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Mitteldeutschland Wie war das mit Corona bei Ihnen, Herr Sagui?
Region Mitteldeutschland

Zweiter Lockdown in Israel: Vize-Botschafter Aaron Sagui lobt deutsches Corona-Management

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17:57 17.09.2020
Der israelische Gesandte Aaron Sagui im Interview mit der Leipziger Volkszeitung.
Der israelische Gesandte Aaron Sagui im Interview mit der Leipziger Volkszeitung. Quelle: Kempner
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Leipzig

Israel fährt erneut runter: Nach zuletzt rund 5000 neuen Corona-Fällen pro Tag hat die Regierung einen zweiten Lockdown beschlossen, der mindestens drei Wochen dauern soll. Bereits seit Donnerstag sind alle Schulen und Kitas des Landes dicht. Ab Freitag schließen auch Geschäfte, Restaurants, Hotels und Freizeiteinrichtungen. Die Menschen dürfen sich außer in Ausnahmefällen nur noch bis zu 500 Meter von ihrem Zuhause entfernen. Aaron Sagui, Gesandter und stellvertretender Botschafter Israels in Deutschland, war selbst an Covid-19 erkrankt. Der Diplomat berichtet im LVZ-Interview erstmals darüber, wie es ihm erging, spricht über Fehler seines Landes im Umgang mit der Pandemie, über das Verhältnis zu Russland, dem Iran und den USA, Antisemitismus in Deutschland und das neue Friedensabkommen im Nahen Osten.

Herr Sagui, wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Zum Glück bin ich wieder komplett gesund.

Im März wurde bei Ihnen das Coronavirus festgestellt. Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

Als Diplomat bin ich mit vielen Personen in Kontakt, treffe jeden Tag dutzende Menschen. Am 13. März bekamen wir einen Anruf von jemandem, den ich kurz zuvor getroffen hatte. Er erkrankte nach unserem Treffen, also ließ ich mich testen. Am Tag darauf kam das Ergebnis: Ich war positiv, ebenso wie unser Botschafter (Jeremy Issacharoff, 65, Anm. d. Red.).

Wie verlief die Krankheit bei Ihnen?

In der Nacht vor dem positiven Testergebnis fühlte ich mich bereits krank, bekam grippeähnliche Symptome und zusätzlich starke Schmerzen in der Brust, wie ich sie so noch nie erlebt hatte. Ich fühlte mich fünf Wochen lang schlecht. Die Botschaft musste für ein paar Wochen geschlossen werden. Ich habe dann von zu Hause weitergearbeitet.

Hat sich auch Ihre Familie angesteckt?

Ja, meine Frau schon, aber sie fühlte sich nicht so schlecht wie ich. Sie ist da offensichtlich etwas zäher.

In Deutschland gab es zuletzt rund 2000 neue Fälle pro Tag, in Israel dagegen 5500 – bei nur neun Millionen Einwohnern. Warum breitet sich das Virus dort aktuell so stark aus?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Ausbreitung des Virus ist dort am stärksten, wo die Bevölkerung ultraorthodox oder arabisch ist und oft in größeren Haushalten lebt. Ein anderer Grund ist, dass in Israel nach Ende der ersten Welle die Schulen sehr schnell wieder geöffnet wurden. Wie wir heute wissen, steckten sich viele Kinder dort an und brachten das Virus mit nach Hause.

War es ein Fehler, die Schulen bereits im Mai wieder zu öffnen?

Ja, in gewisser Weise schon. Wir waren bei der ersten Welle sehr konsequent, haben zum Beispiel auch unsere Grenzen sehr schnell geschlossen, sind danach aber zu schnell zur Normalität zurückgekehrt. Hinzu kommt: In Israel gibt es bislang kein effektives System, um die Infektionskette zu unterbrechen. Das funktioniert in Deutschland viel besser.

Kann Deutschland aus den Fehlern Israels lernen, um einen weiteren Lockdown zu verhindern?

Der deutsche Weg ist bereits jetzt beispielhaft in dieser Krise. Das Gesundheitssystem, die wirtschaftlichen Hilfen, die breiten Diskussionen um Kontaktbeschränkungen – viele andere Länder könnten neidisch sein. Natürlich waren viele Einschränkungen auch hier unangenehm, aber bei Weitem nicht so hart wie in anderen Ländern.

Israel lebt auch vom Tourismus, die Grenzen sind jedoch seit einem halben Jahr geschlossen. Ist eine Öffnung für Reisende in diesem Jahr überhaupt noch denkbar?

Eine Prognose ist schwierig. Wir müssen damit rechnen, dass auch eine dritte Welle auf uns zukommt und dürfen dieselben Fehler nicht wiederholen. So lange kein Impfstoff verfügbar ist, müssen wir lernen mit dem Virus umzugehen und die Fallzahlen niedrig halten. Ich bin aber optimistisch. Ich hoffe, dass eine Grenzöffnung nach dem Lockdown eine Frage von Wochen ist.

Aaron Sagui (Zweiter von rechts) im Interview mit den LVZ-Redakteuren Robert Nößler, Jan Emendörfer und Anita Kecke (von links). Quelle: Kempner

Es gibt auch gute Nachrichten aus Israel. In dieser Woche wurden ein Friedensabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und eine Friedenserklärung mit Bahrain unterzeichnet. Was wird sich dadurch verändern?

Ich erwarte mir davon eine Menge, denn die Signale strahlen in die gesamte Region aus. Die Abkommen erleichtern den Handelsaustausch erheblich, ermöglichen eine breite Zusammenarbeit in Bereichen wie Kultur, Bildung, Tourismus oder Forschung und werden auch die Sicherheitslage verbessern. Wir werden Botschaften gründen, unsere Länder für Tourismus und Handel öffnen. Auch neue Flugrouten nach Osten über den saudischen Luftraum sind nun möglich, was Kosten spart. So wie es Ägypten und Jordanien bereits vor Jahren realisiert haben, geht der Weg nur über Kooperation und nicht über Konflikte. Wir hoffen, dass sich weitere Länder diesem Kurs anschließen.

Welche Rolle spielte Donald Trump in diesem Prozess?

Gute Freunde können helfen, aber – das will ich betonen – es geht nur, wenn der Wille der Akteure in der Region da ist. Die USA als unser engster Verbündeter haben hier eine wichtige Rolle gespielt. Auch viele andere Nationen stehen den Abkommen positiv gegenüber, Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien, sowie Deutschland. Iran, die Türkei, Hisbollah und Hamas sind dagegen – und das ist ein Anzeichen dafür, dass dies eine positive Entwicklung für die ganze Region ist.

Wie reagieren die Palästinenser auf die neue Situation?

Ich weiß, dass diese das kritisch sehen – leider. Klar ist: Wenn die Palästinenser Frieden wollen, müssen sie an den Verhandlungstisch zurückkehren. Nur so kann sich die Situation zwischen Israel und den Palästinensern verbessern.

Wie ist die aktuelle Beziehung Israels zu Russland?

Gut. In Syrien haben wir einen Mechanismus zur Konfliktvermeidung etabliert. Israel wird es nicht zulassen, dass der Iran sich in Syrien militärisch festsetzt, um Israel zu bedrohen.

Die Hinrichtung des Ringers Navid Afkari im Iran hat weltweite Proteste ausgelöst. Hat das Regime in Teheran eine rote Linie überschritten?

Ein Regime, das Kritiker ebenso wie Homosexuelle hinrichten lässt, islamistische Terroristen unterstützt und finanziert, ist eine Bedrohung für uns alle, nicht nur für Israel. Die Menschen im Iran haben riesiges Potenzial und könnten ein großartiger Partner auch für den Westen, für Europa sein. Ich rate jedoch allen EU-Staaten, nicht mit dem derzeitigen Regime im Iran zu verhandeln, das dem syrischen Regime dabei geholfen hat, eine halbe Million Syrer zu töten und Terroristen im gesamten Nahen Osten unterstützt. Der Iran verfügt über Raketen mit einer Reichweite bis nach Leipzig und darüber hinaus. Und das Land entwickelt auch Raketen, die Ziele bis in die USA angreifen könnten. Man arbeitet nicht an so etwas, wenn man es nicht eines Tages auch benutzen will.

Lassen sich die Probleme diplomatisch lösen?

Dem verschließen wir uns nicht, aber ohne angemessen Druck auf dieses Regime auszuüben, werden wir sie nicht lösen können.

Zur Person

Aaron Sagui wurde 1971 in Argentinien geboren, immigrierte als Kind mit seiner Familie nach Israel und ist seit August 2019 Gesandter der israelischen Botschaft in Berlin und stellvertretender Botschafter. Seit 20 Jahren ist er bereits als Diplomat im Außenministerium tätig. So war er unter anderem von 2000 bis 2003 stellvertretender Botschafter in Caracas/Venezuela, von 2005 bis 2007 stellvertretender Generalkonsul in Miami/Florida und von 2012 bis 2016 Sprecher der israelischen Botschaft in Washington. Anschließend arbeitete er in der Nordamerika-Abteilung im Außenministerium in Jerusalem und als Direktor der Abteilung für politische Beziehungen zwischen den USA und Israel. Sagui studierte Business Management und Public Policy in Jerusalem. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

Zurück nach Deutschland: In dieser Woche wurde in Berlin das 70-jährige Bestehen des Zentralrats der Juden gefeiert. Wie würden Sie das Gefühl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland beschreiben? Welche Sorge bereitet Ihnen der Antisemitismus?

Wenn wir uns die Statistiken anschauen, ist festzustellen, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten nicht zurückgeht – im Gegenteil (2019 lag sie mit 2031 Fällen auf dem höchsten Stand seit 2001, Anm. d. Red.). Gegen den Antisemitismus vorzugehen, bleibt eine große Herausforderung. Denn er zeigt sich in immer neuen Formen und Facetten. In Kürze jährt sich das Attentat von Halle. Wir müssen wachsam sein. Es gibt Menschen, die die Motivation und die Mittel haben, Angriffe zu verüben. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Ein Problem bleibt aber auch der latente Antisemitismus auf der Straße – übrigens kein rein ostdeutsches Phänomen.

Was hat sich nach dem Anschlag von Halle verändert?

Dieser Angriff an Jom Kippur hätte nicht symbolischer sein können. In Deutschland lebende Juden erfüllt das mit großer Sorge. Sie hinterfragen, ob es noch möglich ist, mit der Kippa auf dem Kopf durch die Straßen zu gehen, die religiösen Rituale so zu pflegen wie sie es gewohnt sind, ohne Anfeindungen oder Hass ausgesetzt zu sein. Umso wichtiger ist es, dass wir schon bei den kleinsten Anzeichen von Antisemitismus und Neonazismus in jeder Ausprägung aufstehen, auf der Straße und in der Politik. Das gilt übrigens auch für Demonstrationen. Wer mit Nazis mitläuft, macht sich mit schuldig. Hier hilft nur klare Distanzierung.

Seit gut einem Jahr sind Sie israelischer Gesandter in Deutschland. Wo lässt sich das deutsch-israelische Verhältnis noch verbessern?

Deutschland ist unser verlässlichster Partner in Europa. Über die Jahre ist das Verhältnis noch enger geworden und zu einer strategischen Zusammenarbeit gewachsen. Ein Beispiel: Vor Kurzem flogen deutsche und israelische Luftstreitkräfte Seite an Seite bei einer gemeinsamen Übung im deutschen Luftraum. Das hätte man sich früher nicht vorstellen können. Deutsche Soldaten trainieren darüber hinaus auch in Israel. In Bereichen wie Umwelt, alternative Energien, Forschung, Wissenschaft oder Start-ups gibt es ebenfalls regen Austausch – aber auch noch Luft nach oben. Das Motto lautet „Sky is the Limit“.

Von Jan Emendörfer, Anita Kecke und Robert Nößler