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Mitteldeutschland Silvesterböller zwischen Spektakel und Risiko
Region Mitteldeutschland Silvesterböller zwischen Spektakel und Risiko
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22:00 27.12.2017
Illegale „Polenböller“ sind am fehlenden CE-Zeichen zu erkennen. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Angesichts unbestreitbarer Risiken für Mensch und Umwelt wird zu dem am Donnerstag beginnenden Verkauf von Silvesterfeuerwerk zunehmend über den Sinn dieser Tradition gestritten. Zum vorsichtigen Umgang mit Raketen und Böllern mahnt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD): „Da ich möchte, dass alle Sachsen gesund ins neue Jahr starten, sollten Eltern vor allem an ihre Verantwortung für die Sicherheit ihrer Kinder denken. Feuerwerk ist Sprengstoff, das darf man nicht vergessen.“ Darum Finger weg von illegalem Feuerwerk, das kein CE-Kennzeichen trägt. „Wer nicht geprüfte Feuerwerkskörper verwendet, gefährdet nicht nur die Gesundheit und das Leben anderer, sondern vor allem sich selbst!“, so Dulig.

Verletzungen mit schlimmen Folgen

Das kann Petra Maier aus eigener Praxis bestätigen. „Silvester und Neujahr herrschen bei uns Hochbetrieb“, sagt die stellvertretende Direktorin der Augenheilkunde am Uniklinikum Leipzig. In den vergangenen zehn Jahren hat sie mit ihren Kollegen 165 Augen von 149 Patienten nach Verletzungen zum Jahreswechsel behandeln müssen. Mit oft drastischen Folgen – bis zur Erblindung oder dem Totalverlust des Auges. Damit einher gehen kann auch der Verlust der Fahrerlaubnis oder des Arbeitsplatzes. „Die meisten Verletzten haben gar nicht aktiv geböllert“, betont die Medizinerin: „75 Prozent, also drei von vier, sind Unbeteiligte!“ Das sei nicht nur in Leipzig so, sondern bundesweit zu beobachten. „Diese Menschen waren sprichwörtlich zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist das Gemeine daran“, sagt die Augen-Expertin. Sie empfiehlt daher ausdrücklich, nur in Deutschland zugelassenes Feuerwerk abzubrennen und auf keinen Fall Blindgänger aufzuheben.

Der Weltverband der Augenheilkunde ICO, dessen Präsident UKL-Klinikdirektor Peter Wiedemann ab Mitte 2018 sein wird, spricht sich sogar dafür aus, private Feuerwerke gänzlich zu untersagen. Schwere Böller-Verletzungen seien vermeidbare Traumata.

Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) warnt eindringlich vor illegalem Feuerwerk. Die als „Polenböller“ bezeichneten Knaller werden vor allem in China gefertigt. BAM-Experte Christian Lohrer würde bei nicht zugelassenen Knallkörpern grundsätzlich vom schlimmsten Fall ausgehen - einem „Blitzknallsatz“, also einem Oxidationsmittel in einer gewissen Mischung mit einem Metallpulver, das bei sehr hohen Temperaturen heftig abbrennt. „Wenn man den anzündet, kann es zu einem Knalltrauma oder zu einem Abriss von Fingern oder Händen kommen“, warnt Lohrer. Ein geprüfter Böller mit CE-Zeichen, der in der Hand explodiert, hinterlässt dagegen zwar Brandspuren auf der Haut, reißt aber keine Gliedmaßen ab.

Schmutziges Spektakel

Der Leipziger Umweltverbund Ökolöwe warnt noch aus anderen Gründen vor sinnlosem Geballer zum Jahreswechsel. Rund 5000 Tonnen Feinstaub würden so jährlich durch Feuerwerkskörper in die Luft gejagt. Laut einer Studie werden in der Silvesternacht 17 Prozent der Menge an Feinstaub produziert, die jährlich durch den Straßenverkehr verursacht wird, teilt der Ökolöwe mit. Neben der Luftverschmutzung entstehe auch unerträglicher Lärm. Bis zu 150 Dezibel pro Knaller können das Gehör nachhaltig schädigen. Doch während der Mensch zumindest selbst entscheiden kann, ob er an dem Silvester-Spektakel teilnimmt, sind Haus- und Wildtiere dem Lärm und dem Dreck ausgeliefert. Der Ökolöwe appelliert daher an alle Feiernden, künftig auf Silvesterraketen und Knaller zu verzichten.

Kommen fremdes Eigentum oder gar eine Person durch Böller zu Schaden, kann das eine Strafanzeige, Gerichtsverfahren und Verurteilung zur Folge haben. Eine Auswertung des Landeskriminalamtes Sachsen ergab, dass zum vorigen Jahreswechsel 808 Straftaten im Zusammenhang mit Feuerwerkskörpern registriert wurden: „Die Hälfte davon waren Sachbeschädigungen, aber auch 25 gefährliche und schwere Körperverletzungen wurden angezeigt“, sagte Behördensprecher Tom Bernhardt. Die Polizei rät, auf das CE-Kennzeichen zu achten, nicht an Böllern herumzubasteln und besonders zu Silvester auf Kinder Acht zu geben.

Das rät die Polizei:

•Verwenden Sie nur Feuerwerkskörper, die geprüft und entsprechend gekennzeichnet sind (CE-Kennzeichnung).

•Sollten Sie im europäischen Ausland Feuerwerkskörper erwerben wollen, so achten Sie bitte nicht nur auf das CE-Zeichen, sondern auch auf die „Kategorie“. In Deutschland dürfen Sie ohne eine Erlaubnis nur Feuerwerk der Kategorien F1 und F2 verwenden. Wenn Sie sich unsicher sind, nehmen Sie vom Kauf Abstand. Sicherheit geht vor!

•Lesen Sie die auf der Verpackung oder den Feuerwerkskörpern angebrachten Gebrauchsanweisungen vor dem Abbrennen und halten Sie diese ein.

•Basteln Sie nicht an Feuerwerkskörpern herum und haben Sie diesbezüglich ein wachsames Auge auf ihre Kinder. Auch durch das Bündeln, Öffnen oder „Frisieren“ von Feuerwerk passieren jährlich Dutzende schwere Unfälle.

•Zünden Sie Artikel, die nur zur Verwendung im Freien bestimmt sind, weder in geschlossenen Räumen, noch in der Nähe offener Fenster.

•Ein Balkon ist grundsätzlich kein geeigneter Ort für die Verwendung von Feuerwerkskörpern, insbesondere nicht zum Starten von Raketen.

•Werfen Sie Feuerwerkskörper nie auf Personen, Tiere, Gebäude, Fahrzeuge oder brennbare Gegenstände.

•Finger weg von sogenannten „Blindgängern“, halten Sie Abstand und versuchen Sie keinesfalls, diese Artikel erneut zu zünden!

Feuerwerkskörper gehören nicht in Kinderhände! Das Mindestalter für Gegenstände der ungefährlichsten Kategorie F1 beträgt 12 Jahre.

•Schließen Sie beim Verlassen der Wohnung die Fenster.

•Verwenden Sie Batterien oder sogenanntes Verbundfeuerwerk statt einzelner Knallkörper und Raketen, denn so müssen Sie zur Anzündung nur einmal an das Feuerwerk herantreten und können dann aus sicherer Entfernung eine Vielzahl von Effekten genießen – ein deutlicher Sicherheitsgewinn. Beachten Sie, dass kleinere Batterien Klappfüße haben, die die Standsicherheit erhöhen.

•Nutzen Sie die bei zahlreichen Sortimenten beigelegten Anzündstäbchen – diese funktionieren sicherer als ein flackerndes Streichholz.

•Starten Sie Silvesterraketen stets senkrecht nach oben und nur aus einer sicheren Vorrichtung heraus, zum Beispiel einer leeren Flasche in einem Getränkekasten oder einem am Gartenzaun befestigten Kunststoffrohr. Achten Sie darauf dass die Raketen ungehindert aufsteigen können – und keine Dachüberstände oder Bäume im Weg sind.

•Beachten Sie, dass Teile der Rakete auch wieder zu Boden fallen (nicht nur der Leitstab) und dort Schäden hervorrufen können, für die Sie als Verursacher haften. Ein Großparkplatz verbietet sich somit als Abbrennplatz.

Von Winfried Mahr

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