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Mitteldeutschland Zurück zur DDR-Poliklinik: Vorschlag der SPD sorgt für Streit in Sachsen
Region Mitteldeutschland Zurück zur DDR-Poliklinik: Vorschlag der SPD sorgt für Streit in Sachsen
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10:06 29.04.2019
Blick in ein Sprechzimmer in der Praxis eines Hausarztes. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
Leipzig

Retten Polikliniken die ärztliche Versorgung auf dem Land? In Sachsen eskaliert der Streit um die künftige medizinische Versorgung im Freistaat. Die SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag hatte dazu Mitte April ein Positionspapier beschlossen „Für eine bessere medizinische Versorgung im Freistaat“. Darin heißt es: „Der Arzt als ,Einzelkämpfer’ in der Niederlassung, das kann abschrecken.“

Dagegen setzt die Partei auf „das Modell der Poliklinik“ in Sachsen. „Dafür werden wir in Städten und Gemeinden den Aufbau neuer Polikliniken mit Geld fördern und beim Betrieb unterstützen.“ SPD-Chef Martin Dulig verweist gleichzeitig darauf, dass 245 Hausarztstellen in Sachsen unbesetzt sind. „Es besteht dringender Handlungsbedarf“, so der Landesvorsitzende.

„Das ist grober Unfug und zeugt nur von Unkenntnis der Materie“

Das will Klaus Heckemann, Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Sachsen, so nicht stehen lassen: „Das ist grober Unfug und zeugt nur von Unkenntnis der Materie.“ Es sei schon erschreckend, dass die SPD immer noch die Lösung darin sehe, dass die Ärzte nur nicht mehr selbstständig sein sollen, sondern angestellt arbeiten – und alles sei gut.

„Das Gegenteil ist der Fall“, kritisierte jetzt der KV-Chef. Es sollte mittlerweile auch bei der SPD angekommen sein, dass angestellte Ärzte im Durchschnitt nur etwa 75 Prozent Patienten im Vergleich zu selbstständigen Ärzten versorgen.

Mit jedem Ersatz einer Arztpraxis durch angestellte Ärzte gehe – von wenigen Ausnahmen abgesehen – Versorgungskapazität verloren. Während niedergelassene Ärzte im Durchschnitt mindestens 50 Stunden in der Woche arbeiteten und dabei sich selbst ausbeuteten, sei von einem angestellten Arzt, der einen Arbeitsvertrag über 40 Wochenstunden hat, kaum zu erwarten, dass er zehn Stunden pro Woche unbezahlt arbeitet. „Es ist ja schön, wenn man den Ärzten soviel Altruismus zutraut, realistisch ist es aber nicht“, so Heckemann.

„Einrichtung von Tandempraxen ist ebenso unsinnig“

Die Einrichtung von Tandempraxen, in denen junge und ältere Mediziner gemeinsam arbeiten, hält der Präsident für „ebenso unsinnig“. Dass Ärzte vor dem Eintritt in den Ruhestand schon einmal einen Nachfolger einarbeiten, geschehe bereits. Heckemann: „Überall wo wir auf einen Ärztemangel zusteuern, gibt es freie Arztstellen – und das Modell läuft schon seit Jahren.“

Schließlich kritisiert der KV-Chef auch Duligs Äußerungen zu Regressforderungen für Ärzte, die ihr Budget überzogen haben. Heckemanns klare Abfuhr in Richtung Dulig: Es wäre „schon wünschenswert, wenn ein sächsischer Staatsminister sich vor einer klaren Parteinahme gegen eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts erst einmal in der Sache informieren würde“. Nach der Ablehnung der Landarztquote durch die SPD sei die kritiklose Solidarisierung mit einer radikalisierten Splittergruppe von Ärzten eine „weitere Fehlleistung“.

Ambulante Versorgung bedarf einer Strukturdiskussion

Dagegen sagt Stephan Helm, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, der zunehmende Gebrauch des Begriffes der Poliklinik in der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte sei ein Anzeichen dafür, dass die ambulante Versorgung einer Strukturdiskussion bedarf. „Offensichtlich erreicht doch bereits gegenwärtig das ordnungspolitische ambulante Präferenzmodell des niedergelassenen Arztes in der Einzelpraxis seine Grenzen“, so Helm.

Subjektiv sei der Wunsch insbesondere des ärztlichen Nachwuchses nach Ausbildung, fachärztlicher Weiterbildung und beruflicher Erfahrung in einem zunächst „geschützten“, also angestellten oder ähnlichem Verhältnis, erkennbar. Objektiv erfordere moderne Medizin in Diagnostik und Therapie zunehmend ein fachgebietsübergreifendes, Konzil orientiertes ärztliches Agieren. Er sehe darum die Notwendigkeit einer stärkeren Institutionalisierung der ambulanten Versorgung, so Helm.

DDR-Polikliniken: ambulante Einrichtungen mit mehreren Fachbereichen

Die staatlichen Polikliniken in der DDR waren jenseits der Krankenhäuser ambulante Einrichtungen mit mehreren Fachbereichen. Im Zuge der Wiedervereinigung wurden sie meist zugunsten von Einzelpraxen niedergelassener Ärzte stillgelegt. Mehrere Einzelpraxen firmieren gegenwärtig häufig unter dem Begriff „Medizinisches Versorgungszentrum“ oder „Ärztehaus“.

Von Roland Herold

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