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Mitteldeutschland „...was wir an der Heimat haben“ – mit Fontane durch den Spreewald
Region Mitteldeutschland „...was wir an der Heimat haben“ – mit Fontane durch den Spreewald
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20:28 28.06.2019
Annette Schiffner ist in der Ausstellung des Brandenburgischen Apothekenmuseums in Cottbus ganz nah bei Fontane. Quelle: Winfried Mahr
Leipzig/Cottbus

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben“ – diesen wie in Stein gemeißelten Spruch hielt Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ für die Nachwelt fest. War er doch viel rumgekommen und hatte fremde Länder bereist. Gefeiert wird der Schriftsteller in seinem 200. Geburtsjahr vor allem in Brandenburg als Preußenversteher mit märkischen Wurzeln. In der Niederlausitz wird er gar zum „Pionier des Spreewaldtourismus“ ausgerufen. Dazu gleich mehr.

Literarische Ader in Sachsen entdeckt

Doch bei all der preußischen Huldigung sollte ein wesentlicher Wendepunkt des großen Dichters und Denkers keinesfalls unterschlagen werden: Ohne sächsischen Einfluss wäre er wohl kaum zu dem geschätzten Erzähler, Autor und Realisten geworden, der er zweifellos war. Denn seine literarische Ader entdeckte der junge Apothekerssohn und Nachfahre einer Hugenottenfamilie in Leipzig. Seiner Geburtsstadt Neuruppin längst entfleucht, landete er nach Berlin und Magdeburg 1841 im Alter von 21 Jahren in der Leipziger Hainstraße. Die „Hofapotheke zum weißen Adler“ bot ihm eine Stelle, Kost und Logis – und er bekam Anschluss an den hiesigen Dichterverein.

Just zu jener Zeit begab übrigens Tausende Kilometer westwärts die Katastrophe eines brennenden Raddampfers auf dem Eriesee vor Buffalo (Pennsylvania), die Fontane später in die bekannte Ballade von „John Maynard“, dem tapferen Steuermann goss. In der Universitäts- und Messestadt Leipzig soll sich der kränkelnde junge Mann jedenfalls eine leichtere Lebensart zu Eigen gemacht haben, der er im Jahr darauf noch in Dresden fröhnte. „Dass die Sachsen sind, was sie sind, verdanken sie nicht ihrer ‚Gemütlichkeit’, sondern ihrer Energie“, wusste er hernach zu berichten, „und ihre Kulturüberlegenheit wurzelt in ihrer Bildungsüberlegenheit...“

Plakat zur Fontane-Sonderausstellung im Museum Schloss Lübben, die ab 5. Juli eröffnet wird. Quelle: Winfried Mahr

Und weil die so verehrten Sachsen inzwischen noch als besonders reiselustig gelten, lädt der Tourismusverband Spreewald zu Exkursionen auf Fontanes Spuren durch die südostbrandenburgische Kulturlandschaft ein. „Mit seinen ausdrucksstarken Impressionen entzündete Theodor Fontane vor gut 160 Jahren große Neugier und Entdeckerlust für den Spreewald“, schwärmt Verbandschechin Annette Ernst. Seitdem kamen immer mehr Besucher in das Biosphärenreservat mit den weit verzweigten Fließen, Sümpfen und Auen, und das nicht nur der berühmten Gurken oder des frisch gepressten Leinöls wegen. Rekordverdächtige 770 000 Ankömmlinge wurden im vergangenen Jahr gezählt, „und die Tendenz zeigt auch im Fontanejahr klar nach oben“, so Ernst. Kein Wunder, haben sich doch viele Veranstalter zum 200. Jubiläum etwas zum märkischen Volksdichter einfallen lassen.

Ganze drei Sätze über Lübben

Für seine Spreewald-Expedition soll Fontane im August 1859 die Postkutsche von Berlin genommen und in Lübben, der heutigen Dahme-Spreewald-Kreisstadt, nur eine kurze Rast zwecks Pferdewechsel eingelegt haben. „Alles hier ist grün und rot“, heißt es in seinen knappen Schilderungen. „Jedes Haus nämlich versteckt sich hinter blühenden Oleanderbäumen, die hier in einer Pracht und Fülle sich durch die Straßen ziehen, dass die Berliner Kugelakazie in der Rückerinnerung fast noch steifer und hässlicher wird, als sie ohnehin schon ist.“

Museumsleiterin Corinna Junker rollt im Museum Lübben das Plakat zur Fontaneausstellung aus, die ab 5. Juli eröffnet. Quelle: Winfried Mahr

Die immerhin schmeichelhaften drei Sätze des berühmten Reisejournalisten schmückt das Museum im Lübbener Schloss nun zu einer Sonderausstellung mit dem Titel „Durch die wendische WalacheiLübben in der Zeit Fontanes“ aus. „Wir wollen zeigen, wie der Dichter die Stadt damals mit etwas mehr Zeit und Muße hätte erleben können“, umreißt Museumsleiterin Corinna Junker den Grundgedanken der bis Anfang November geplanten Schau. Echte Oleander- und Zitruspflanzen sind ebenso eingebettet wie ein historisches Stadtmodell, Reiseutensilien von anno dunnemals und die von Fontane einst hervorgehobenen Uniformen der Lübbener Jäger. Ein Laufband soll zu körperlicher Betätigung zwischen gestalteten Bäumen einladen.

Mit Gehrock und Zylinder auf Fontane-Wanderung

Trefflich auf den Spuren des berühmten Schriftstellers wandeln lässt sich auch auf dem rund zehn Kilometer langen Wanderweg rings um den Kurort Burg. „Wir wollten das Fontanejahr nutzen, um etwas Nachhaltiges zu schaffen, etwas, das über das Jahr hinaus nutzbar bleibt“, sagt Tourismuschefin Nicole Schlenger. Und so wurde ein vorhandener, aber bislang wenig beachteter Rundweg auf Vordermann gebracht. Unterwegs trifft man auf Tafeln, die über den Schriftsteller und seine Reisen, über Trachten und Kulinarik Auskunft geben.

Michael Apel alias Theodor Fontane ist bei Führungen auf dem Fontane-Wanderweg oder bei Kahnfahrten ein viel gefragter Mann. Quelle: Winfried Mahr

Zum besonderen Erlebnis wird die rund dreistündige Wanderung unter der Führung des Unterhaltungskünstlers Michael Apel, der zweimal wöchentlich in die Rolle Fontanes schlüpft, bei jedem Wetter mit Gehrock und Zylinder. Und sogleich einräumt, dass er vor 160 Jahren kaum gewandert ist, was er nun flotten Schrittes wieder gutzumachen gedenke. „Damals bin ich fast nur im Kahn umhergefahren worden. Mit dieser den Spreewäldern ganz eigenen Gelassenheit und stoischen Ruhe, die ihnen noch heute eigen ist“, erklärt der nicht mehr ganz zeitgemäß gekleidete 56-Jährige und schwingt seinen Gehstock. Um sogleich inbrünstig den echten Fontane zu zitieren: „und dass dem Netze dieser Spreekanäle nichts von dem Zauber von Venedig fehle, durchfurcht das endlos wirre Flussrevier in seinem Boot der Spreewalds-Gondolier.“

Der unterhaltsame Rundkurs führt durch weite Wiesen, vorbei an Blockbohlenhäusern und Schauplätzen, die Fontane auf seinen „Wanderungen“ kennenlernte. Darunter auch das Gasthaus – heute Waldhotel „Eiche“, wo der Genussmensch Fontane guten Wein und frischen Fisch zu schätzen wusste. „Und nun das Mahl selber! Das wäre kein echtes Spreewaldsmahl, wenn nicht ein Hecht auf dem Tisch stünde“, schrieb er zwischen Speisen und Wein auf. Von historischen Originalrezepten machen die Gastronomen der Region im Fontane-Jahr reichlich Gebrauch – und Hecht in Spreewaldsoße ist immer noch eine außergewöhnliche Gaumenfreuden.

Fontanes Strahlkraft reicht bis nach Cottbus

Sonderausstellungen zu Fontane gibt es auch in Cottbus, obwohl Fontane dort nie gesehen wurde. So wartet das kleine,aber feine Brandenburgische Apothekenmuseum am Altmarkt mit Arzneien, Düften und Apparaturen aus dem 19. Jahrhundert auf. Die Leiterin Annette Schiffner kann auch noch etliche Anekdoten aus Fontanes Leben und Werken beisteuern, darunter aus seiner Zeit in Sachsen. Allerdings ist für die Sonderausstellung „zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane – Apotheker und märkischer Dichter“ eine telefonische Anmeldung ratsam.

Dem Maler Carl Blechen ist im Schloss Branitz eine Sonderausstellung gewidmet. Beate Gohrenz erläutert ein Selbstporträt des Cottbuser Künstlers von 1837.. Quelle: Winfried Mahr

Am Rande der Stadt, im Branitzer Park, widmet sich eine Schau im dortigen Schloss dem Künstler Carl Blechen, den Fontane persönlich kannte und den er zum „Malergenie ersten Ranges“ emporhob. Er wollte dem gebürtigen Cottbuser Blechen sogar eine Biografie widmen und hatte dafür schon 200 Seiten Material zusammengetragen. Warum das Projekt letztlich im Sande verlief, ist nicht überliefert. „Geblieben ist dafür, das beide, Blechen und Fontane, ihre märkische Heimat über alles liebten und jeder sie auf seine Weise liebevoll schilderte“, sagt der Kultur- und Kunstwissenschaftler Gert Streidt, der die Branitzer Park- und Schlossanlage leitet.

Staatstheater lässt Fontane singen

In den feierlichen Jubiläums-Kanon stimmt auch das Ensemble des Staatstheaters Cottbus standesgemäß ein. Für den 19. Oktober ist die Uraufführung der Oper „Effi Briest“ angekündigt, deren viel beachtete Romanvorlage Fontane erst im fortgeschrittenen Alter von 76 Jahren als Buch veröffentlichte.

Die Sopranistin Rahel Brede vom Cottbuser Stadttheater gibt im Branitzer Park eine Kostprobe aus der Oper “Effi Briest" nach Theodor Fontanes gleichnamiger Romanvorlage. Quelle: Winfried Mahr

Siegfried Matthus verwendet die Geschichte der jungen Effi, die als Siebzehnjährige auf Zureden ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Instetten heiratet und an dieser Ehe und ihrer Zeit zugrunde geht, als Grundlage für seine Oper. Eine viel versprechende Kostprobe aus dem Libretto gab die an der Dresdner Musikhochschule ausgebildete Mezzosopranistin Rahel Brede kürzlich vor dem Schloss im Branitzer Park. Ob sie selbst die Titelpartie der Effi übernimmt, steht noch nicht fest, hieß es. Intendant Martin Schüler sieht den besonderen Reiz dieser ersten Fontane-Oper darin, dass musikalisch noch tiefere Schichten des ursprünglichen Romanstoffes freigelegt und neue Dimensionen eröffnet werden können. Die Briest als Stoff für ein abendfüllendes Libretto, dass hätte Herrn Fontane sicher gefallen.

www.fontane-200.de

www.spreewald.de

www.reiseland-brandenburg.de

Von Winfried Mahr

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