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Mitteldeutschland Sachsen zwischen Stolz und Schrecken
Region Mitteldeutschland Sachsen zwischen Stolz und Schrecken
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12:03 01.09.2018
Wer nach den Ereignissen von Chemnitz die große Moral-Keule schwingt und unisono alle Einwohner des Freistaats in die braune Ecke stellt, überzieht maßlos, meint LVZ-Vizechefredakteur André Böhmer. Quelle: dpa
Leipzig

Genau in einem Jahr ist politischer Showdown in Sachsen. Die Landtagswahl am 1. September 2019 wird darüber entscheiden, in welche Richtung der Freistaat gehen wird. Bleibt die seit 1990 regierende CDU am Ruder? Mit welchen Partnern dann auch immer an der Seite. Oder wiederholt die AfD ihren Erfolg von der Bundestagswahl? Letzte Umfragen sehen die Union knapp vorn. Aber zwölf Monate bis dahin sind noch eine lange Zeit. Da ist alles möglich. Als sicher gilt lediglich ein Fakt: Es ist nicht irgendeine x-beliebige Landtagswahl, es wird d i e Wahl des nächsten Jahres werden. Der Ausgang in Sachsen, dem wirtschaftlich und bevölkerungsstärksten ostdeutschen Bundesland, wird die Berliner Politik stark prägen – so oder so.

Wie schnell sich politische Stimmungen drehen können, haben die letzten zwei Wochen gezeigt. Vor 14 Tagen war die Welt in Sachsen noch relativ in Ordnung. Die erste Woche nach den großen Ferien war vorbei, keine besonderen Vorkommnisse. Danach ging es Schlag auf Schlag, quasi im Tages-Rhythmus pflügte ein Polit-Tsunami durch den Freistaat und hat ihn tief aufgewühlt. Von der ZDF-LKA-Pegida-Affäre mit der „Hutbürger“-Enttarnung bis zur komplett falschen Lageeinschätzung der sächsischen Polizei am Montag in Chemnitz – ein Fiasko jagte das nächste.

André Böhmer, stellvertretender Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Quelle: Kempner

Und die schwarz-rote Landesregierung? War und ist getrieben von der Dynamik der Ereignisse. Mit dem Auftritt am Donnerstag beim Bürgerdialog in Chemnitz – der übrigens schon lange geplant war – fand unter Führung von CDU-Regierungschef Michael Kretschmer der erste Versuch statt, die aufgeheizte Stimmung wieder etwas zu beruhigen. Ob das trägt, wird sich schon am Wochenende zeigen, wenn wieder Demos durch die Stadt ziehen. Die Gefahr einer neuen Eskalation ist nicht gebannt.

Dass beim Blick auf Sachsen von auswärts nicht immer das elegante Florett ausgepackt wird, überrascht nicht. Am Dienstag stand das Wort „Chemnitz“ in allen deutschen Schlagzeilen – auch in der LVZ. Bei vielen Analysen zur Lage im Freistaat war es dann aber ein bisschen wie in der Schule: Wenn der stolze Klassen-Primus schwächelt, freut sich der Rest besonders hämisch. Und wer den Schaden hat, bekommt den Spott und Hass jetzt hunderttausendfach über soziale Medien zurück. Das muss und wird Sachsen aushalten, die Facebook- und Twitter-Gemeinde zieht bald weiter und wird sich am nächsten Thema festbeißen.

Wer aber jetzt politisch noch die große Moral-Keule schwingt und unisono alle Einwohner des Freistaats in die braune Ecke stellt, überzieht maßlos. Beim G-20-Gipfel kam auch niemand auf die Idee, Hamburger pauschal als linksextrem abzustempeln, nur weil linke Randalierer Teile der Stadt verwüsteten. Und nicht jeder besorgte Bürger, der die Folgen der Flüchtlingspolitik für seine sächsische Heimat kritisch hinterfragt, steht am rechten Rand. Selbst wenn viele Bilder es so vermittelt haben – oder viele es genauso sehen wollten.

Von André Böhmer

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