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Mitteldeutschland Krätze in Thüringen ausgebrochen – überall steigende Zahlen
Region Mitteldeutschland Krätze in Thüringen ausgebrochen – überall steigende Zahlen
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17:42 15.11.2018
Ob es sich tatsächlich um Krätze handelt, kann im Zweifel nur ein Hautarzt feststellen. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand / dpa
Leipzig

Im thüringischen Schmalkalden und Umgebung sorgen derzeit kleine Parasiten für großes Aufsehen. Bis Donnerstagmittag hatten sich 133 Einwohner der Kleinstadt wegen des Verdachts auf Krätze kurzfristig in Behandlung begeben. Die Infektionskrankheit, die durch kaum sichtbare Milben übertragen wird, ist bereits in sieben Kindertagesstätten und fünf Schulen ausgebrochen, sagte Christoph Eichler, Sprecher des Landratsamtes, gegenüber der LVZ.

Das Gesundheitsamt ist in Habachtstellung, versucht in den betroffenen Einrichtungen eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Textilien und Plüschtiere werden gewaschen, auf die Einhaltung besonderer Hygienemaßnahmen gedrängt. Parallel müssen aufkommende Ängste bei Eltern beruhigt werden: „Es handelt sich um keine gefährliche oder hochinfektiöse Krankheit“, sagte Amtsarzt Waldemar Olk. Allerdings kennt auch er bisher das ganze Ausmaß der Ansteckung noch nicht. „Aufgrund der langen Inkubationszeit von vier bis sechs Wochen sind Neuerkrankungen weiterhin wahrscheinlich“, so Olk weiter. Im Landratsamt richtet man sich deshalb auf ein längerfristiges Problem ein. „Auch wenn die Neuerkrankungen derzeit etwas zurückgehen, werden wir noch einige Wochen damit zu tun haben“, sagte Sprecher Eichler.

„Kuschelkrankheit“ Krätze

In der Fachsprache heißt Krätze Scabies, benannt nach der nur 0,5 Millimeter großen Scabies-Milbe. Ähnlich wie bei Kopfläusen wird sie durch engen Körperkontakt übertragen – überall dort, wo Menschen zusammenkommen, wo auch mal umarmt und gekuschelt wird. Mit mangelnder Hygiene, wie häufig vermutet, hat Krätze in der Regel nichts zu tun. Die Milben mögen Wärme und sonnengeschützte Hautpartien, beispielsweise Fingerzwischenräume, Achseln oder den Intimbereich.

Ist eine Person infiziert, graben sich die Insekten wochenlang unbemerkt durch die oberen Hautschichten, ehe überhaupt Juckreiz und Hautveränderungen zu erkennen sind. Die treten erst mit der Fortpflanzung der Milben zutage und sind dann buchstäblich kaum erträglich. Bis zum erkennbaren Ausbruch ist eine Diagnose schwierig. Ist das Problem dennoch erkannt, kommen Salben zum Einsatz, die das Pestizid Permethrin enthalten. Alternativ gibt es auch Tabletten, die den Stoffwechsel der Milben torpedieren. „Bisher schlagen die Therapien bei den Betroffenen gut an – sofern die Anwendung wie vorgeschrieben durchgeführt wird“, sagte Christoph Eichler. Zudem sei es wichtig, dass Textilien bei mindestens 60 Grad gewaschen und Stofftiere für zwei Wochen in Quarantäne kommen. „Dadurch sterben auch dort alle Milben ab“, so Eichler.

Keine Meldepflicht – Einzelfälle in Sachsen

Krätzefälle sind nicht meldepflichtig, was vergleichende Studien schwierig macht. Üblicherweise kommen nur Einzelfälle ans Licht. Nils Lahl, Facharzt im Leipziger Gesundheitsamt, weiß von 40 Erkrankungen seit Jahresbeginn in der Messestadt. Dazu kamen noch vier Häufungen mit jeweils zwei bis fünf Betroffenen, allesamt Familien. Kitas blieben bisher weitgehend verschont. Laut Lahl gab es dort zwei Verdachtsfälle. Ähnliches ist auch aus dem Landkreis Leipzig zu hören. Sprecherin Brigitte Laux nennt 20 bis 25 bestätigte Krätze-Fälle über das ganze Jahr verteilt.

Markante Ausbrüche, wie in Schmalkalden, kommen nur sehr selten vor. Allerdings warnte die Barmer im Frühjahr, dass der Therapie-Wirkstoff neuerdings überdurchschnittlich häufig abgefragt wird. „Die Anzahl der Verordnungen von entsprechenden Salben und Tabletten stieg innerhalb eines Jahres um 50 Prozent, im Bundesschnitt sogar um rund 70 Prozent“, teilte die Krankenkasse mit. Allein in Sachsen sei die Zahl der Verordnungen zwischen 2016 und 2017 von rund 900 auf über 1400 angestiegen. In Thüringen ging es von 530 Fällen auf 800 rauf.

Fallzahlen in Krankenhäusern verfünffacht

Ähnliche Zunahmen in der Statistik vermelden seit mehreren Jahren auch die Krankenhäuser. In sächsischen Kliniken wurden im vergangenen Jahr 184 Patienten mit akuter Krätze behandelt – etwa die Hälfte waren Kinder. Fünf Jahre zuvor waren es noch 52. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die stationären Fallzahlen bundesweit von 737 im Jahr 2010 auf 3860 anno 2016 an. Das ist eine Verfünffachung in nur sechs Jahren.

Warum nehmen die Fallzahlen zu? Die Milbe als Auslöser existiert in ihrer heutigen Form praktisch seit Millionen Jahren. Schon im Altertum gab es Berichte über Krankheiten, die dem heutigen Bild der Krätze entsprechen. Verschwunden war die Krankheit nie, allerdings gibt es zunehmend auch Verwechslungen. So ähneln Fälle von Neurodermitis oder von Hautekzemen denen von Krätze. In der Folge wird der Milbenbefall manchmal erst zu spät erkannt und weitere Menschen konnten sich schon infizieren.

Von Matthias Puppe

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