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Mitteldeutschland Pazifistischer Scharfschütze und Luthers Erbe
Region Mitteldeutschland Pazifistischer Scharfschütze und Luthers Erbe
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08:01 15.05.2019
Der Friedenskämpfer: Hier bei einer Demo gegen den Irak-Krieg 2003 in Dresden. Quelle: Oliver Killig
Wittenberg

Der 15. März 1957 ist so etwas wie der zweite Geburtstag des Wittenberger Friedenspfarrers, Bürgerrechtlers, Theologen und Buchautoren Friedrich Schorlemmer. An jenem Tag stürzte der damals 12-Jährige im Kirchturm seiner Heimatstadt Werben an der Elbe fast 20 Meter in die Tiefe. Er wollte Tauben fangen – und überlebte mit „nur“ einer Gehirnerschütterung.

So etwas wappnet, auch gegen harte Landungen im Leben. Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes schützende Hand? Friedrich Schorlemmer hat es tatsächlich mehrfach erfahren, wenn auch nicht immer so dramatisch wie damals.

Schorlemmer, am 16. Mai 1944 knapp ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, ist vor allem ein Kind des Kalten Krieges. In der DDR als Pfarrerskind früh ausgegrenzt („Ich war der Einzige unter 120 Schülern ohne FDJ-Blauhemd“), kann nur über den Umweg Volkshochschule Abitur machen, studiert später Theologie in Halle, wird Studentenpfarrer in Merseburg. Und gerät bereits hier mit vervielfältigten Texten aus dem Westen und freizügigen Debatten über Gott und die begrenzte DDR-Welt ins Visier der Stasi. In den 1980er-Jahren macht er dann vor allem als Prediger der Schlosskirche in Wittenberg von sich reden. Als der Kalte Krieg durch das atomare Wettrüsten in Ost und West ein heißer zu werden droht, handelt Schorlemmer. Unter seiner Verantwortung biegt auf dem Wittenberger Schlossplatz 1983 der Schmied Stefan Nau ein Schwert zu einer Pflugschar um. Das biblische Bild „Schwerter zu Pflugscharen“ geht als Schwarz-Weiß-Foto um die Welt und wird zum Aufnäher auf Taschen und Jacken der DDR-Friedensbewegung. Trotz aller Verbote.

Schorlemmer sagt später: „Jeder, der damals in Wittenberg dabei war, wusste, dass in der DDR etwas in Bewegung geraten war, was sich nicht mehr aufhalten ließ. Der jahrzehntelang gekrümmte Rücken straffte sich, der Einzelne schöpfte plötzlich Mut zum aufrechten Gang.“

Die spektakuläre Aktion aus dem Jahr 1983, als der Wittenberger Schmied Stefan Nau ein Schwert zur Pflugschar umarbeitete. Schorlemmer verantwortete damals die Aktion, die künftig als Symbol der DDR-Friedensbewegung diente. Quelle: Bernd Bohm/epd

Sechs Jahre sollte es noch dauern, bis der Funke vom Wittenberger Schmiedefeuer die gesamte DDR erfasste. Im turbulenten Revolutionsherbst 1989 wird aus dem Theologen der Politiker Friedrich Schorlemmer. Er redet als Bürgerrechtler auf der berühmten Demo in Ost-Berlin am 4. November, ist Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs (DA). Doch schon im Dezember endet der kurze politische Höhenflug – unter Wolfgang Schnur (später als Stasi-Spitzel enttarnt) will er den Rechtsschwenk des DA nicht mitmachen, wechselt zur SDP (später SPD) und überlässt die große Politikbühne bald anderen. In Wittenberg arbeitet er noch bis 1994 als SPD-Fraktionschef im Stadtrat. Danach ist Schluss mit praktischer Politik – die politische Praxis aber bleibt das Thema seiner Predigten und Bücher.

Es ist eine gute Entscheidung, denn nur so kann Schorlemmer zum vielbeachteten und zugleich streitbaren „Luther-Erben“ werden. Den Vergleich nimmt er hin, doch als reinen Nachlassverwalter des großen Reformators sieht er sich nie. Dazu mischt sich der blitzgescheite Wittenberger zu gern mit Verve und Klartext ins Weltgeschehen ein. Gerechtigkeit statt Gier, Menschlichkeit statt Hass, Faktentreue statt Fake News: Der Kanon seiner Wortmeldungen ist lang.

Frieden aber ist Friedrich Schorlemmers zentrales Thema. Vermutlich geht es gar nicht anders bei diesem Vornamen. Egal ob Bushs Irak-Krieg 2003 oder Putins Annexion der Krim 2014: Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (1993) gerät mächtig in Fahrt, wenn Machthaber aus dem Ruder laufen. Als„pazifistischer Scharfschütze“ wird er bezeichnet, als er 2015 nach langem Warten die Wittenberger Ehrenbürgerschaft erhält. In der Laudatio heißt es, er sei ein meinungsstarker Streiter, der „mit offenem Visier in den Kampf der Argumente zieht.“ Schorlemmer hält es lieber so: „Es ist gut, reden zu können, aber es bleibt schwer, die richtigen Worte zu finden, die treffen und nicht verletzen, die erhellen und nicht unterstellen, die ermutigen und nicht denunzieren.“ Das gelingt ihm oft, aber nicht immer. Seiner Argumentation, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, können nicht alle folgen, es gibt Kritik. Auch seine Scharfzüngigkeiten gegen Bush, Trump oder den deutschen Papst Benedikt gehen einigen zu weit. Dennoch glaubt Schorlemmer fest daran, dass Wahrheit zumutbar ist. Und hält es gern mit Luther: Dem Volk aufs Maul schauen, aber nie nach dem Munde reden.

Dabei ist der Theologe jedoch kein strenger Strafprediger, sondern lieber offener Mutbürger. Klar sehen und doch hoffen – so heißt einer seiner Buchtitel. Glaube, Hoffnung, Liebe: Die berühmten drei Worte aus dem Korintherbrief der Bibel sind auch Wegbegleiter-Troika des Friedrich Schorlemmer. Wobei die Liebe die größte unter ihnen ist und bleibt. Christliche Nächstenliebe, Liebe zur Natur und Schöpfung, Liebe zur Literatur: Danach „jiepert“ es Friedrich Schorlemmer. Auch mit 75 Jahren. Und mit der frühen Erfahrung geerdet, dass man nicht jede hochfliegende Taube fangen kann.

Von Olaf Majer

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