Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Sachsen-AfD quält sich durch Listenwahl
Region Mitteldeutschland Sachsen-AfD quält sich durch Listenwahl
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:38 17.03.2019
Der aktuelle Spitzenkandidat der sächsischen AfD Jörg Urban eröffnete bereits im September den Parteitag. (Archiv) Quelle: Alexander Prautzsch/dpa
Markneukirchen

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Versammlungsleiter Andreas Handt die Geduld verliert. Stunde um Stunde vergeht. Doch auf dem sächsischen AfD-Parteitag hält sich der Fortschritt in Grenzen - die Aufstellung der Kandidaten für die Landtagswahl kommt einfach nicht voran. Handt, im Hauptberuf Disponent, ist extra aus Nordrhein-Westfalen verpflichtet worden, weil er schon rund 250 AfD-Veranstaltungen ohne größere Reibungsverluste gemanagt hat.

Doch am Sonnabend, kurz vor der Zeit für Kaffee und Kuchen, erreicht seine Stimmung einen neuen Tiefpunkt. „Lassen Sie sich weniger von Persönlichem leiten. Ich höre viel von Geschlossenheit und Zusammenstehen. Bedenken Sie das bitte bei der Abstimmung“, mahnt Handt die rund 350 anwesenden Mitglieder in der Musikhalle von Markneukirchen (Vogtland). Auch Wahlleiter Tilman Matheja appelliert vom Podium beinahe flehentlich in den Saal: „Bitte besinnen Sie sich.“

Viele wollen in den neuen sächsischen Landtag

Im Februar waren bereits die ersten 18 Listenränge besetzt und AfD-Landeschef Jörg Urban zum Spitzenkandidaten gekürt worden, wofür drei Tage gebraucht wurden. In der Verlängerung, die am Freitagnachmittag begonnen hatte, sollen die restlichen Plätze bis zur Nummer 61 gewählt werden. Doch bis allein zwölf weitere Bewerber feststehen, vergehen abermals zweieinhalb Tage. Zwischenzeitlich droht eine erneute Verlängerung. „Beim nächsten Mal müssen wir es anders machen“, meint der AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla mit Blick auf den Wahlmarathon.

Die Kritik kann auch als Fingerzeig an die Parteiführung verstanden werden. AfD-Landeschef Urban hatte zwar zum Auftakt zur Geschlossenheit gemahnt: „Bitte stellt persönliche Gefühle zurück. Wir akzeptieren demokratische Wahlen.“  Und auch gefordert, dass sich alle Kreisverbände auf guten Listenplätzen wiederfinden sollen. Doch letztlich stechen sich etliche Verbände gegenseitig aus, ist von Heckenschützen die Rede, werden Absprachen nicht eingehalten und verhallen die Geschlossenheitsappelle. Hinzu kommt: Gleich mehrfach sind Stimmzettel falsch bestückt, müssen Wahlgänge gestoppt oder annulliert werden.

Parteiprominenz arbeitet als Krisenmanager

Das größte Problem ist allerdings: Es gibt schlicht zu viele Bewerber, die auf aussichtsreiche Listenplätze für die Landtagswahl am 1. September drängen. Meist treten mindestens sechs oder sieben Kandidaten gegeneinander an, selbst in Stichwahlen wird häufig keine absolute Mehrheit erreicht, so wie es die Parteistatuten vorschreiben. Die „Kotzgrenze“ sei noch nicht ganz erreicht, meinen gleich zwei einflussreiche AfD-Männer am Sonnabendnachmittag.

Die Bundestagsabgeordneten Siegbert Droese und Chrupalla fungieren derweil als Krisenmanager, versuchen Gruppen zu besänftigen und sind um einen regionalen Ausgleich bemüht. Auch Parteichef Urban ist immer wieder zwischen den Stuhlreihen aktiv, während der Parteitag zwischen zunehmenden Ermüdungserscheinungen und bissigem Galgenhumor changiert. Innerhalb der Parteiführung wird immer wieder auf die gewollte Basisdemokratie verwiesen - doch nicht wenigen Mitgliedern sind die Mühen der Ebene anzumerken.

Bewerber punkten mit kämpferischen Reden

Jenseits der internen Diskussionen hatte Urban die Partei in seiner Rede auf einen Machtwechsel nach der Landtagswahl am 1. September eingeschworen. „Wir werden die Deutschlandabschaffer aus den Ämtern jagen“, kündigt Urban an, „vor 30 Jahren haben wir schon einmal die Herrschaft des Unrechtsstaates besiegt - lasst uns das wieder tun.“

Auch andere Redner fordern, die Wende „endlich zu vollenden“ und sehen die AfD in der Tradition der Friedlichen Revolution von 1989. Daneben ist  Systemkritik und Medienschelte allgegenwärtig: Wer bei den anwesenden Mitgliedern punkten will, muss möglichst flammende, kämpferische Reden halten, das Vaterland vor allem vor dem „linksgrünen Gender-Wahnsinn“ verteidigen und vom „Würgegriff der Altparteien“ befreien wollen.

Auch Pro-Chemnitz-Ordner und Ex-JA-Chef wollen auf Wahlliste

Der Parteitag schrammt auch knapp an einem Skandal vorbei: Beinahe schafft es ein sachsenweit bekannter Rechter auf einen sicheren Listenplatz. Doch Arthur Oesterle - Chef-Ordner unter anderem bei Pro Chemnitz, Aktivist des vom Verfassungsschutz in Teilen beobachteten Vereins „Heimattreue Niederdorf“ und Demonstrant beim III. Weg - scheitert in mehreren Anläufen. Er erreicht allerdings bis zu 126 Stimmen, erhält also die Zustimmung von mehr als einem Drittel der Anwesenden.

„Das überrascht mich“, sagt der AfD-Bundestagsabgeordnete Droese. Auch der ehemalige Landesvorsitzende der Jungen Alternative, Matthias Scholz, gegen den wegen „Sieg Heil“-Rufen ermittelt wurde, versucht, sich im aussichtsreichen Mittelfeld zu platzieren, verpasst das Ziel aber ebenfalls.

AfD will stärkste Partei werden und CDU ablösen

Parteichef Urban sagt am Sonntagabend, als endlich feststeht, dass es keine dritte Wahlrunde geben muss: „Der Parteitag lief diszipliniert, demokratisch und in freundlicher Atmosphäre ab. Ich bin stolz, dass wir sehr gute Kandidaten aufstellen konnten.“

Die AfD wolle bei der Landtagswahl am 1. September 2019 die stärkste Kraft in Sachsen werden und „die schädliche politische Vormachtstellung der CDU beenden“, so Urban. Laut Umfragen werden momentan 30 bis 40 Landtagssitze als realistisch betrachtet werden.

Von Andreas Debski

In Leipzig herrscht Aufregung um einen kleinen Elefanten, in Rostock leben gleich vier junge Orang-Utans: Jeder Zoo hat seine eigenen Zuchtprogramme, in denen er Nachwuchs heranzieht. Ein Blick auf Zoos und ihre Züchtungen.

17.03.2019

Thüringen ist Bratwurstland. Mit einem Spektakel um den Wurstklassiker, der unter dem Schutz der EU steht, begann die Grillsaison im Freistaat. Inzwischen wird das Original aus dem Freistaat kaum noch gefälscht.

17.03.2019

Wie mit der Digitalisierung umgehen? Wie kann die Arbeitswelt von morgen gerecht gestaltet werden? Wie kann der Datenschutz gestärkt werden? Die SPD diskutierte darüber in Leipzig und Justizministerin Katarina Barley hatte Forderungen im Gepäck.

18.03.2019