Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Völkerschlacht wird neu geschlagen
Region Mitteldeutschland Völkerschlacht wird neu geschlagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:20 03.08.2018
Schlachtfeldarchäologe Lawrence Babits aus Kentucky interessiert sich für die Muskete des Leipzigers Michél Kothe, der im Traditionsverein mal eben als preußischer Infanterist von 1813 vorbeischaute. Quelle: André Kempner
Leipzig

Was sind das eigentlich für Leute, die seit Tagen ein Stoppelfeld im Leipziger Süden mit ihren Detektoren abtasten? Wünschelrutengänger, Schatzräuber? Oder gar Minensucher? „Nichts von alledem“, beruhigte Wolfgang Ender vom Landesamt für Archäologie besorgte Nachbarn und Passanten. „Es handelt sich hier um eine groß angelegte Feldbegehung auf einem Teil des einstigen Völkerschlachtfeldes. Wir freuen uns über diese Kooperation mit deutschen, amerikanischen und irischen Schlachtfeldarchäologen.“

Munition gibt Hinweise auf Heeresformationen

In Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Morehead State University (Kentucky) untersuchen neun Spezialisten aus den USA, Irland und Deutschland seit vorigem Sonntag systematisch das Schlachtfeld mit Metalldetektoren. „Die Völkerschlacht war das größte Gemetzel jener Zeit“, unterstrich Projektleiter André Schürger von der Uni im schottischen Glasgow. „Wir sind froh über jeden Uniformknopf und jede Gewehrkugel. Sie zeugen davon, was sich damals wirklich zugetragen hat.“ Bestimmte Häufungen von Munition deuteten beispielsweise auf Heeresformationen oder getroffene Ziele hin. „Da jedes Land damals typische Waffen mit speziellen Kalibern hatte, können wir aus der genauen Kartierung der Fundorte schlussfolgern, wo die verfeindeten Korps aufeinandertrafen und wie die Scharmützel in etwa abgelaufen sind.“ Selbst wenn die Munition durch den Aufprall völlig verformt ist, lasse sich deren Herkunft zweifelsfrei nachweisen, sagt Professor Adrian Mandzy von der Morehead Uni. Er sei gern nach Sachsen gekommen, um auf so geschichtsträchtigem Grund nach historischen Spuren zu suchen.

Völkerschlacht war bis dahin größte Schlacht der Weltgeschichte

Über die Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 sei man durch Überlieferungen recht gut unterrichtet, erklärt Referatsleiter Ender. Napoleons Franzosen, verbündete Italiener und Polen auf der einen Seite sahen sich einer alliierten Streitmacht von Preußen, Russen, Österreichern, Schweden, Briten und Iren gegenüber. Mit bis zu 600 000 Soldaten aus über einem Dutzend Ländern soll es sich um die bis dahin größte Schlacht der Weltgeschichte gehandelt haben. „Die neuere Geschichtsforschung ist sich aber der Tatsache längst bewusst, dass Erinnerungen trügen können, dass sich Ereignisse völlig anders abspielten, als sie sich in der Rückschau der Beteiligten darstellten, ja, dass Geschehnisse, an die man sich gut zu erinnern glaubt, überhaupt nicht stattgefunden haben“, sagt Landesarchäologe Ender. „Genau so ist es“, sagt Schürger.

Völkerschlacht wird neu geschlagen: Die größte Entscheidungsschlacht vor den Weltkriegen gibt auch 200 Jahre später noch viele Fragen auf. Spezialisten aus Deutschland, Irland und den USA wandeln mit Metalldetektoren auf den Spuren Napoleons und suchen die ehemaligen Schlachtfelder der Völkerschlacht nach Fundstücken ab. Fotos: André Kempner

Schlachtfeldforscher:  „Wir stehen noch ganz am Anfang“

So deute beispielsweise schon einiges darauf hin, dass das vierte Korps der Österreicher unter dem Kommando Johann Graf von Klenaus, dem am Ortsrand ein großes Denkmal gewidmet ist, mit seinen 24 000 Soldaten anders gegen Bonapartes Truppen vorgerückt sein könnte als bislang angenommen. „Es scheint so, dass die Österreicher bei der Schlacht um den Collmberg nicht frontal vorrückten, sondern Holzhausen südlich umgingen und dort auf die Franzosen trafen. Gleichzeitig gingen verbündete Russen von Norden gegen Napoleons Streitmacht vor.“ Das alles müsse noch genauer analysiert und ausgewertet werden, schränkt der promovierte Schlachtfeldforscher ein. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, dämpft er überzogene Erwartungen. „Den ersten Hektar Humusschicht haben wir abgesucht – die gesamte Schlacht tobte 1813 auf 200 Quadratkilometern Fläche.“ Man werde wohl noch eine Weile brauchen. „Aber wir kommen wieder“, verspricht Schürger.

Gefunden: Gürtelschnallen, Gewehrkugeln und Granatsplitter

Die in einer Kiste gesammelte Ausbeute an Gürtelschnallen, Gewehrkugeln und Granatsplittern ist übersichtlich. „Zwei Jahrhunderte haben zu einem beklagenswerten Schwund des Denkmalbestandes geführt“, resümiert Ender. Kanonenkugeln und Waffenteile seien als Altmetall verwertet, Skelette von Menschen und Pferden sogar zermahlen und als Dünger verwendet worden. Heutzutage seien illegale Sondengänger unterwegs, die Bodendenkmale plünderten. „Durch unprofessionelles Verhalten verhindern sie wichtige Erkenntnisse für die Geschichtsschreibung.“ Solchen Straftätern drohten hohe Bußgelder und Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren, erklärt Ender.

Funde geben Rückschlüsse auf Menschen

Es gebe aber auch hilfreiche Hobbyforscher, die mit behördlicher Genehmigung ihren Detektoren lauschen. Einer von ihnen habe bei Liebertwolkwitz Teile eines Minialtars mit christlich-orthodoxer Symbolik aufgespürt und kartiert, der einem russischen Soldaten zugeschrieben wird. Vielleicht hat der Russe darin in den wenigen Schlachtpausen Halt und Hoffnung gesucht. „Aus Funden wie diesem lassen sich Rückschlüsse auf die Menschen der damaligen Zeit ziehen, die es wert sind, nicht in Vergessenheit zu geraten“, so der Archäologe.

Von Winfried Mahr

Der Freistaat startet ab 2019 mit einem Förderprogramm für junge Selbstständige. Die Existenzgründer können für neue Ideen, beispielsweise in der Kultur- und Kreativwirtschaft, 1000 Euro pro Monat erhalten.

03.08.2018

Hitzefrei für Pyrotechniker: Der Landkreis Görlitz hat wegen der andauernden Hitze und damit verbundener Brandgefahr alle Feuerwerke der Kategorien 2 bis 4 untersagt. Dahinter verbergen sich Klein-, Mittel- und Großfeuerwerke.

03.08.2018

Trinkwassertalsperren bleiben für Badegäste tabu. Auch wenn die hochsommerliche Hitze an den Stausee lockt, darf das unmittelbare Ufer der Trinkwassertalsperren nicht betreten werden, so die Landestalsperrenverwaltung.

03.08.2018