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Mitteldeutschland „Unter den Eltern herrscht ein hohes Frustpotenzial“
Region Mitteldeutschland „Unter den Eltern herrscht ein hohes Frustpotenzial“
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21:52 15.01.2017
Michael Becker Quelle: Andreas Debski
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Dresden

Der Landeselternrat steht für fast eine halbe Million Kinder in Sachsen. Michael Becker (34) ist der neue Vorsitzende des Verbandes – und nimmt in seinem ersten Interview kein Blatt vor den Mund. Seine Forderung: Das Kultusministerium soll die Eltern ernst nehmen. Becker spricht außerdem über die Gleichbehandlung von freien Schulen, die  neue Bildungsempfehlung und die Stärkung für Oberschulen.

LVZ: Mit welchen Erwartungen starten Sie?

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Michael Becker: Elternarbeit muss in Sachsen selbstbestimmt werden. Bislang gibt es eine teilweise Fremdbestimmung, die aus der Kopplung an das Kultusministerium resultiert. Da geht es um inhaltliche und auch finanzielle Dinge. Deshalb muss die Elternmitwirkung neu strukturiert werden: Wir müssen auf Augenhöhe mit dem Ministerium sein, es muss kurze Wege und weniger Befindlichkeiten geben. Ich freue mich hierbei auf die von der Kultusministerin in Aussicht gestellte konstruktive Arbeit auf Augenhöhe.

Müssen die Eltern mit einer lauteren Stimme sprechen?

Auch, aber das ist nicht das Grundproblem. Im Augenblick sprechen einige Eltern schon mit lauter Stimme – allerdings nur einzelne. Das hat aber bereits dazu geführt, dass das Kultusministerium uns Eltern stärker wahrnehmen will. Was wichtiger ist als mit lauter Stimme zu sprechen, ist dass wir wirkmächtig werden. Die relative Wirkungslosigkeit hat nämlich dazu geführt, dass Elternarbeit in Teilen des Freistaats fast zum Erliegen gekommen ist, beispielsweise im Erzgebirge und einigen anderen Regionen. Deshalb werden wir um mehr Engagement werben: Elternarbeit beginnt bei den Klassen- und Schulsprechern, geht über die Kreise bis zum Land. Letztlich profitieren davon unsere Kinder.  

Weshalb kritisieren Sie das Kultusministerium so heftig?

Die sächsische Bildungspolitik hat in den letzten Jahren im Wesentlichen dadurch Furore gemacht, dass Gerichte wichtige gesetzliche und untergesetzliche Bestimmungen für verfassungswidrig erklärt haben. Zuletzt war es das Oberverwaltungsgericht, 2013 der Verfassungsgerichtshof und 2014 sogar das Bundesverfassungsgericht. Wenn jemand das hiesige Kultusministerium heftig kritisiert, so ist es die Dritte Gewalt im Staat, die Judikative. Wir Eltern schließen uns dieser Kritik lediglich an. Wir sind es leid, verfassungsmäßige Rechte immer wieder erstreiten zu müssen. Außerdem wurden in der Vergangenheit Elternvorschläge, Empfehlungen und auch Beschwerden häufig vom Kultusministerium abgelehnt. Das lag wohl nicht so sehr an der Ministerin, sondern an der Behörde selbst. Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise eine Vielzahl von Hinweisen zum neuen Schulgesetz durch den Landeselternrat, die beim Regierungsentwurf so gut wie keine Beachtung fanden. Deshalb herrscht unter den Eltern ein hohes Frustpotenzial.

Es scheint, als klaffe ein Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Wir Elternvertreter stehen immerhin für fast eine halbe Million Kinder und noch viel mehr Mütter und Väter. Deshalb erwarten wir, ernst genommen zu werden. Zuletzt war dies bei der neuen Bildungsempfehlung mal wieder nicht der Fall. Hier haben wir sehr viel Arbeit hineingesteckt, damit die Änderungen für die Praxis tauglich und realisierbar sind. Doch auch an dieser Stelle wurden wir zwar gehört, scheinen aber keine Wirkung erzielt zu haben. Das muss sich deutlich ändern. Dazu laufen momentan positiv wirkende Gespräche mit der Kultusministerin.

Weshalb sind Sie mit der neuen Bildungsempfehlung so unzufrieden? Die Eltern haben jetzt immerhin das letzte Wort.

Das vorgesehene Auswahlverfahren ist inakzeptabel, weil es eine zusätzliche Überprüfung vorsieht. Nach Auffassung des Landeselternrates sollte die Entscheidung allein Sache der Eltern sein. Aufgabe des Staates ist es, die Eltern im Rahmen eines ausführlichen Beratungsgesprächs über die Chancen, Risiken und Auswirkungen des beabsichtigten Bildungswegs zu informieren. Jetzt geht es um Leistungstests, Fristen, Gespräche und einiges mehr. Das stellt Kinder, Eltern und auch Schulen vor kaum zumutbare Herausforderungen. Und es gibt durchaus auch Eltern, meist aus bildungsfernen Bevölkerungsschichten, die ihre Kinder trotz Bildungsempfehlung für ein Gymnasium lieber auf die Oberschule schicken. Auch hier besteht im Wesentlichen Beratungsbedarf.

Stichwort: Schulgesetz. Welche Änderungen hätten Sie gern noch eingearbeitet?

Es sind so viele Schwerpunkte, dass ich an dieser Stelle gar nicht auf alle Details eingehen kann. Ein ganz wichtiger Punkt ist das längere gemeinsame Lernen; ein anderer die Etablierung einer wirksamen Inklusion. Wichtige Stichworte sind die Themen Medienkompetenz und Digitalisierung der Schulen. Auch die personelle Ausstattung haben wir angesprochen. Auf insgesamt zehn Seiten haben wir Änderungsvorschläge für das neue Schulgesetz formuliert und der Ministerin übergeben.

Dazu gehören auch die Freien Schulen, wenn man Ihre ersten Ansagen richtig versteht.

Es existieren momentan zwei Schulgesetze: eines für staatliche Schulen und eines für Schulen in freier Trägerschaft. Hier braucht es neue Rahmenbedingungen, die zu einer Gleichbehandlung führen. Immerhin dienen freie Schule nicht selten als Vorbild, wenn es um Veränderungen an den regulären Schulen geht. Das zeigen unter anderem zahlreiche Hospitationen und Fachaustausche zu Lehr- und Lernkonzepten vieler interessierter Lehrer und Direktoren. Der Elternrat wird sich auch dafür einsetzen, diese Innovationsmotoren nicht weiterhin zu hemmen. Es muss endlich eine Gleichberechtigung geben, die nicht nur auf dem Papier steht. Heutzutage ist es eher so, dass sich beide Seiten kritisch beäugen und als Konkurrenten sehen.

Spielt dabei eine Rolle, dass eines Ihrer Kinder auf eine freie Schule geht?

Überhaupt nicht. Deshalb setze ich mich auch für eine objektive Aufgabenverteilung im Vorstand ein. Am Ende muss es immer um unsere Kinder gehen. Für manche Kinder passt das staatliche Schulsystem nun einmal nicht. Es ist gut, dass es da Schulen in freier Trägerschaft mit einer Vielzahl unterschiedlicher pädagogischer Konzepte gibt. Der Freistaat Sachsen muss sich allerdings auch fragen, weshalb die Zahl der Schüler an freien Schulen steigt. Inzwischen geht etwa jedes siebente Kind auf eine freie Schule.  

Ihr Vorgänger hat sich sehr für die Stärkung der Oberschulen eingesetzt. Werden Sie das fortsetzen?

Auf jeden Fall. Momentan haben wir an Oberschulen ein Kopfproblem: Es mangelt nicht mehr an Finanzen, sondern am Personal. Das Problem ist: In den vergangenen Jahren sind deshalb Unmengen an Lehramtsstudenten abgewandert. Mit den neuen Anreizen aus dem Lehrerpaket soll sich das ändern, aber das wird dauern. Ein weiteres Problem ergibt sich übrigens aus genau diesem Lehrerpaket: Durch die finanzielle Aufstockung für Lehrer droht den freien Schulen eine Abwanderungswelle, was zu einer Verschlechterung der Gesamtsituation führen dürfte. Es ist auch zu befürchten, dass deshalb einige freie Schulen mittelfristig schließen müssen – daraus könnte wiederum eine Überfüllung der Klassen an öffentlichen Schulen resultieren.

Interview: Andreas Debski

Zur Person

Michael Becker (34) aus Dresden hat drei Kinder und ist freiberuflicher Dozent und Gutachter, spezialisiert im Bereich Netzwerke, Datenschutz und Sicherheit sowie IT-Forensik. Er war bei der Vollversammlung des Landeselternrates der Überraschungskandidat  und setzte sich gegen Etablierte durch. Dabei wurde er für zwei Jahre zum Vorsitzenden gewählt. Becker sagt: „Ein persönliches Anliegen ist es mir, die Flüchtlingskinder schnellstmöglich in den normalen Schulbetrieb einzugliedern und sie gesellschaftlich zu integrieren.“ Kinder könnten mehr als alle anderen Altersgruppen zur raschen Integration beitragen, wenn sie dazu angehalten werden – „sie erhalten damit neue Perspektiven und einen weltoffenen Blick auf andere Kulturen“.