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Mitteldeutschland Sachsens Handwerk leidet unter Bürokratie-Auflagen
Region Mitteldeutschland Sachsens Handwerk leidet unter Bürokratie-Auflagen
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22:40 01.02.2018
Präsident des Sächsischen Handwerkstages Ermer beklagt ausufernde Melde- und Dokumentationspflichten. (Symbolbild) Quelle: dpa
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Dresden/Leipzig

Das sächsische Handwerk schlägt Alarm. Die „ungebremst hohen bürokratischen Auflagen“ im Unternehmensalltag hätten eine „geradezu abschreckende Wirkung“ auf Existenzgründer wie gestandene Firmeninhaber, schimpfte Roland Ermer, Präsident des Sächsischen Handwerkstages, gegenüber der LVZ. Claus Gröhn, Chef der Handwerkskammer Leipzig, stößt in das gleiche Horn. „Die Betriebsinhaber müssen bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Bürokratie aufwenden.“ Das Handwerk rede schon seit Jahren darüber. „Die rote Linie ist überschritten.“ Deshalb müsse die Politik endlich „den Mut zu Veränderungen haben“.

Gröhns Chemnitzer Amtskollege Frank Wagner unterstützt das. „Wenn Unternehmensübergaben gelingen und Unternehmen wachsen sollen, dann muss über die ständig zunehmende unproduktive Belastung von Betrieben gesprochen werden.“ Die Firmen müssen von den bürokratischen Lasten wenigstens teilweise befreit werden.

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Ermer bezeichnete die Bürokratie als „großen Hemmschuh“. Er sprach von einer „Fülle an kaum noch zu überblickenden, geschweige denn praktisch zu beherrschenden Gesetzen und sonstigen Vorschriften“. Die stets wiederkehrenden Melde-, Berichts- und Dokumentationspflichten würden nach Feierabend und an Wochenenden „viel Freizeit und Nerven kosten“. Allein im Kammerbezirk Leipzig, so Gröhn, fielen dafür monatlich mehr als eine Million Arbeitsstunden an. Das verursache Frust und schmälere die Rentabilität. Damit ermutige man niemanden, unternehmerisch tätig zu werden. Ermer forderte Ausnahmeregelungen für die kleinen und mittleren Firmen. „Es ist völlig unverständlich, warum sie mit industriellen Großunternehmen über einen Kamm geschoren werden.“

Zahl der Handwerksbetriebe in Sachsen gefallen

Die Zahl der Handwerksbetriebe im Freistaat ist Ende vorigen Jahres auf 56 800 gefallen. Das sind knapp 3000 weniger als vier Jahre zuvor. Gröhn sagte, die Probleme müssten schnellsten gelöst werden. Denn in den nächsten zehn Jahren werde ein Drittel der jetzigen Betriebsinhaber in den Ruhestand treten. Es sei offenbar für viele Meister nicht attraktiv genug, einen Betrieb zu übernehmen. „Es liegt offenkundig an den Rahmenbedingungen, wenn sich sogar unternehmerisch begabte Menschen lieber für eine abhängige Beschäftigung entscheiden“, ergänzte Ermer.

Sachsens oberster Handwerker führte das Minus bei der Zahl der Betriebe auch auf demografische Ursachen zurück. Viele Inhaber sähen vor allem im ländlichen Raum für ihre Firma keine Zukunft mehr. Ermer sagte, das Handwerk fordere faire Rahmenbedingungen. Der Wirtschaftsbereich habe an Gewicht verloren. Er führte das maßgeblich auf die Aufhebung des Meisterzwanges 2004 in vielen Berufen wie Fliesenleger und Uhrmacher zurück. Noch vor zehn Jahren sei der inhabergeführte Meisterbetrieb mit acht bis zehn Fachkräften und mehreren Lehrlingen typisch gewesen. Heute dagegen stünden sich im Handwerk vielfach Kleinstbetriebe mit bis zu drei Beschäftigten und Großunternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern gegenüber. Ermer: „Der Mittelbau muss wieder stärker in den Fokus rücken.“

Ulrich Milde