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Mitteldeutschland Wie Angehörige nach Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg suchen
Region Mitteldeutschland Wie Angehörige nach Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg suchen
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13:59 29.08.2019
Ein Sachbearbeiter in der Registratur des Archivs des DRK-Suchdienstes in München bearbeitet zahlreiche Akten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Suchdienst des Deutsche Roten Kreuzes ein Rettungsanker, um Familienangehörige wiederzufinden. (Archivbild) Quelle: Marc Müller/dpa
Berlin/Dresden

Für Lara Rading begann die Suche nach ihrem Urgroßvater mit dem Armband ihrer Oma. „Alle Angehörigen meiner Familie sind mit einem kleinen runden Anhänger verewigt“, sagt sie. Beim Vater ihrer Großmutter aber stand eingraviert „vermisst im Osten 1944“. Lara Rading ist 16 Jahre alt und lebt in Dresden. Sie hat ihre Großmutter gefragt, was das für sie heiße: vermisst. Wer war ihr Urgroßvater Heinrich Evers - und was ist mit ihm geschehen?

So wie Lara Rading geht es jedes Jahr rund 5000 Familien in Deutschland. Sie alle stellen Anfragen an das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Dessen Suchdienst forscht noch immer, um die Schicksale von Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg zu klären. Da immer mehr Archive in Osteuropa ihre Bestände zugänglich machen, ist die Chance auf Klärung heute manchmal sogar größer als früher: ein Todesdatum, ein Ort - ein Friedhof.

Viel Interesse an unklaren Schicksalen

„Das Interesse in vielen deutschen Familien am Schicksal ihrer vermissten Angehörigen ist immer noch unglaublich groß“, sagte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt. „Viele aus der älteren Generation wollen am Ende ihres Lebens Klarheit darüber haben, was mit ihrem Vater oder den Geschwistern damals wirklich passiert ist.“ Aber auch Teenagern sei das alles nicht gleichgültig.

Der Zweite Weltkrieg forderte in Europa und Asien geschätzt mindestens 55 Millionen Menschenleben. Mit mehr als 26 Millionen Toten trug die Sowjetunion die größten Verluste. Deutschland zählte etwa 6,3 Millionen Tote, darunter fast 5,2 Millionen Soldaten. Zu den Opfern der nationalsozialistischen Diktatur gehören darüber hinaus etwa sechs Millionen ermordete Juden.

Anfragen auch zu Kindern

In den ersten Nachkriegsjahren erreichten den DRK-Suchdienst 14 Millionen Anfragen zu Vermissten. 8,8 Millionen Schicksale konnten die Mitarbeiter bis 1950 klären. 1960 war noch immer über eine Million Anfragen offen - auch zu Kindern, die durch die Kriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden. Heute umfasst die Kartei 20 Millionen Schicksale - und viele sind noch immer nicht geklärt.

Lara Rading machte ihre Anfrage beim Suchdienst zum Thema einer Arbeit für ihre Schule, das Dresdner Kreuzgymnasium. Sie schildert, dass ihre Großmutter Marita Landwehr 1944 fünf Jahre alt war und deshalb kaum Erinnerungen an den vermissten Vater hat. Die Oma habe ihn nur wenige Male beim Fronturlaub zu Hause im niedersächsischem Dissen erlebt. Es gebe ein paar Fotos, wenige Erzählungen - und eine große Leerstelle. Ihre Großmutter sei mit Tränen in den Augen aus dem Zimmer gegangen, wenn im Fernsehen Filme über den Zweiten Weltkrieg liefen.

Akten deutscher Kriegsgefangener geben Aufschluss

Schon 1974 und 2013 hatte Marita Landwehr beim Suchdienst nach dem Schicksal ihres Vaters gefragt. Es gab nur die dürren Informationen, dass er im Juni 1944 an der Ostfront in sowjetische Gefangenschaft geraten und vermutlich kurz darauf gestorben sei. Im Frühjahr 2019 erfährt Lara Rading bei ihrer Anfrage mehr. Denn der Suchdienst hatte inzwischen aus den Archivbeständen der Russischen Föderation Akten deutscher Kriegsgefangener erhalten.

Demnach geriet Heinrich Evers nahe Witebsk im heutigen Weißrussland in Gefangenschaft und wurde am 15. Januar 1945 in einem Lager in Berditschew in der heutigen Ukraine registriert. Am 24. März 1945 ist er dort nach den Akteneinträgen gestorben - verhungert. Beerdigt, so steht es in den Akten, sei er auf dem Lagerfriedhof.

Gewissheit nach Jahrzehnten

Für Lara Rading ist diese Gewissheit nach sieben Jahrzehnten wichtig. Sie will nun zu diesem Friedhof reisen. „Es ist gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte, denn wie meinem Urgroßvater, meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter ging es Abertausenden von Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt die Schülerin. Und es betreffe auch die Gegenwart, denn noch immer würden Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten vermisst.

Allein in Deutschland gibt es aktuell 2300 Anfragen von geflüchteten Menschen an den Suchdienst, vor allem aus Afghanistan, Somalia, Irak und Syrien. Oft sind es schwierige Fälle, bei denen Familien bei ihrer eigenen Suche selbst in einer digitalen Welt an Grenzen gestoßen sind.

Geschichten gehen weiter

Der Äthiopier Tafete F. berichtet, wie er aus seiner Heimat vor politischer Verfolgung nach Süddeutschland floh. Er habe sich in seiner Heimat für freie Wahlen engagiert. Seinen Nachnamen möchte er nicht in den Medien lesen. Gleich zwei Mal suchte und fand der Äthiopier mit Hilfe der Suchdienste des Roten Kreuzes und seiner Schwesternorganisationen Kontakt zu seinem lange vermissten Vater. Ob Tafete F. mit seiner Frau und ihren beiden Kindern, die in Deutschland geboren wurden, bleiben kann, ist ungewiss. Was er sich wünscht? Nicht fort zu müssen - und seinen Vater wiederzusehen.

Auch Lara Radings Geschichte geht weiter. Der Anhänger am Armband ihrer Großmutter soll bald eine neue Gravur erhalten: Heinrich Evers, gestorben am 24.3.1945.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

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