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Mitteldeutschland Sachsen-FDP will zurück von der Auswechselbank
Region Mitteldeutschland Sachsen-FDP will zurück von der Auswechselbank
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20:08 29.08.2019
Alles für einen: FDP-Chef Holger Zastrow schwört seine Anhänger in Leipzig auf den Endspurt im Wahlkampf ein. Quelle: André Böhmer
Leipzig

Auf der gelben Wand leuchtet „Einfach machen!“. Draußen, vorm Kupfersaal in der Leipziger City, steht ein FDP-Kleintransporter mit dem großen Schwarz-Weiß-Foto des Spitzenkandidaten. „Bevor Sie ihr schwarz-grünes Wunder erleben“, warnt Holger Zastrow. Die Alternative? Na klar, könne nur FDP heißen. Im Wahlkampf-Endspurt wirft sich der Mister FDP mit Dresdner Wurzeln in Sachsen noch mal voll in die Bresche.

Seine Botschaft ist klar: Entweder mit mir wieder über die Fünf-Prozent-Hürde oder der endgültige Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Dass fast alles um Zastrow im Wahlkampf kreist, schmeckt in der Sachsen-FDP aber nicht jedem. In Leipzig etwa wirbt die FDP auch mit Großplakaten für die junge Verlegerin Kristin Franke (36), die auf dem Top-Platz 2 auf der Landesliste steht.

Aber mit Blick auf das große Ziel ist kein Platz mehr für interne Animositäten. Für den letzten Schwung haben sich die Sachsen-Liberalen noch prominente Berliner Unterstützung in den Freistaat geholt. Am Mittwochabend laufen Bundesvorsitzender Christian Lindner und FDP-Generalin Linda Teuteberg in Leipzig auf. Auftritt, Beifall, Selfies vor viel jungem Publikum im nicht restlos gefüllten Kupfersaal. Der auch gerade erst 50-jährige Sachsen-Chef Zastrow wirkt da schon ein bisschen wie der liberale Elder Statesman.

Doch der hemdsärmelige Dresdner mit beruflicher Verankerung als Chef einer Werbeagentur und Betreiber des Biergartens „Hofewiese“ in der Dresdner Heide, liefert auf der Bühne. Weil er auch sofort mit seinen Lieblingsfeinden abrechnet. Vor allem mit „Fridays For Future“ und den Grünen; „Ich habe als Schüler in der AG Naturschutz mehr Bäume gepflanzt als die gesamte Landtagsfraktion der Grünen.“

Und Klimaschutz? Deutschland mache schon viel, sollen doch erst mal andere Länder anfangen, Tschechien und Brasilien zum Beispiel. Und dann beklagt er das fehlende Gründerzeit-Fieber. „Selbstständigkeit, die Bereitschaft, mit eigenen Händen etwas zu schaffen, hat in unserer Gesellschaft leider keine Lobby mehr“, sagt Zastrow. Er verspricht, das zu ändern.

Er erzählt aus seinem eigenen Unternehmer-Leben – als Biergarten-Betreiber am Stadtrand der Landeshauptstadt. „Überall Beschränkungen, ich bin im Visier aller Bürokraten, die mich ständig behindern.“ Einfach anfangen und loslegen? Das gehe eben nicht, aber das wünsche er sich für sein Land. „Es muss auch wieder mehr für den Mittelstand getan werden und deshalb müssen wir wieder in den Landtag einziehen.“

Und bei der Bildung sollte nicht alles auf die Hochschulen hinauslaufen. „Ein Fliesenleger wird in einigen Jahren mehr verdienen als ein Politik-Wissenschaftler oder Soziologe.“ Und noch ein großes Plädoyer für die Bäcker. Ein ehrbarer Beruf, leider zu wenig geschätzt. „Das Brot kann man eben nicht downloaden“, mokiert sich der Parteichef.

Und natürlich kündigt Zastrow die Rückkehr von der Auswechselbank an. „Wir haben Fehler gemacht und wurden dafür bestraft.“ Aber nach fünf Jahren Buße und dem 3,8-Prozent-Desaster von 2014 greife die Sachsen-FDP wieder an. Auf die Wellenlänge schwenkte auch Bundesvorsitzender Lindner ein. „Wir sind die Partei der Individualisten.“ Er sprach zudem klar die AfD in Sachsen an. „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind auch in Sachsen eine Gefahr und hier zu lange ignoriert worden.“ Aber das dürfe auch den Linksextremismus auf der anderen Seite nicht legitimieren. Siehe Berlin und Hamburg. Am Ende wurde das liberale Chef-Trio vom Saal gefeiert. Alles für einen, nämlich für Zastrow, der mit seiner Popularität das Comeback schaffen soll.

In allen Umfragen steht die FDP bei fünf Prozent. Das verbreitet zwar Hoffnung bei den Gelben, sorgt aber auch für gebremste Vorfreude. Am Sonntag ist nach wie vor alles möglich - nach oben und unten. Zastrow hat aber noch einen Trumpf in der Hand. In seinem Wahlbezirk Bautzen 3 rund um die Bier-Metropole Radeberg hat er tatsächlich die Chance das Direktmandat zu holen. Es ist der alte Wahlbezirk von Ex-Ministerpräsident Stanislaw Tillich, die Mitbewerber von AfD und CDU gelten nicht als Überflieger.

Zastrow hatte schon bei der Dresdner Kommunalwahl Ende Mai mit 11 313 Stimmen die meisten aller Bewerber geholt. Triumphiert er auch bei der Landtagswahl, wäre das eine bundespolitische Sensation. Zastrow – der Ströbele der Liberalen. Er würde dann wie der Grüne in Berlin-Kreuzberg als erster FDP-Kandidat seinen Wahlbezirk direkt gewinnen.

Soweit will er aber in Leipzig beim Wahlkampf-Endspurt noch nicht gehen. Zastrow weiß, es geht um alles – oder nichts. Schafft es das FDP-Zugpferd mit den Liberalen nicht wieder in den Landtag, ist seine Polit-Karriere zu Ende. Für die mit Sicherheit schwierigen Koalitionsverhandlungen hat er schon angekündigt, dass er sich auch eine Minderheitsregierung vorstellen könne. „Die Zeit der starren Blöcke ist vorbei.“ Er selbst würde diesmal auch als Minister bereitstehen – 2009 hatte er unter Schwarz-Gelb noch abgewunken und damit viele Sympathien verspielt.

Jetzt lässt sich Zastrow alles offen – vor allem will er am Sonntag die 5 vor dem Komma sehen. Aber Opposition, so Bundeschef Lindner, wäre ja auch ein starkes Signal. Zum Schluss wird in Leipzig ein Song von Avici eingespielt. Keine besonders originelle Dramaturgie – der schwedische DJ ist jung verstorben.

Von André Böhmer

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