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Mitteldeutschland Rekord bei unbesetzten Lehrstellen in Sachsen
Region Mitteldeutschland Rekord bei unbesetzten Lehrstellen in Sachsen
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22:00 20.07.2018
Ein Auszubildender erlernt in Erfurt das Gasschweißen. Kurz vor dem neuen Ausbildungsjahr sind noch viele Stellen unbesetzt.
Ein Auszubildender erlernt in Erfurt das Gasschweißen. Kurz vor dem neuen Ausbildungsjahr sind noch viele Stellen unbesetzt. Quelle: dpa
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Betriebe in Sachsen und Thüringen haben immer größere Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres in Sachsen tausende Lehrstellen nicht besetzt werden können. Rein rechnerisch fehlen jetzt schon über 2100 Bewerber. In Thüringen sind es sogar 3100. Vor allem für Fachverkäufer im Lebensmittelhandel, aber auch für Berufe in der Gastronomie gibt es viel zu wenig Interessenten. Ähnlich sieht es bei der Ausbildung zum Fachinformatiker, Kraftfahrzeug-Mechatroniker oder auch Industriemechaniker aus. Hier suchen viele Firmen bislang vergeblich.

Ende Juni waren noch 9733 im Freistaat gemeldete Lehrstellen nicht besetzt – so viele wie nie zuvor in einem Juni, wie ein Sprecher der Landesarbeitsagentur in Chemnitz auf Nachfrage mitteilt. Dem standen 7590 unversorgte Schulabgänger gegenüber. Die Firmen würden immer mehr freie Lehrstellen melden: für dieses Jahr 19.334, nach 18.954 im Jahr davor und 18.603 im Jahr 2015. Außer in Görlitz gibt es rein rechnerisch in keiner Region Sachsens genügend Ausbildungsbewerber.

Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur, erklärt, warum Firmen keinen Nachwuchs finden. Oft passt das Anforderungsniveau der Betriebe nicht zu den Leistungen der Bewerber. Oder der Ausbildungsplatz liegt zu weit vom Wohnort entfernt. Vor allem aber haben sich viele Schulabgänger auf einen anderen Wunschberuf festgelegt und wollen sich nicht umentscheiden. Von den insgesamt 20.095 Ausbildungsbewerbern haben schon viele einen Lehrvertrag unterschrieben. Andere besuchen weiterhin die Schule oder beginnen mit einem sozialen Jahr.

So gibt es in Sachsen derzeit noch 58 freie Stellen für die Ausbildung zum Stahlbetonbauer – aber nur drei Jugendliche interessieren sich dafür, sagt Hansen. Gleichzeitig werden noch 141 Azubis für Fleischerei-Fachverkäufer gesucht, nur zehn junge Menschen bewerben sich für diese Ausbildung. Selbst im kaufmännischen Bereich sind die Bewerber knapp. Für den Speditionskaufmann gibt es 123 freie Lehrstellen und nur 15 Bewerber.

Aber auch wenn das Ausbildungsverhältnis zustande kommt, sind für zahlreiche Firmen die Nachwuchssorgen nicht vorbei. Denn mehr als jeder vierte Azubi beendet seine Ausbildung vorzeitig. 2016 haben in Sachsen rund 5700 Azubis ihre Lehre abgebrochen beziehungsweise vorzeitig gelöst, 450 mehr als ein Jahr zu vor. Die Lösungsquote von aktuell 28,3 Prozent ist die höchste, der vergangenen Jahre. In Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern beendet sogar jeder Dritte vorzeitig seinen Ausbildungsvertrag. Thüringen folgt mit 30,6 Prozent auf Platz fünf.

Am häufigsten brechen Jugendliche ihre Lehre im Handwerk und in der Hauswirtschaft ab, am wenigsten im öffentlichen Dienst. Schlechtes Betriebsklima, fehlende Motivation, ausbildungsfremde Tätigkeiten oder zu lange Wege zum Unternehmen sind einige der Gründe. Hansen macht darauf aufmerksam: Über die Hälfte der Jugendlichen, die eine Ausbildung vorzeitig beenden, beginnen eine neue Lehre. Nur ein geringer Teil geht vorerst dem Bildungssystem verloren. Die meisten probieren im nächsten Anlauf erneut eine Ausbildung.

Von Andreas Dunte