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Mitteldeutschland Höhere Windräder – ein Dorf im Erzgebirge sagt Nein
Region Mitteldeutschland Höhere Windräder – ein Dorf im Erzgebirge sagt Nein
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09:06 13.09.2019
Michael Eilenberger vor den 88 Meter hohen Windrädern in Clausnitz. Den Neubau von 213 Meter hohen Anlagen konnten die Einwohner verhindern. Quelle: Andreas Dunte
Rechenberg-Bienenmühle

Michael Eilenberger wohnt da, wo andere Urlaub machen. Wohnhaus und Werkstatt des Restaurators liegen im Tal der Freiberger Mulde. Der kleine Fluss fließt direkt am Grundstück vorbei. Bis zur tschechischen Grenze sind es keine vier Kilometer. Holzhau ist ein Ortsteil der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle (Kreis Mittelsachsen), ein beliebtes Wander- und Wintersportgebiet im Erzgebirge. Idylle pur.

Die gebe es aber nicht zum Nulltarif, sagt der 47-Jährige und zeigt nach Süden. „Hätten wir uns nicht gewehrt, stünde jetzt auf tschechischer Seite ein überdimensionierter Windpark.“ Eilenberger ist der Chef der Bundesverbandes Landschaftsschutz und macht bei der Bundesinitiative Vernunftkraft mit, die unter anderem regionale Bürgerinitiativen gegen den Bau neuer Windräder unterstützt und berät. Vor zehn Jahren, sagt der Mann mit dem Pferdeschwanz, habe alles angefangen.

Direkt auf dem Erzgebirgskamm auf tschechischer Seite  sollten 45 Anlagen mit einer Gesamthöhe von bis zu 200 Metern entstehen – und das mitten im europäischen Naturschutzgebiet. Bis nach Brüssel sei er mit dem damaligen Bürgermeister Werner Sandig gefahren, um den Windpark Moldava zu verhindern. Eine ganze Region wehrte sich grenzüberschreitend gegen das Projekt. Letztlich mit Erfolg.

Wohnen im Niedrigenergiehaus

Die Tschechen, sagt Eilenberger, seien heute weiter als wir Deutschen. Während die Berliner Koalition unbeirrt die Energiewende vorantreibe, hätten sich die Nachbarn dazu entschlossen, sämtliche Subventionen für erneuerbare Energien zu streichen. „Die Regierung in Prag begründete ihre Entscheidung mit dem nicht mehr zumutbaren Strompreis“, so Eilenberger. Eine Einsicht, daran lässt er keinen Zweifel, die er sich auch von deutschen Politikern wünscht. Die Energiewende sei kontraproduktiv und teuer. Um nicht falsch verstanden zu werden – ein Fortschrittsgegner sei er nicht. Darauf legt der Erzgebirgler Wert und verweist auf sein Niedrigenergiehaus. Paneelen auf dem Dach liefern warmes Wasser und Strom für den Eigenbedarf.

Aber das ändere nichts an seiner grundsätzlich ablehnenden Haltung. „Der Wind weht nun einmal nicht kontinuierlich und die Sonne scheint nicht ständig.“ Ohne konventionelle Kraftwerke sei die Versorgung in der Grundlast nicht möglich. Eilenberger spricht vom geringen Anteil der Windkraft am Primärenergiebedarf in Deutschland, von den hohen Ansprüchen, die diese Stromerzeugung an das Netz stellt, von Spannung, Frequenz, Phasen-Transformatoren und den schweren Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft, wenn es zu einem Blackout kommt, etwa durch zu große Schwankungen im Netz.

Einmal in Fahrt, ist er schwer zu bremsen. Neben den technischen und ökonomischen Kritikpunkten treibt ihn vor allem aber das „Zerstörerische“ der Energiewende um: Verspargelung der Landschaft, Schattenwurf, tote Vögel und Insekten. Vor allem aber seien da die Gefahren für den Menschen. In Deutschland würden immer mehr Einwohner unter den Folgen des Infraschalls, den die Windparks erzeugen, leiden. „Es gibt dazu auch valide Forschungen, zumeist allerdings internationale – aus Deutschland wünschte ich mir mehr, immerhin sind wir der weltweit drittgrößte Windparkbetreiber.“

Der niedrigfrequente Schall bringe die Leute um den Schlaf. „Manche stopfen verzweifelt Matratzen in ihre Schlafzimmerfenster.“ Hier sind mehr Verantwortungsbewusstsein und weniger Ideologie seitens der politischen Entscheidungsträger gefragt, betont Eilenberger.

Wir fahren zu einer Betroffenen nach Clausnitz, wie Holzhau ein Ortsteil von Rechenberg-Bienenmühle. Elke Gärner steht vor ihrem schicken Einfamilienhaus. Hinter Wiesen, Bäumen und Feldern ragen sechs Windräder in den Himmel. Die 54-Jährige ist gut gelaunt. Auf dem Gehweg liegen noch Reste von Böllern. Die habe man vor wenigen Tage gezündet, als klar war, dass sich der Protest gegen noch höhere Windräder gelohnt hat. Der Betreiber der Anlage wollte die bis zu 78 Meter hohen Windräder durch drei neue ersetzen, die leistungsfähiger sind – Repowering nennt sich das Verfahren. Damit diese sich wirtschaftlich drehen können, sollten sie eine Höhe von 213 Meter haben.

„Nicht auszudenken“, sagt die Clausnitzerin. Ihr Haus stehe rund einen Kilometer von den Anlagen entfernt, andere Gebäude im Ort nur 500 Meter. Die Initiative „Gegenwind“ sammelte Unterschriften. Mit 900 Unterzeichnern – in der Gemeinde leben 1600 Einwohner – setzte sich die Initiative durch und der Bürgerentscheid war auf den Weg gebracht. Am Wahltag votierte mit 805 Wählerstimmen eine deutliche Mehrheit für die Höhenbeschränkung. Bei einem Neubau darf somit die Höhe von 100 Metern nicht überschritten werden.

Deutschlandweit hat sich die Zahl der Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen in den letzten Jahren auf rund 900 erhöht. „Allein in Sachsen sind es 70“, sagt Eilenberger. Ist das der Grund, warum der Ausbau der Windkraft im Freistaat so schleppend vorankommt? „Das hat viele Gründe“, sagt Eilenberger. Sachsen sei dicht besiedelt. Es gebe kaum Vorrang- und Eignungsgebiete für Windkraftanlagen.

„Und Ja, viele wollen die monströsen Dinger nicht vor ihrer Nase. Wir hätten in Sachsen viel erreicht, wenn wir Verhältnisse wie in Bayern hätten.“ Dort gelte die sogenannte 10-H-Regel. Demnach muss der Abstand eines Windrads von Wohnungen mindestens zehn Mal so weit weg sein wie die Anlage hoch ist. Bei einem 200 Meter hohen Windrad wären das zwei Kilometer. Eine landesweite Reglung gibt es bisher nicht.

Vor diesem Hintergrund werde ihm ganz schwindelig bei dem Gedanken an eine sich abzeichnende Kenia-Koalition im Freistaat, die – so Eilenbergers Befürchtung – den Ausbau der erneuerbaren Energien stärker vorantreiben wird. „Bis 2030 sollen in Deutschland 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. In Sachsen sind die Zielvorgaben gegenwärtig 28 Prozent“, so der FDP-Politiker, der 2018 erneut in den Energiebeirat des Landes berufen wurde. Um das Ausbauziel zu erreichen, müsste sich die erzeugte Leistung aus Windstrom fast vervierfachen. Das haben Grünen-Politiker errechnet. Möglich ist das nur durch Repowering und Neubau von Windenergieanlagen.

In Clausnitz hatte der Investor der Gemeinde, auf deren Land die Anlagen stehen sollten, jährliche Pachtzahlungen von rund 30 000 Euro angeboten. Geld, das die Gemeinde hätte gut gebrauchen können. „Offiziell heißt das: Die Leute mitnehmen beim Ausbau der Erneuerbaren. Das beobachten wir auch anderenorts in Sachsen. Für mich ist das nichts anderes, als sich die Zustimmung zu erkaufen“, sagt Eilenberger sichtlich sauer.

Der Mann blickt auf das satte Grün im Muldental. „Ruhiger werden die nächsten Jahre für uns nicht.“

Von Andreas Dunte

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