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Mitteldeutschland Sachsens Sorben in Angst: „Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität“
Region Mitteldeutschland Sachsens Sorben in Angst: „Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität“
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20:00 17.02.2019
Sorbisch-wendische Festtagstracht zur Fastnacht in der Lausitz. (Archivfoto)
Sorbisch-wendische Festtagstracht zur Fastnacht in der Lausitz. (Archivfoto) Quelle: dpa
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Bautzen

Wenn Mikławš feiern geht, dann ins DiscoLand Schönau, das tagsüber einfach Gasthaus heißt. Schönau liegt nicht weit von Bautzen. Mikławš ist 17 Jahre alt und macht eine Lehre zum Dachdecker. Seinen Nachnamen und Wohnort will er nicht sagen, aus Angst. Es gibt ein Foto von seinem Gesicht nach der Nacht des 6. Oktober 2018: Dort, wo ihn die Faust traf, unter dem linken Auge, ist ein Bluterguss zu sehen; die Unterlippe ist geschwollen. Mikławš hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Täter, die ihn vor dem DiscoLand beleidigt und geschlagen haben, hätten ihn angegriffen, weil er Sorbe ist, sagt Mikławš.

Er hat zu Protokoll gegeben, was passiert ist an jenem Abend, am Rande einer Party, die von Schülern des Sorbischen Gymnasiums Bautzen organisiert war: Wie er aus der Raucherlounge zurück in den Saal gekommen sei und ihm sofort die zehn bis fünfzehn Männer in schwarzen Klamotten auffielen. Sie hätten sich strategisch im Raum verteilt, man habe ihnen förmlich in die Arme laufen müssen, erklärte Mikławš der Polizei. Scheiß Sorben!, hätten die Angreifer gebrüllt. Scheiß Nazis, habe er entgegnet.

Die erste Faust ging direkt in seine linke Gesichtshälfte. Er sei raus in den Hof, aber da hätten die Schwarzgekleideten schon auf ihn gewartet, ihn geschubst und gedrängt, das Shirt seines Kumpels zerrissen. „Ich bin auf die Toilette gerannt und habe versucht, meine Geschwister zu erreichen, damit sie mich abholen“, sagt Mikławš. „Dann haben die Nazis die Tür aufgebrochen und mir ins Gesicht geschlagen.“ Auch andere Zeugen stützen Mikławš‘ Geschichte.

Die Sorben, eine slawische Minderheit in der Lausitz, machen knapp ein Prozent der Gesamtbevölkerung in Sachsen und Brandenburg aus. Die Volksgruppe ließ sich vor 1400 Jahren in dieser Gegend nieder, lange vor den Sachsen. Einer von ihnen war von 2008 bis 2017 sogar der dritte Ministerpräsident des Freistaates: Stanislaw Tillich.

Attacken werden brutaler und gezielter

Dass Menschen vor allem im sächsischen Teil der Lausitz nun körperlich angegriffen werden, weil sie Sorben sind? Das ist ein neues Phänomen. Seit vier Jahren tauchen solche Fälle in der Polizeistatistik auf. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Vorfällen. Fragt man diejenigen, die vor Ort sind, die selbst Sorben sind oder sich für sie einsetzen, dann hört man: große Besorgnis. Denn die Attacken würden brutaler. Und gezielter.

Dawid Statnik spricht inzwischen sogar von „organisiertem Verbrechen“, das es seiner Ansicht nach in der Oberlausitz gebe und das sich gegen Sorben richte; vor allem im katholischen Städtedreieck Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, wo etwa 70 Prozent der sorbischen Minderheit leben. Statnik, 35, ist seit 2011 Vorsitzender der des sorbischen Dachverbands Domowina. „Es wird regelmäßig Stunk gesucht, das gab es schon immer, auch zu meiner Jugendzeit“, sagt er. Mit „Stunk“ meint er: Deutsche Jugendliche provozieren sorbische (wobei natürlich auch sorbische Jugendliche Deutsche sind). „Fakt ist aber“, sagt Statinik: „Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität. Ich würde sie fast unter organisiertem Verbrechen verbuchen.“

Sorbenfeindlich motivierte Straftaten, wie das die Polizei nennt, gab es schon immer. Hauptsächlich Sachbeschädigungen: Wegkreuze und Kruzifixe werden zerstört, die zweisprachigen Ortsschilder beschmiert. Wände und Brückengeländer mit Aufschriften bemalt wie: „Sorben raus“, oder: „Hooligans gegen Sorben“. Auch antisorbische Sprüche bei Fußballspielen gehörten, sagen Experten, seit vielen Jahren zum Alltag.

Täter mit Sturmmasken

Dann, vor vier Jahren, begannen aber die gezielten Attacken gegen sorbische Jugendliche. Die Täter fuhren zu ausgewählten Veranstaltungen, tauchten meist schwarz gekleidet, teils maskiert in verschiedenen Ortschaften auf und attackierten, bedrohten, beschimpften sorbische Jugendliche. Sie hörten hin, wer Sorbisch spricht, griffen dann an und schlugen mehrfach Menschen zusammen. Der schlimmste ihm bekannte Fall, erklärt Statnik, sei einer gewesen, bei dem Täter mit Sturmmasken sorbische Jugendliche bis an ihre Autos verfolgten. „Da bekommt man doch Angst“, sagt er.

Es gibt sorbische Politiker, die sagen: Die Sorbenfeindlichkeit habe ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht. Heiko Kosel zum Beispiel. Er ist Abgeordneter der Linken im sächsischen Landtag, dort Sprecher für nationale Minderheiten. „Die Angriffe auf Sorben sind mit der gestiegenen Fremdenfeindlichkeit der vergangenen Jahre in Sachsen in Verbindung zu bringen“, sagt er. Sorben würden von Teilen der Bevölkerung als Fremde wahrgenommen. Deswegen werte man die Übergriffe als fremdenfeindlich.

Kosel sagt, die meisten Delikte würden gar nicht angezeigt. „Oft kommen gerade Beleidigungen so unvermittelt, dass man nicht darauf gefasst ist“, erklärt er. Manchmal sitze ein Sorbe im Café, lese die sorbische Zeitung, und werde quasi im Vorbeigehen deshalb beleidigt. Sorben wehrten sich noch viel zu selten. Bald will Kosel, der Politiker, zwei Veranstaltungen für sorbische Jugendliche anbieten: „Korrektes Anzeigeverhalten“ und „Ausmaß des Notwehrrechts“. Er macht das, weil es sonst keiner macht.

Der Staat tue zu wenig, sagt der sorbische Volkskundler Martin Walde. Fremdenfeindlichkeit sei immer dagewesen, es spreche nur keiner drüber. „Es kommt kaum zu Gerichtsverhandlungen. Antisorbische Zurufe auf der anderen Straßenseite werden als freie Meinungsäußerung abgetan, ein rassistisch motivierter Angriff ist eine Dorfschlägerei unter Jugendlichen.“

Walde hat ein Buch geschrieben, der Titel: Wie man seine Sprache hassen lernt. Darin stellt er sozialpsychologische Überlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverhältnis an. „Die Sorben mussten lernen, sich durch die Augen anderer wahrzunehmen, sie wurden gezwungen, ein doppeltes Bewusstsein auszubilden. Ein eigenes und ein fremdbestimmtes“, sagt er. Über Jahrhunderte und unter verschiedenen politischen Systemen blieben die Sorben marginalisiert.

Dass es heute Menschen gibt, die Sorben für Fremde halten, ist in dieser Logik keine Überraschung mehr. Auch medial würden sie immer als sonderlich dargestellt.Walde sagt, wenn in Schulbüchern oder Reportagen etwas über „die Sorben“ stehe, dann reduziert auf Tänze, Bräuche, Trachten und handwerkliche Techniken – schlicht auf Folklore. Es brauche, endlich, eine deutsch-sorbische Normalität, sagt Walde. Aber auf diese warte man schon ziemlich lange.

Von Sophie Herwig