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Mitteldeutschland Sachsenburg – das vergessene KZ
Region Mitteldeutschland Sachsenburg – das vergessene KZ
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22:14 20.07.2018
Das einstige KZ Sachsenburg entspricht als ehemalige Spinnerei nicht unbedingt den Vorstellungen vom Aussehen eines solchen Lagers – links die Werkhalle, rechts der Arrest.
Das einstige KZ Sachsenburg entspricht als ehemalige Spinnerei nicht unbedingt den Vorstellungen vom Aussehen eines solchen Lagers – links die Werkhalle, rechts der Arrest. Quelle: Roland Herold
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Sachsenburg

Leicht schaukelt die Hängebrücke über der Zschopau. Sie führt zu Wiesen mit Pferden, zu Fachwerkhäusern und einem Schloss auf dem Berg. Doch wer näher kommt, stößt auf ein Mahnmal aus Rochlitzer Porphyr. In Sachsenburg (Kreis Mittelsachsen) war zu NS-Zeiten das größte und wichtigste Konzentrationslager Sachsens.

Woran liegt es, dass in Orten wie Sachsenburg Gefängnisse, Arreste oder Jugendwerkhöfe eine Kontinuität haben über Jahrhunderte hinweg? Das ist die Frage, die sich die Chemnitzer Kunst- und Geschichtslehrerin Anna Schüller (27) stellt, die dazu an der Leipziger Universität promoviert.

Seit geraumer Zeit steht Sachsenburg für zweierlei in der Öffentlichkeit: Für das Engagement einer Handvoll junger Leute, das nun offenbar zu einem glücklichen Ende führt, und zum anderen für den in Sachsen offenbar widerwillig betriebenen Umgang mit der NS-Vergangenheit. Aber stimmt das in diesem Fall überhaupt?

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Fest steht, dass eine kleine Gruppe von Abiturienten um Anna Schüller – heute Lehrer, Sozialpädagogen, Werkzeugmacher – 2009 ein Projekt zu den Tatorten des Nationalsozialismus in Chemnitz starten wollte. Der Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg konnte die Jugendlichen dann umstimmen und ihre Aufmerksamkeit nach Mittelsachsen lenken. Damit kam dort auch wieder Schwung in die Sache. 2012 wurde Sachsenburg dann noch einmal aufgewertet durch eine Änderung im Sächsischen Stiftungsgesetz.

Zwar gab es zu DDR-Zeiten einen Ort der Erinnerung im damaligen VEB. Im Blickpunkt standen aber eher große Lager wie Buchenwald, Sachsenhausen oder Dachau. Nach der Wende wurde die Gedenkstätte dann geschlossen. Auch, weil die Bedeutung insgesamt unklar war. Bald aber machten sich Initiativen für die Wiedereinrichtung stark, darunter ehemalige Häftlinge und Angehörige.

„Mich lässt dieser Ort nicht mehr los“, sagt Schüller. Sie ging in Archive, las Akten und Berichte, sprach mit Überlebenden und Angehörigen. „Irgendwann baut man eine Art persönlichen Bezug zu den Menschen auf, die hier in Haft waren.“

In jüngster Zeit erschienen Zeitungsberichte, wonach die Stadt Frankenberg, zu der Sachsenburg gehört, bei der Aufarbeitung blocke. Von „sächsischer Amnesie“ war die Rede. Schüller nennt das „sehr polarisierend“. Auch sei der Forschung erst in den vergangenen Jahren klar geworden, wie wichtig der Ort ist. „Ich kann jetzt schon feststellen, dass die Stadt ein Interesse hat, hier eine Gedenkstätte einzurichten.“ Das Rathaus bestätigt das: „Die Stadt will mit der Errichtung der Gedenkstätte ein würdiges Denkmal zu Ehren der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur schaffen, die Erinnerung wach halten und durch politische Bildung dafür Sorge tragen, dass sich derartiges niemals wiederholt.“

Dass Leute, die heute auf dem Gelände wohnen, wo sich neben den alten Anlagen auch Freibad, Sportplatz und Wohnungen befinden, auch Sorgen haben, hält Schüller für normal. „Aber ich sehe es eher als Chance und weiteres Angebot, um nach Sachsenburg zu kommen.“ Insgesamt, sagt sie, seien die Rückmeldungen aus dem Ort eher positiv. Bewohner unterstützten die Arbeit unter anderem mit Fundstücken. Um so wichtiger sei es, ins Gespräch darüber zu kommen. Sämtliche Landtagsfraktionen – mit Ausnahme der AfD – hätten sich vor Ort ein Bild gemacht. Ärger mit Rechtsradikalen gebe es nicht.

Dass bisher noch nicht einmal ein Hinweisschild existiert, bedauert sie zwar. Doch gebe es Besichtigungen derzeit ohnehin nur über die Lagerarbeitsgemeinschaft. Wenn das Außengelände demnächst aber mit einem „Pfad der Erinnerung“ bestückt wird, will Schüller dabei sein.

Bis vor Kurzem gehörte das Gelände dem Unternehmer Marcel Hett aus dem Taunus, der es seinerzeit ahnungslos kaufte. Nun hat er der Stadt die beiden Gebäude im Eingangsbereich abgetreten mit dem Auftrag, eine Gedenkstätte einzurichten – und ihre Zufahrtswege und die Kommandantenvilla verkauft. Insgesamt 20 .000 Euro zahlte Frankenberg, das sich auch an den fortlaufenden Kosten „mit einem angemessenen Eigenmittelanteil“ beteiligen will. Es folgte ein Beschluss der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die Umsetzung der Konzeption für die Gedenkstätte zu empfehlen. Wann das Ganze aber eröffnet werden kann, ist derzeit noch nicht abschätzbar.

Auch was mit der einstigen Fabrik wird, ist noch ungeklärt. „Es wäre schön, wenn auch sie Bestandteil der Gedenkstätte würde, aber der Stadtratsbeschluss weist nicht in diese Richtung“, bedauert Schüller. Letztlich sei es wohl auch eine Frage des Geldes. Dabei müsse man eben auch an europäische Mittel denken.

Schüller schließt das Haus am Eingang auf. Es enthält unter anderem einen Folterraum und vier kleine Arrestzellen. Klaustrophobische Dunkelheit, in der man das Zeitgefühl verlor. Eine Holzpritsche zum Klappen an die Wand, ein winziges Loch mit Gitter nach draußen. Mit Bleistift hat jemand „75 Stockhiebe“ an die Wand geschrieben. Solche Torturen wurden dann auf dem hölzernen „Prügelbock“ und auf dem Appellplatz vollzogen. „Der Häftling musste dabei jeden Schlag mitzählen. Konnte er nicht mehr, begann man von vorn.“ Wurde er bewusstlos, bekam er kaltes Wasser über den Körper geschüttet.

Rund 600 Häftlinge waren allein in der Fabrikhalle in dreistöckigen Betten untergebracht. Um 5 bis 6 Uhr war Wecken, 15 Minuten blieben fürs Frühstück und nach dem Appell ging es in den Steinbruch, zum Siedlungs- oder Wanderwegebau. In der Sporthalle mussten Häftlinge oft stundenlang auf einer Eisentreppe knien oder den „Sachsengruß“ zelebrieren, in die Knie gehen mit verschränkten Armen hinter dem Kopf. Läuft es ihr da manchmal kalt den Rücken runter? „Sicher. Es gibt ja auch Berichte über die Ermordung von Häftlingen. Da muss man beim Lesen immer wieder Pausen machen.“

Sachsenburg war das bekannteste KZ in Sachsen. In der Region sei das noch heute bekannt. Darüber hinaus aber, in Leipzig oder Dresden, eher nicht. Viele Zeitzeugen seien mittlerweile gestorben. In den Garagen befinden sich darum Schautafeln, um die Erinnerung wachzuhalten. Sie geben den unterschiedlichen Opfergruppen Raum. Frankenberg muss nun einen Antrag auf Errichtung und Förderung der Gedenkstätte stellen. Daran arbeite man, heißt es aus dem Rathaus. Die Staatsregierung hat im Haushaltsentwurf finanzielle Vorsorge getroffen.

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) begrüßt, dass die Umsetzung einer Gedenkstätten-Konzeption jetzt zügig vorangetrieben werden kann. „Das KZ Sachsenburg, das erste sogenannte Schutzhaftlager in Sachsen, ist ein Ort, an dem Menschen nicht nur aus Deutschland interniert, gefoltert und getötet wurden. Hier wurden auch die Henker des Naziregimes für die KZ ausgebildet“, sagt sie. Und sie fügt hinzu, sie sei sehr froh, dass die Stadt sich dazu bekenne, „denn den Bürgern ist damals der Betrieb des KZ ja nicht verborgen geblieben“.

Von Roland Herold