchen.

Verantwortung nicht klar verteilt

Um auf die Frage zu antworten, was der zentrale Grund dafür ist, dass es in Oberhof im Kleinen mutmaßlich an so vielen Stellen klemmt und hakt, müssen weder Scheerschmidt noch Wagner lange überlegen: Einerseits würden zu viele Menschen in Oberhof schon zu lange an zentralen Positionen sitzen, argumentieren sie. Viele von ihnen seien inzwischen betriebsblind. Andererseits seien die organisatorischen Strukturen – mit Zweckverband und Gesellschaft und Kommune – dort zu kompliziert und würden überdies ständig umgestaltet. Da würden Verantwortlichkeiten hin und her und hin und her geschoben.

Als Scheerschmidt das sagt, steht eine weitere dreiköpfige Touristengruppe vor dem Rennsteighaus. Eine ältere Frau mit ihren beiden Enkeln, vielleicht acht und zehn Jahre alt. Sie stehen vor der Tür des Hauses und fragen sich, ob geöffnet ist. Sie schauen links, sie schauen rechts. Und finden auf ihre Frage keine Antwort. Die Frau legt die Hand kurz an die Türstange, rüttelt daran, aber nicht fest genug, denn mit ein bisschen Kraft lässt sie sich aufziehen. Dann ziehen die drei weiter. Zur „Thüringer Hütte“, wo sie die Toilette benutzen wollen. Auch diese Reisegruppe könnte Scheerschmidt bestellt haben.

Wer so was erlebt, kommt genau einmal nach Oberhof und dann nie wieder.

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