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Mitteldeutschland Unterwegs zum Obsthof: Polizei schnappt nach Schüssen in Halle zwei Männer im alten VW-Bus
Region Mitteldeutschland Unterwegs zum Obsthof: Polizei schnappt nach Schüssen in Halle zwei Männer im alten VW-Bus
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11:41 10.10.2019
Mit diesem Bus waren die beiden Männer unterwegs. Quelle: Andreas Dunte
Landsberg

Äpfel wollten sie holen, nicht mal für sich selbst. Doch ihr Ausflug über die Landesgrenze zum Obstthof Pohritzsch im sächsischen Wiedemar endete für die beiden Männer aus Halle und dem Saalekreis wie im Krimi.

Mehrere Polizeiautos stoppten den gelben Volkswagen T4 und zwangen das Duo auszusteigen. „Sie riefen ‚Hände hoch‘, als wären wir Terroristen“, erzählt Roland K. (Name geändert), noch immer sichtlich aufgeregt und zittrig. „Dann sollten wir uns auf den Boden legen“, so der 50-Jährige weiter. „Als wir im Dreck lagen, klickten die Handschellen.“

Verfolgung nicht bemerkt

Auch sein Begleiter, ein 78-Jähriger aus Halle, ist noch immer völlig außer sich. „Wir hatten das Radio an, haben nichts gehört.“ Auf dem Weg zum Obsthof habe die Polizei nahe Wiedemar die Straße gesperrt. Kein Durchkommen, berichtet er. Gut da habe man gewendet und versucht, über Landsberg nach Wiedemar zu gelangen. „Überall Polizei, wir haben gar nicht gemerkt, dass einige der Busse plötzlich hinter uns hergefahren sind.“

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Als ihnen das dann doch etwas seltsam vorkam, hätten sie angehalten. Auch die Polizei habe gestoppt. „Aber weit hinter uns. Als keiner ausgestiegen ist, sind wir weitergefahren“, berichtet der Rentner. Bis Landsberg habe man so noch einige Male angehalten und sei dann wieder gestartet. Im Landsberger Ortsteil Gollma erfolgte dann der Zugriff. Die Polizei riegelte zuvor die Straße weiträumig ab, leitete den Verkehr um.

„Was hat das in Halle mit uns zu tun?“

Klar habe man mitbekommen, was da in Halle passiert ist. „Aber was hat das mit uns zu tun, haben wir gedacht,“ so Roland K. Vielleicht habe es am Auto gelegen? „Der Bus ist geliehen, von einem Freund, wie gesagt.“ Der Bekannte hat aus dem gelben Volkswagen ein kleines Gruselkabinett gemacht. Vorn und hinten auf dem Dach sind Totenköpfe aus Plaste angebracht. Überall Aufkleber der Sorte „Wer hier klaut, stirbt.“

Im Inneren des Busses, der früher offenbar als Taxi gedient hat, sind ebenfalls Totenköpfe, bunte Dinos und Puppen auf dem Armaturenbrett. „Das war hier aufgeräumt, bevor die Polizei alles durchwühlt hat“, sagt der 78-Jährige.

Und wie geht es jetzt weiter? „Nach einer Stunde haben sie uns laufen gelassen. Sie haben sich zwar entschuldigt, mit einer Anzeige müssen wir aber dennoch rechnen. Wir hätten uns völlig falsch verhalten“, sagt der Rentner. „Aber wir haben die doch gar nicht gehört.“ Der Appetit auf Äpfel sei ihnen jedenfalls vergangen.

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