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Mitteldeutschland Philharmonie Leipzig verteidigt Gysi-Einladung – „Harscher Ton der Kritik hat uns überrascht“
Region Mitteldeutschland Philharmonie Leipzig verteidigt Gysi-Einladung – „Harscher Ton der Kritik hat uns überrascht“
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11:39 10.07.2019
Das Konzert am 9. Oktober wird wie geplant mit Gastredner Gysi stattfinden: Chefdirigent Michael Köhler (54) und Konzertmeister Holger Engelhardt (40) von der Philharmonie Leipzig verteidigen ihren Entschluss. Quelle: Foto: Philharmonie Leipzig
Leipzig

Viel ist über den Besuch von Gregor Gysi (Die Linke) am 9. Oktober zum Konzert der Philharmonie Leipzig in der Peterskirche gesprochen und geschrieben worden. Die eine Seite, unter anderem Bürgerrechtler, verurteilen den Besuch des früheren SED-Politikers am 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution (unter anderem die Witwe von Schriftsteller Erich Loest und Bürgerrechtler Werner Schulz), andere befürworten ihn, darunter Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Wir befragten den Vorstand der Philharmonie Leipzig dazu: Chefdirigent Michael Köhler und den Konzertmeister Holger Engelhardt.

In den Medien ist die Philharmonie sonst wegen ihrer Konzerte präsent – nun fliegt Ihnen Kritik um die Ohren. Wie gehen Sie damit um?

Köhler: Wir nehmen die Kritik ernst und hören uns verschiedene Standpunkte an. Aber unsere Veranstaltung am 9. Oktober ist ein Konzert. Im Vordergrund steht die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, in der es inhaltlich ja gerade um die humanistische Botschaft der Versöhnung geht. Wir gestalten den Abend zudem so, dass sich jeder Bürger als Teil unseres großen Bürgerchors beteiligen kann – Musik verbindet.

Warum haben Sie Gysi einzuladen?

Engelhardt: Seit fünf Jahren veranstalten wir am Tag der Friedlichen Revolution ein Konzert mit Zeitzeugen, die diesen historischen Tag im Jahr 1989 erlebt haben und heute das Zeitgeschehen prägen. Wir halten Gregor Gysis heutigen Blick darauf für interessant und hörenswert.

Haben Sie zuvor darüber nachgedacht, dass das Widerspruch wecken könnte?

Köhler: Ja – und dennoch haben wir uns bewusst für die Einladung Gysis entschieden. Es gehört für uns dazu, verschiedene Blickwinkel auf die Geschichte zu ermöglichen und nicht nur eine Perspektive zuzulassen. Der harsche Ton der Kritik hat uns allerdings überrascht.

Was ist das grundlegende Missverständnis?

Engelhardt: Einige scheinen gedacht zu haben, die Veranstaltung sei ein offizieller Festakt der Stadt Leipzig. Dort redet ja Bundespräsident Steinmeier. Unser Konzert in der Peterskirche dagegen ist eigenständig und eine von verschiedenen Formen, an diesen für Leipzig und ganz Deutschland so wichtigen Tag zu erinnern.

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Werner Schulz konstatiert: „Gysi in der Peterskirche wäre wie Gauland auf dem Kirchentag.“ Wie finden Sie diesen Vergleich?

Engelhardt: Das mag jeder für sich persönlich entscheiden. Im Kern geht es in der Diskussion über unsere Veranstaltung doch darum, wer zur gesellschaftlichen Diskussion in unserer Demokratie etwas beitragen kann und wie viel Toleranz Andersdenkende aufbringen können.

Wofür steht dieses Sich-Aufregen? Ist am Ende nicht Deutschland, sondern die frühere DDR geteilt?

Köhler: Für uns ist deutlich geworden, dass es eine sehr emotionale Angelegenheit ist und viele aufgrund ihrer Biografie und eigener Erlebnisse noch Groll hegen. Menschen mit unterschiedlichen persönlichen und politischen Wurzeln bewerten Ereignisse und Beteiligte unterschiedlich.

Sie sagten zuletzt, Sie möchten einen Zeitzeugen aus dem Lager der Bürgerrechtler als Pendant zu Gysi mit in die Veranstaltung einbinden – das Eingeständnis eines Fehlers?

Köhler: Unser Konzept ist offen. Wir bleiben im Dialog und beraten noch. Vieles spricht aber für die Beibehaltung unseres ursprünglichen Konzeptes, wie auch die LVZ-Umfrage zeigt: Zwei Drittel Ihrer Leser sprechen sich für Gregor Gysi aus. Auch in der Öffentlichkeit werden wir in dieser Position unterstützt.

Was haben Sie falsch gemacht?

Engelhardt: Unterschiedlichen Seiten zuzuhören, kann nie falsch sein. Die jetzt entstandene Diskussion trägt zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der politischen Kultur in der Gegenwart bei. Ist nicht genau eine solche Debatte ein wichtiger Bestandteil der Erinnerung an den 9. Oktober 1989?

Gregor Gysi gehört zu den beliebtesten Politkern Deutschlands. Am 22. September liest er im Haus Leipzig aus seiner Biografie, die Veranstaltung ist sehr gefragt. Wie erklären Sie sich den Widerspruch zwischen Popularität und Anfeindung?

Köhler: Politiker, die klar Standpunkte beziehen und sich nicht scheuen anzuecken, leben damit, dass ihr Auftreten nicht bei allen Zustimmung findet, sondern auch polarisiert. Im wiedervereinten Deutschland passt seine Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung zum Empfinden vieler, das macht ihn populär.

Verwandte von zu DDR-Zeiten inhaftierten Kritikern haben da wenig Toleranz, können Sie das verstehen?

Köhler: Natürlich. Wir wissen, dass unser Konzert nicht für jeden die passende Veranstaltung zum Gedenken sein kann.

Was denken Sie selbst über Gysi?

Engelhardt: Gregor Gysi blickt persönlich auf eine lange Zeitspanne großer politischer Veränderungen zurück und hat das Zeitgeschehen und die demokratische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt. Wir sind gespannt auf das, was er zu sagen hat!

Haben Sie in den letzten Tagen zu Gysi Kontakt gehabt? Wie reagiert er auf die Debatte?

Köhler: Er geht besonnen damit um. Wir haben mit ihm gesprochen und unsere Vorbereitungen des Konzertes laufen weiter.

Das Konzert wird also mit ihm als Redner stattfinden?

Köhler: Ja. Wir freuen uns auf den Abend in der Peterskirche.

Wie läuft der Kartenverkauf?

Engelhardt: Sehr gut, unser Publikum hält uns die Treue. Besonders über die vielen Anmeldungen zum Bürgerchor freuen wir uns. Damit kann am Ende dieses Konzertes Beethovens Vision erlebbar werden, wenn alle gemeinsam singen „Freiheit schöner Götterfunken… – Alle Menschen werden Brüder“*.

*Zu Weihnachten 1989, einen Monat nach dem Fall der Mauer, wurde Beethovens 9. Symphonie im Ostberliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt unter Leonard Bernstein mit einem leicht geänderten Text aufgeführt: „Freiheit, schöner Götterfunken“*.

Von Mark Daniel

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