Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland „Ich will als Mensch wahrgenommen werden“
Region Mitteldeutschland „Ich will als Mensch wahrgenommen werden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:02 11.09.2019
Jan ist um die 40 und in der JVA Waldheim inhaftiert. Dort absolviert er gerade seine zweite Ausbildung. Quelle: Symbolbild/dpa
Waldheim

Als Jan* nach Waldheim kam, hatte er keine Ausbildung. Nun hat er bereits seine zweite begonnen, die erste erfolgreich abgeschlossen. Und darauf ist er stolz. Stolz, etwas geschafft zu haben, was ihm in Freiheit nicht gelang. Was auch mit ein Grund dafür war, das Jan in der Justizvollzugsanstalt (JVA) landete, wo er eine langjährige Freiheitsstrafe verbüßen muss.

Um das Verbrechen, für das er verurteilt wurde, soll es hier nicht gehen. Darüber will er nicht mit dem Reporter sprechen. „Ich will nicht nur als Straftäter, sondern auch als Mensch wahrgenommen werden“, sagt er. In der Haft hat er sich Menschen geöffnet, deren Job es ist, mit den Gefangenen die Taten aufzuarbeiten, die sie nach Waldheim ins Gefängnis gebracht haben: Sozialarbeiter, Psychologen, Anstaltsseelsorger. So wird diese Geschichte eines nicht befriedigen können: den Voyeurismus des Verbrechens.

Entscheidung für den Berufsabschluss

In der Modellbaugruppe, die Ingo Ließke (r.) ehrenamtlich betreut, kümmert sich Jan um die druckreife Dokumentation der Modelle und fertigt ganze Broschüren darüber an. Quelle: Sven Bartsch

Jan spricht lieber über das Positive, das er in seiner Haftzeit geleistet hat und den schwierigen Weg, der dorthin führte. „Ich kam irgendwann nach Waldheim. Arroganz, Selbstüberschätzung und Überheblichkeitsdenken waren dafür mitverantwortlich. Aber eine Ausbildung hatte ich nicht. Hier stand ich dann vor der Frage, machst du irgendeinen Job oder holst du einen Berufsabschluss nach.“ Die Entscheidung fiel für den Berufsabschluss. Mediengestalter sollte es werden.

Bis 2013 schaffte Jan fast alle Module, die dafür notwendig waren. Aber so konnte er keine Prüfung ablegen. „Ich war resigniert, weil das nicht ging. Der Ausbildungsbetrieb hatte gewechselt “, sagt er. Er begann eine andere Lehre.

„Das ist ein relativ neuer Beruf“

Technischer Produktdesigner lernte er fortan beim IHK-Bildungszentrum Dresden gGmbH, das seit 2007 auch in der JVA Waldheim aktiv ist. „Das ist ein relativ neuer Beruf. Es geht darum, Produkte zu entwerfen und zu konstruieren. Vieles geschieht am Computer. Wir arbeiten mit speziellen Programmen, wie Inventor und AUTO-CAD“, sagt der etwa 40-Jährige.

Aber auch für die François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur ist Jan in seiner Freizeit aktiv und gestaltet zum Beispiel Eintrittskarten. Quelle: privat

Den Mediengestalter hatte er aber nie aufgegeben. Und daran hat Ingo Ließke eine große Aktie. Der IHK-Ausbilder in der JVA Waldheim betreut ehrenamtlich die Modellbaugruppe, deren Mitglieder so großartige Modelle hergestellt haben, wie die Lumber-Jack-Lok oder ein originalgetreuer Dampfbus, sprach Jan an, ob er nicht dort einsteigen wolle – als Mediengestalter, der sich um die ganzen Drucksachen der Gruppe kümmert.

Facharbeiterprüfung zum Mediengestalter abgelegt

Kataloge, Broschüren und viele weitere Präsentationen sind dabei anzufertigen. „Ich konnte zeigen, dass ich was kann“, sagt Jan über seine Motivation, in der Gruppe einzusteigen.

Aber einen Abschluss hatte er damit nicht. Noch nicht. „Dann tauchte jemand auf, von dem ich noch nie etwas gehört hatte“, sagt Jan über François Maher Presley, der 2016 für eines seiner vielen Buchprojekte in der JVA Waldheim recherchierte und dabei auch die Modellbaugruppe besuchte. Und François Maher Presley sollte sich sehr dafür einsetzen, dass Jan doch noch seine Facharbeiterprüfung zum Mediengestalter in der JVA Waldheim ablegen konnte.

Anstaltsleiter gibt Zustimmung

Der Autor, der in Waldheim vielfältige Spuren hinterließ und hinterlässt, wurde zum Fürsprecher für Jan, kämpfte nicht nur gegen die bürokratischen Hürden, sondern unterstützte ihn auch mit Fachbüchern, damit er die fehlenden Module beenden und sich auf die Prüfung vorbereiten konnte. Zwei Tage vor seiner Verabschiedung in den Ruhestand gab Anstaltsleiter Harry Kempf seine Zustimmung für die externe Prüfung. An seiner Seite wusste Jan Silvio Zschage, den Leiter der Station, Marco Pohl, den Sozialarbeiter, und natürlich Ingo Ließke. Ihnen ist er sehr dankbar für die Unterstützung.

Dieses Plakat lädt zur Ausstellung ins Stadt -und Museumshaus Waldheim. Entworfen hat es Jan. Quelle: privat

„Der Gefangene von heute ist der Nachbar von morgen“, sagt Jan und meint damit: Irgendwann kommen sie alle wieder raus, der eine früher, der andere später. Wenn er das Gefängnis verlassen wird, dann mindestens mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, wahrscheinlich eher mit zwei Facharbeiterbriefen.

Das schafft nicht jeder Gefangene. Obgleich die Lehrausbildung in der Haft einen Vorteil hat. „Hier kannst du dich auf die Ausbildung konzentrieren und hast nicht die Ablenkung wie draußen“, sagt Jan.

Sein Können als Mediengestalter bleibt nicht hinter Gefängnismauern. So ist er in seiner Freizeit auf vielfältige Weise für die François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur tätig, hat viele Drucksachen, wie etwa Plakate gestaltet. Damit ist auch nach außen sichtbar, wie manche Gefangene ihre Haftzeit sinnvoll nutzen. Jan gehört dazu.

Ausbildung und Arbeit hinter Gitter

Nicht jeder Gefangene nutzt die Chance, hinter Gitter eine Ausbildung oder einen Schulabschluss zu absolvieren. Laut jüngsten Zahlen des Sächsischen Justizministeriums tut dies nur jeder fünfte verurteilte Straftäter. Viele Gefangene kommen mit Lerndefiziten, Bildungsmängeln oder beruflicher Perspektivlosigkeit in Haft, ist aus dem Justizministerium zu hören. In der JVA Waldheim bieten Bildungsträger Lehrausbildungen an. Neben Mediengestalter und Produktdesigner werden auch Holz- und Metallberufe angeboten. Die Metallbauwerkstatt der JVA Waldheim fertigt neben Haftraumtüren auch sehr robuste Edelstahlgrills.

Im Gegensatz zum Strafvollzug in der DDR ist heutzutage kein Häftling mehr zum Arbeiten verpflichtet. Aber trotzdem ist die Beschäftigungsquote in Waldheim recht hoch. So gehen zum Beispiel die Häftlinge im offenen Vollzug einer Arbeit nach, sei es im Grünflächen-Kommando oder auch bei ganz normalen Betrieben.

*Name wurde von der Redaktion geändert.

Von Dirk Wurzel

Am Bayreuther Landgericht wurden am Dienstag im Prozess um die getötete Leipziger Studentin Sophia die Plädoyers von Anklage und Verteidigung gehalten. Staatsanwältin Sandra Staade forderte eine lebenslange Haftstrafe.

10.09.2019
Mitteldeutschland Im Literaturhaus und Hildebrand-Gymnasium Zwei Leipziger Heimspiele für Jana Hensel

Jana Hensel (43) gehört seit „Zonenkinder“ (2002) zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen. Am Montag und Dienstag stellte die Berlinerin in ihrer Heimatstadt Leipzig im Literaturhaus und in ihrer alten Schule ihr neuestes Buch „Wie alles anders bleibt“ vor.

10.09.2019

Nachdem der Stadtrat Schmölln eine Klage gegen vier neue, bis zu 217 Meter hohe Windräder abgelehnt hat, kocht die Volksseele in der Nachbarschaft der Strom-Riesen. Zumindest für den Schutz des bedrohten Roten Milans und von Fledermäusen müssen sich die Betreiber des Windparks Mohlis aber an eine Reihe von Auflagen halten.

10.09.2019