Solidarität und Corona: Soziologie-Professor Lengfeld der Uni Leipzig im Interview
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Mitteldeutschland Leipziger Soziologie-Professor im Interview: „In der Corona-Pandemie bleibt Solidarität eine Leerformel“
Region Mitteldeutschland

Solidarität und Corona: Soziologie-Professor Lengfeld der Uni Leipzig im Interview

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10:28 07.06.2021
Prof. Dr. Holger Lengfeld, Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig.
Prof. Dr. Holger Lengfeld, Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig. Quelle: Christian Hüller/Universität Leipzig
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Leipzig

„Solidarität“ ist in der Corona-Pandemie ein häufiger Appell – zunächst vor allem an die Jüngeren und Gesunden, dass sie auf Freiheiten und teilweise Einkommen verzichten, um Ältere und Vorerkrankte vor Infektionen zu schützen. Jetzt, da die meisten Menschen aus der Risikogruppe geimpft sind, dreht sich die Richtung: Müssen die Älteren mit den Jüngeren solidarisch sein, deren eigene Immunisierung aussteht, und etwa mit ihren Reisen noch warten? Holger Lengfeld, Soziologie-Professor der Universität Leipzig, befasst sich unter anderem mit der Solidarität in Europa und untersucht am Forschungsinstitut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt den Rechtspopulismus in Deutschland.

Hat sich die Bereitschaft zur Solidarität über die drei Wellen hinweg verändert?

Gerade zu Beginn der Pandemie waren die Menschen über die Generationen hinweg bereit, sich zu helfen. Dennoch war Solidarität schon während der ersten Welle eher ein politischer Appell, als dass sie das Verhalten entscheidend geprägt hätte. Sie blieb eine Leerformel, ein Begriff ohne Substanz. Solidarität bedeutet entweder, die Schwachen zu unterstützen. Das setzt jedoch Kontakt voraus, also genau das, von dem wir so viel Abstand wie möglich nehmen sollen, um das Virus nicht weiterzureichen. Oder Solidarität heißt, die Ressourcen zusammenzulegen, um gemeinsam stärker zu sein. Dafür müssen wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen: uns in etwas gleichen, das Identität stiftet. Allerdings soll unsere Solidarität in der Pandemie allen Mitbürgern gelten – ein schwaches Band.

Viele halten sich an Regeln, egal, was deren Inhalt ist

Was hält dann dazu an, die Regeln zu befolgen, wenn nicht der Appell, die Schwachen zu schützen?

Es gibt zwei zentrale Motive. Das erste ist die Angst vor Erkrankung, Solidarität aus Selbstschutz. Das zweite Motiv nennen wir in der Soziologie „Normkonformität“. In Deutschland halten sich viele Menschen an Regeln, egal, was deren Inhalt ist. Sie tun es aus innerer Überzeugung. Und zwar selbst dann, wenn gar kein Kontrolleur im Hintergrund ist. So funktioniert soziale Ordnung.

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Beide Motive sind nach 15 Monaten Pandemie womöglich schwächer geworden. Welche Anreize kann die Politik setzen, sich an die Regeln zu halten?

Heute ist der wichtigste Anreiz die Aussicht auf Rückgewinn von Freiheit. Der Hebel dazu ist das Impfen. In einer freiheitlichen Gesellschaft kann der Staat keine Zwangsimpfung anordnen, also muss er konkrete Vorteile in Aussicht stellen. In den USA gibt es Konsumgutscheine. In Deutschland war die Politik lange Zeit zögerlich, nur einem Teil der Menschen die Freiheitsrechte zurückzugeben. Um Weihnachten herum, als es mit dem Impfen losging, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass es keine Privilegien für Geimpfte geben dürfe. Das war vor dem damaligen Hintergrund nachvollziehbar, um die soziale Ruhe zu bewahren. Das wird aber spätestens anders, wenn alle, die sich impfen lassen wollen, die Chance dazu erhalten.

Für Kinder und Jugendliche gibt es kaum einen Plan

Aber schulden bis dahin nicht die Älteren den Jungen, dass sie sich noch zurückhalten? Was halten Sie vom Appell, solidarisch mit dem Nachwuchs zu sein, und den Klimawandel nicht gleich wieder anzuheizen?

Beim Klimawandel passt die Forderung nach Solidarität zwischen den Generationen viel besser als bei Corona. Auch hier sind Jung und Alt zwar abstrakte Gruppen, aber damit kann man sich identifizieren. Mein Sohn ist jetzt 20, er wird bestimmte Folgen des wirtschaftlichen Handelns seiner Vorgängergenerationen auf das Klima erleben. In der Corona-Pandemie hat die Politik für Kinder und Jugendliche mit wenigen Ausnahmen keinen Plan. Auch jetzt fallen sie politisch nicht wirklich ins Gewicht.

Zur Person

Geboren 1970 in Berlin, forscht und lehrt Holger Lengfeld seit 2014 an der Universität Leipzig mit einem Schwerpunkt auf Institutionen und sozialem Wandel. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie. Zuvor war er an Unis in Hamburg, Hagen, Berlin und Wien tätig. Im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das sich auf elf Standorte in Deutschland verteilt, leitet er Umfragen, um mehr über die politisch-kulturelle und ökonomische Spaltung der Bevölkerung herauszufinden.

Wie lassen sich Corona-Leugner wieder ins gesellschaftliche Miteinander zurückholen, bei denen der Aufruf zur Solidarität nicht verfängt?

Jedenfalls nicht mit Appellen. Damit können Sie nur diejenigen mobilisieren, die bereits überzeugt sind. Vielleicht gewinnen Sie auch ein paar Unentschiedene, die sich an Personen mit einer starken Meinung orientieren. Aber wer einer Sache misstraut, ändert seine Ansicht durch einen Appell nicht. Bei den sogenannten Corona-Leugnern sollte man genau unterscheiden. Stellt jemand die Existenz einer Pandemie generell in Frage? Glaubt er zwar, dass es die Pandemie gibt, vermutet aber geheime Interessen dahinter, die das Ganze befördern? Oder akzeptiert jemand zwar die Existenz des Virus und hält auch die Verbreitung für ein natürliches Phänomen, stört sich aber an den staatlichen Maßnahmen? Die drei Ansichten werden in der öffentlichen Debatte oft zu Unrecht zusammengeworfen. Ich vermute, dass die dritte Gruppe deutlich größer als die beiden ersten ist. Wenn man Solidarität als Zusammenlegung von Ressourcen begreift, verhalten sich auch die Kritiker der Corona-Einschränkungen solidarisch. Solidarität beschreibt ein soziales Verhalten, aber nicht immer eines, das alle gut finden.

Leipzig begreift sich als weltoffen und solidarisch. Sind die Menschen hier in der Corona-Krise hilfsbereiter und eher zum Verzicht bereit als anderswo?

Daran, dass die Stadt weltoffen sei, glauben viele Leipziger Bürger. Insofern gehört es zur Identität der Stadt. Aber ich glaube nicht, dass das in der Corona-Pandemie eine große Rolle spielt. Jedenfalls halte ich nicht viel davon, von Mentalitäten auf Infektionszahlen zu schließen. Sachsen hatte in der ersten Welle die niedrigsten Raten und in der zweiten die höchsten – dieselben Menschen mit den gleichen politischen Einstellungen. Eine tiefgehende Untersuchung der Leipziger Stadt-Identität existiert meines Wissens nicht. Was wir aber wissen: Innerhalb Sachsens gibt es im Umgang mit populistischen Bewegungen deutliche Unterschiede. In Dresden hatte Pegida ihren Ausgangspunkt, dagegen war in Leipzig die Zahl der Gegendemonstranten 2015/16 stets deutlich größer als das Legida-Aufkommen.

Von Mathias Wöbking