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Mitteldeutschland „Wir müssen die Anwaltschaft in der Fläche aufrecht erhalten“
Region Mitteldeutschland „Wir müssen die Anwaltschaft in der Fläche aufrecht erhalten“
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10:42 16.05.2019
Edith Kindermann, Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV). Quelle: André Kempner
Leipzig

Rund 1800 Teilnehmer treffen sich Donnerstag und Freitag auf der Neuen Messe in Leipzig zum Deutschen Anwaltstag (DAT). Im Interview äußert sich Edith Kindermann, Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV), zu Zielen und Forderungen des bundesweit größten Branchentreffens.

Frau Kindermann, Leipzig ist Gastgeber des DAT, wie kam es zu dieser Entscheidung?

Für uns ist Leipzig schon deshalb interessant, weil hier von 1881 bis 1932 der Sitz des DAV war, wir kehren also zu unseren Wurzeln zurück. Der letzte „große“ DAT vor dem Krieg fand hier übrigens 1920 statt, aber wir haben uns hier auch 1996 getroffen. Zudem passt unser Schwerpunktthema, das sich um den Rechtsstaat dreht, hervorragend zu Leipzig.

Inwiefern?

Von Leipzig aus nahm vor 30 Jahren die Friedliche Revolution ihren Anfang, und der Kampf um einen freiheitlichen Rechtsstaat stand mit ganz oben auf der Agenda.

Es gibt aber gerade in Sachsen und im Osten oft kritische Stimmen, die sich über die Entwicklung nach 1989 beklagen. Viele zitieren dann den Bärbel-Bohley-Klassiker: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat."

Wenn diese Auffassung noch so geteilt wird, dann haben wir noch nicht alles richtig gemacht. Für mich ist der Rechtsstaat das Beste, was man haben kann, alle anderen Modelle sind nicht gut. Aber auch hier gilt der alte Grundsatz: Nichts ist so gut, als dass man es nicht besser machen kann.

Was gilt es zu verbessern?

Für mich ist der Zugang zum Recht ganz wichtig. Wenn jemand das Gefühl hat, ihm fehle dieser, dann fehlt ihm auch das Gefühl in einem Rechtsstaat zu leben. Wir brauchen also mehr Transparenz bei den Entscheidungsprozessen in den Gerichten und auch bei den Fragen der Bürger, was denn eigentlich deren Rechte sind und wie sie durchzusetzen sind.

Mit Blick auf Anwälte fehlt manchem Bürger auch die Transparenz. Zu teuer, kann ich mir nicht leisten. Das denken doch viele?

Mit solchen Aussagen werde ich oft konfrontiert. Wir müssen mehr darüber aufklären, wie der Zugang zum Anwalt funktioniert. Und wir müssen transparent erklären, wie der Bürger sein Recht wahrnehmen kann, ohne gleich an riesige Summen zu denken. Das kann ich nicht als einsamer Rufer in der Wüste schaffen, ich baue da auch auf die Hilfe der Medien.

Über den Rechtsstaat wird gern im Allgemeinen geredet, praktisch bleibt er für viele aber mehr ein Abstraktum...

Meine Erfahrung ist, dass man nicht nur über den Rechtsstaat reden soll, sondern ihn leben muss, er muss erfahrbar sein. Das sollte schon in der Schule beginnen. Er ist so etwas wie die Luft zum Atmen. In dem Zusammenhang ist die Entscheidung, eine weitere Stelle des Forum Recht in Leipzig zu eröffnen, ganz wichtig. Ich hoffe, sie wird dann auch angenommen.

Gehört das Fach Rechtskunde in die Schulen?

Anwältinnen und Anwälte in die Schulen – das ist eines unserer Projekte. Wir haben dafür auch Lehrmaterial, das für die Lehrer abrufbar ist. Es ist jedenfalls ein Ansatz, der uns sehr wichtig ist.

Gibt es schon Bundesländer, wo das funktioniert?

Wir starten aktuell ein Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz. Wichtig ist uns auf jeden Fall, dass wir nicht nur die gymnasiale Oberstufe erreichen.

Wie ist die Situation in Sachsen?

Friedbert Striewe (Chef des Leipziger Anwaltvereins): In Sachsen gibt es nach anfänglichen Schwierigkeiten auch Schulen, wo das funktioniert. Justizminister Gemkow und Kultusminister Piwarz haben sich dazu im letzten Jahr abgesprochen. Am besten klappt es immer, wenn ein Anwalt einen Schuldirektor persönlich kennt, oder umgekehrt. Es ist dafür auch immer die Bereitschaft der Lehrer notwendig.

Wie steht es denn um die Bereitschaft von Anwälten, sich auch außerhalb von großen Städten niederzulassen?

Es ist eine unserer größten Aufgaben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Anwaltschaft weiter in der Fläche aufrecht erhalten bleibt. Sonst geht Wirtschaftskraft verloren und der Zugang zum Recht wird immer schwerer. Insofern ist es wie bei den Hausärzten. Teile einer elementaren Grundversorgung stehen auf der Kippe, wenn Anwälte und Ärzte die Fläche verlassen.

Wie können Sie da gegensteuern?

Es gibt viele Ansätze. Ein Modell kann etwa der Zusammenschluss von mehreren Kanzleien sein, die sich eine gemeinsames Haus anmieten, dann jeder für sich arbeitet, aber sich bei Bedarf auch die Räume erweitern lassen. Solche Anwaltshäuser gibt es schon in den Städten, das kann auch auf dem Land funktionieren.

Kann die Anwaltschaft in der Fläche von den Hausärzten lernen, also wie bei der Telemedizin auf Online-Beratung setzen?

Das ist sicher machbar. Voraussetzung ist natürlich ein funktionierendes Netz. Virtuelle Beratung wird von der Anwaltschaft im Übrigen ja auch schon gelebt. Trotzdem ist es für einen Anwalt immens wichtig, dass er die Mandanten persönlich sieht.

Warum?

Er muss seine Reaktionen deuten können und für sich das Fazit ziehen, dass der andere auch alles verstanden hat. Wir sind schließlich ein Beruf, der mit Sprache arbeitet. Die meisten Fälle, die beim Anwalt landen, gehen gar nicht zum Gericht. Er ist die Institution, die aus vielen Streitigkeiten das emotionale Gift zieht und mit dem Anwalt der Gegenseite Lösungen aushandeln kann. Das ist direkt von Angesicht zu Angesicht halt besser machbar als virtuell.

Wird künftig der Einzelanwalt noch eine Chance haben oder geht der Trend stärker zu Fachanwälten und Großkanzleien?

Da ist wie bei den Medizinern mit Allgemein – und Fachärzten. Wir haben 163 000 Anwälte und 50 000 Fachanwaltseintragungen. Darunter sind auch Kollegen mit drei Titeln. Wir brauchen weiter die gesamte Bandbreite. Gerade der Einzelanwalt ist wichtig – er bearbeitet nicht die Fusion von Dax-Firmen, sondern ist vor Ort auch für die Oma da.

Ist der Einzelanwalt für jeden Rechtsstreit zuständig?

Fast. Dieser Generalvertreter hat einen klaren Schwerpunkt im Zivilrecht – kennt sich aber im Verkehrs- und Familienrecht auch bestens aus. Er ist quasi der Lotse, auf den wir weiter setzen. Wir registrieren mit Genugtuung, dass wir wieder mehr davon haben.

Junge Ärzte bevorzugen stärker die Festanstellung in Kliniken. Gibt es diese Tendenz auch bei Juristen? Haben Sie genügend Nachwuchs für die Anwaltschaft?

Auch das ist bei uns ähnlich wie in der Medizin. Jüngere Kollegen als Berufsanfänger wagen ungern eine Neugründung. Der unternehmerische Blickwinkel nimmt ab. Die Tendenz geht zum Anstellungsverhältnis, das kann auch in einer Kanzlei sein. Da müssen wir gegenhalten.

Was kann da helfen?

Auch wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser regeln. Ein Anwalt, der 70 bis 90 Stunden arbeitet und zu Hause als Fremder gilt, ist kein attraktives Berufsziel mehr. Deshalb müssen auch neue Regeln für die gegenseitige Vertretung von Anwälten her. Wir haben dafür eine Reform unseres Berufsrechts,
der Bundesrechtsanwaltsordnung, angestoßen.

In Sachsen können ausgebildete Juristen künftig besser in den öffentlichen Dienst und die Justiz einsteigen, viele Stellen werden frei. Wie wollen Sie da gegenhalten?

Das ist wirklich ein Problem. Denn die Ausbildungszahlen gehen zurück. In Sachsen-Anhalt hat die Justizverwaltung im letzten Jahr alle Absolventen, die sich beworben haben, eingestellt. Wir müssen uns also darüber im Klaren sein, dass die Anwaltschaft um die besten Köpfe mit kämpfen muss. Und die besten Köpfe sind nicht immer die mit dem besten Examen. Anwälte müssen sich im Sachverhalt auskennen – aber auch Emotionen der Klienten aushalten und neugierig auf das Leben sein. Das macht die Arbeit so spannend.

Ein Klischee vom Anwalt geht so: Porsche-Fahrer, dickes Konto und ein lässiges Leben: Warum setzen Sie sich dann noch für eine Gebührenerhöhung ein?

Wer durch die Straßen mit Anwaltskanzleien aufmerksam geht, wird feststellen, dass dort gar keine Porsche stehen. Ein Anwalt und viel Geld – das trifft doch nur auf rund zehn Prozent zu. Die gesetzliche Gebührenordnung wurde immer angepasst mit Blick auf die Entwicklung der Tariflöhne. Die letzte Anpassung war 2013, in den sechs Jahren haben sich die Tariflöhne um 16 Prozent erhöht. Wir wollen diese Entwicklung nur nachholen.

Interview: André Böhmer, Matthias Roth

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