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Mitteldeutschland Patient Krankenhaus? Studie zu Schließungen stößt auf scharfe Ablehnung in Sachsen
Region Mitteldeutschland Patient Krankenhaus? Studie zu Schließungen stößt auf scharfe Ablehnung in Sachsen
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17:14 15.07.2019
Verlassener Flur in einem Krankenhaus. Quelle: Werner Krueper/epd
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Leipzig

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung sorgt für heftigen Protest – nicht nur an den Krankenhäusern in Sachsen. Das am Montag in Gütersloh veröffentlichte Papier empfiehlt zur Verbesserung der medizinischen Versorgung eine drastische Verringerung der aktuell 1400 Krankenhäuser in Deutschland auf lediglich 600. Untersucht wurde allerdings die Modellregion Leverkusen/Köln.

Für die Krankenhausgesellschaft Sachsen monierte Geschäftsführer Dr. Stephan Helm, die Studie berücksichtige nicht die ostdeutschen und damit sächsischen Besonderheiten. „Wir haben in Sachsen seit der Wende schlanke, leistungsstarke und zukunftsfähige Krankenhausstrukturen aufgebaut. Von ursprünglich 125 Krankenhäusern haben wir heute 78.“

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„Es gibt in Sachsen so kleine Krankenhäuser nicht“

Diese Entwicklung würde die Bundespolitik gern auch auf die Altbundesländer übertragen. „Die in der Studie empfohlene Schließung kleiner Akutkrankenhäuser mit 100 und weniger Betten trifft für Sachsen gar nicht zu – es gibt in Sachsen so kleine Krankenhäuser nicht“, so Helm weiter.

Er rechnete vor, dass laut den Empfehlungen zwischen Leipzig und Görlitz künftig nur noch etwa 30 der 78 Krankenhäuser notwendig wären. Helm: „Rechnet man dies auf Fallzahlen um, müssten ca. 600 000 und mehr stationäre Fälle in den verbleibenden 30 Krankenhäusern zusätzlich behandelt werden.“ Dies würde Investitionen in Milliardenhöhe erfordern. Die wegfallenden 48 Krankenhäuser wären überdies zumeist Neubauten.

Thüringen will alle Standorte beibehalten

Auch Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) will an den Strukturen im Freistaat festhalten. „Wir wollen auch weiterhin alle Krankenhausstandorte in Thüringen erhalten. Gerade in ländlich geprägten Regionen brauchen wir eine schnelle Erreichbarkeit und funktionierende Notfallversorgung“, teilte Werner auf Anfrage mit.

Die Gesundheitsexperten der Bertelsmann Studie hatten argumentiert, viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf weniger, dafür aber besser ausgestattete Kliniken vermeiden. Viele Krankenhäuser seien zu klein und hätten nicht die nötige Ausstattung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt angemessen zu behandeln.

Widerstand auf breiter Front

Die Bundesärztekammer erklärte, eine Versorgung in größeren Strukturen könne zwar in Ballungsgebieten sinnvoll sein. Gerade im ländlichen Raum müsse jedoch die flächendeckende Behandlung sichergestellt werden, sagte Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz nannte die Vorschläge der Studie einen „Kahlschlag“. Auch wenn die Konzentration auf Großkrankenhäuser wissenschaftlich begründet sei, für die Menschen wäre es aber verheerend, erklärte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund.

Krankenhaus Döbeln: „Im Osten sind wir schon durch“

Auch in den Krankenhäusern der Region stieß die Studie auf große Zweifel. „Das Klinikum Döbeln ist für die Krankenhausversorgung in Sachsen ein wichtiger Standort. Deshalb haben wir ja auch gerade erst eine Erhöhung unserer Bettenkapazität genehmigt bekommen. Der gute Ruf unseres Hauses und die anhaltend steigenden Belegungszahlen spiegeln das auch wider“, sagte beispielsweise Martin Preißer, Verwaltungsleiter des Klinikums Döbeln. Zur Qualitätssicherung arbeite das Klinikum Döbeln eng mit der Universitätsklinik Leipzig zusammen und fungiert für diese auch als akademisches Lehrkrankenhaus.

Die Bertelsmann-Studie findet er nicht überzeugend, die Beispiele würden sich vielfach auf dem Raum Köln-Bonn beschränken. „Für Sachsen und ganz Ostdeutschland hat doch eine Bereinigung der Kliniklandschaft nach der Wende längst stattgefunden“, so der Döbelner Verwaltungsleiter. Für Döbeln kann er die Schlussfolgerungen der Studie ohnehin nicht teilen. Vom Standard und vom Leistungsspektrum her könne das Döbelner Krankenhaus mit mancher Uni-Klinik gut mithalten. Das Haus sei als Zentrum für Endoprotetik, als Zentrum für die Diagnostik und Operationen von Magen-Darm-Erkrankungen hoch anerkannt. Auch personell sei Döbeln gut aufgestellt, beispielsweise mit allein vier Gefäßchirurgen.

Seit September 2018 verfügt das Klinikum über nunmehr 210 Betten, die im Durchschnitt zu 94 Prozent ausgelastet sind. Der Patientenzulauf der letzten Jahre hielt auch 2018 an: 12 750 Patienten wurden im letzten Jahr im Klinikum Döbeln stationär aufgenommen. 5600 davon wurden in den fünf Operationssälen operiert. In die klinikeigene Ambulanz kamen 13500 Patienten. Mit 540 Mitarbeitern (einschließlich der zugehörigen Medizinischen Versorgungszentren) ist das Klinikum auch zweitgrößter Arbeitgeber in der 25000-Einwohner-Stadt Döbeln.

Altenburg: „Krankenhäuser müssen schnell erreichbar sein“

Auch bei Gundula Werner, Geschäftsführerin des Klinikums Altenburger Land, stößt die Bertelsmann-Studie auf Unverständnis. „Wir halten Schlussfolgerungen, wie sie getroffen wurden, nicht für zielführend, insbesondere nicht in einem Flächenland wie Thüringen“, so Werner. „Krankenhäuser müssen gut und schnell erreichbar sein. Für unsere hauptsächlich älteren Patienten sind Verhältnisse, wie sie vorgeschlagen werden, unzumutbar.“ Zumal ein Großteil der Krankenhausbehandlungen keine Spezialfälle seien und es beim Gesundwerden auch um soziale Dinge wie Besuche gehe. Zudem sei die Krankenhauslandschaft im Osten in den vergangenen 25 Jahren bereits demografiebedingt bereinigt worden. Daher könne man die Ergebnisse der mit hoher Bevölkerungs- und Krankenhausdichte ausgestatteten Modellregion Köln/Leverkusen nicht einfach übertragen.

Oschatz: 2016 machte die Geburtenstation dicht

Kaum Sorgen um ihren Fortbestand macht man sich im Oschatzer Collm Klinik. Grund: Sie ist ein Haus der Grund- und Regelversorgung und sichert damit die wohnortnahe Krankenversorgung im Raum Oschatz und bietet darüber hinaus spezialisierte Versorgungen im Bereich der Orthopädie und Chirurgie auf einem fachlich hohen Niveau an. Erst vor wenigen Wochen wurde an der Collm Klinik eine Tagesklinik für Schmerztherapie eröffnet.

Allerdings hat die Klinik in der zurückliegenden Jahren auch schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Im Jahr 2016 wurde die Geburtsstation geschlossen. Ein Hauptargument, war die gesunkene Geburtenzahl und die damit abnehmende Routine sowie die steigende Gefahr von Fehlern und Qualitätsverlust. Inzwischen ist der Einschnitt überwunden. Im Krankenhausbettenplan des Freistaates kann die Collm Klinik zulegen. Rund 20 Betten bekommt Klinik zusätzlich.

Kritisch reagierte der frühere nordsächsische Landrat Michael Czupalla (CDU) auf die Bertelsmann-Studie: „Wir haben uns Jahrzehnte für unser Kliniken auf dem Land stark gemacht, eine Schließung ist der Bevölkerung nicht vermittelbar“, so Czupalla. CDU-Landtagskandidat Bernd Merbitz ergänzte: „Ich sehe sogar den sozialen Frieden auf dem Land gefährdet“, sagt Merbitz.

Leipziger Land: „Schließen Lücke bei Altersmedizin im Kreis“

Entspannt verfolgen die Sana Kliniken Leipziger Land die Diskussion. „Wir verfügen über 500 Betten und über 30 Facharztpraxen und sind ein wichtiger Gesundheitsversorger und verlässlicher Partner für die Menschen im Landkreis Leipzig und darüber hinaus“, sagt Kliniksprecherin Janet Schütze. Den hohen Stellenwert des Hauses zeige auch das Vertrauen von rund 27 000 stationären Patienten pro Jahr. Über 30 Prozent der stationären Fälle kämen aus den Regionen Chemnitz, Leipzig und Thüringen. „Somit sehen wir uns weniger der aktuellen Diskussion ausgesetzt.“

Eine wichtige Rolle spiele zudem die Notfallversorgung. „So werden in unserer Notfallambulanz im Jahr rund um die Uhr akute Erkrankungen und Unfallverletzungen von rund 35 000 Patienten behandelt. Gleichzeitig sind wir seit 2010 als regionales Traumazentrum zertifiziert und damit Anlaufstelle bei Großschadensereignissen“, so Sana-Sprecherin Schütze.

Hinzu käme eine hohe Spezialisierung: „Unsere Spezialambulanzen wie beispielsweise die Schlaganfallspezialstation sowie die Brustschmerzambulanz sind für die wohnortnahe Notfallbehandlung von Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten extrem wichtig. Gleichzeitig schließen wir im Bereich der Altersmedizin eine Versorgungslücke im derzeit noch unterversorgten Landkreis Leipzig.“

Von Roland Herold, Thomas Haegeler, Thomas Sparrer, Hagen Rösner, Frank Pfütze

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