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Mitteldeutschland ZDF-Drama über Medikamenten-Tests westlicher Firmen in der DDR
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ZDF-Drama über Medikamenten-Tests westlicher Firmen in der DDR

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14:10 23.09.2020
Dr. Sigurd (Corinna Harfouch, l.), Marie Glaser (Felicitas Woll, 2.v.r.), Armin Glaser (Florian Stetter, M.) mit Tochter Kati (Lena Urzendowsky, r.) in einer Szene des Films "Kranke Geschäfte". Quelle: ZDF
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Berlin

„Eins, zwei, drei“, ruft eine Ärztin im weißen Kittel und drückt die Elektroden des Defibrillators auf den Brustkorb des Patienten. Keine Reaktion des Mannes, der vor ihr im Krankenbett liegt. Dann ein langes Piepen. „Es ist der vierte Exitus innerhalb der Studie. Es könnte das Medikament selbst sein“, sagt die Ärztin.

Das ZDF greift mit dem Drama „Kranke Geschäfte“ - in den Hauptrollen sind Felicitas Woll und Florian Stetter - ein Thema aus DDR-Zeiten auf: Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen an DDR-Bürgern. Der Film läuft am Freitag (25.9.) bei Arte und am Montag (28.9.) im ZDF (jeweils um 20.15 Uhr).

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Story spielt in Karl-Marx-Stadt

Das Drama erzählt die Geschichte einer an Multiple Sklerose erkrankten Tochter (Lena Urzendowsky). Sie kann kaum noch sehen und nur schlecht laufen. Ihr Vater und Oberleutnant der Stasi, Armin Glaser (Florian Stetter), und seine Frau Marie (Felicitas Woll) setzen auf eine vielversprechende Behandlung im Bezirkskrankenhaus in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Was die Familie im Film zunächst nicht weiß: Kati wird Probandin einer Studie und damit zur Versuchsperson westdeutscher Pharmaunternehmen.

Nach der Wiedervereinigung wurde das Thema erforscht, bis heute bewegt es viele. Eine vom Bund und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderte Studie aus dem Jahr 2016 kam zu diesem Schluss: Westliche Pharmahersteller ließen in DDR-Kliniken in großem Stil Medikamente testen. Von 1961 bis 1990 gab es demnach Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests. Der Studie zufolge wurden Anhaltspunkte für systematische Verstöße gegen die Aufklärungspflicht der Bürger nicht gefunden. Wenn es welche gab, seien das Einzelfälle gewesen.

Devisen für die DDR

Für die überschuldete DDR bedeuteten solche Deals, dass sie an Devisen kam. Westfirmen machten sich demnach die totalitären Strukturen zunutze. Für die Kliniken gab es laut Studie zugleich die Möglichkeit, dass Pharmavertreter etwa halfen, Geräte zu beschaffen.

In dem TV-Drama - der Sender spricht von einer fiktionalen Geschichte vor realem Hintergrund - tauchen Ungereimtheiten in der Behandlung auf. Der Vater beginnt, das Ganze zu hinterfragen. Er nutzt seinen Rang in der Stasi, um an Informationen zu kommen und beginnt eigenmächtig zu ermitteln. Auch seine Frau Marie, die zunächst hofft und an das Gute glaubt, wird mit der Zeit skeptischer. „Für mich war es herausfordernd, die Wahrheit so anzunehmen wie sie ist und gleichzeitig an dem Gefühl von mütterlicher Hoffnung festzuhalten“, sagt die 40-jährige Woll der Deutschen-Presse-Agentur. Sie ist selbst Mutter zweier Kinder. „Das hat mir geholfen, der Rolle die nötige Tiefe zu geben.“

Film soll aufklären

Die Qualität des Films liegt darin, dass er aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Beweggründe der Pharmaunternehmen werden ebenso dargestellt wie die von Familie Glaser oder Politikern. „Der Film will nicht eine Meinung oktroyieren. Der Zuschauer ist am Ende frei, sich ein eigenes Urteil zu bilden“, sagt Stetter. Auch für Woll, für die die Thematik selbst neu war, ist der Film mehr als nur Unterhaltung. „Er soll aufklären und Menschen wachrütteln.“

Von Jordan Raza