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Oschatz Demokratie-Projekt der Werkschule Naundorf führt zur Gedenkstätte Buchenwald
Region Oschatz Demokratie-Projekt der Werkschule Naundorf führt zur Gedenkstätte Buchenwald
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06:03 19.02.2019
An der zentralen Gedenkstätte legten die Naundorfer Oberschüler bei mit einer Schweigeminute einen unterschriebenen Kranz nieder. Quelle: Foto: privat
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Naundorf

Eine Tür öffnet sich. Menschen werden aus dem Waggon getrieben. Sie müssen sich entkleiden, werden selektiert, ihre letzten Habseligkeiten eingezogen. Sie sind glücklich. Weil aus den Duschen, in der Baracke, in die man sie treibt, Wasser strömt. Kein Gas. Das ist eine Szene aus „Maus“, in der der 1948 geborene amerikanische Comic-Zeichner Art Spiegelman, die Geschichte seines Vaters verarbeitet – eines Auschwitz-Überlebenden.

Während diese Zeitzeugen-Generation langsam ausstirbt: Wie ist es zu schaffen, diese Geschichte lebendig zu halten, damit sie sich nicht ein zweites Mal ereignet? Diese Frage beschäftigte Katja Leißner und die Schüler der 7. Klasse der Evangelischen Werkschule Naundorf rund ein Vierteljahr. Die 40-Jährige muss für ihre Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin pro Lehrjahr ein Praktikum absolvieren und dafür ein Projekt auf die Beine stellen. Statt über die Jahreszeiten zu philosophieren oder Bastelideen zu verbreiten, wollte sie der Oberschule etwas Angemessenes anbieten. Ihrem Thema „Demokratie geht alle an“ näherte sie sich mit den Schülern über die Vergangenheit: Dazu bot sich der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar an, der in diesen Zeitraum fiel. An diesem besuchten die Naundorfer 7., 9. und 10. Klasse die Gedenkstätte Buchenwald. Das musste vor- und nachbereitet sein, denn in der 7. Klasse steht das Thema noch nicht auf dem Lehrplan.

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Viele Frage der Schüler

Unterrichten in dem Sinne durfte Leißner dafür nicht, aber einzelne Sequenzen beisteuern: „Ich habe sie auf die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder ausgerichtet“, beschreibt sie. Die Kinder sollten sich hineinversetzen, wie das Leben damals ausgesehen hat. Über Art Spiegelmans Comic näherten sie sich etwa dem schwierigen Thema. „Das ist ja kein normaler Comic. Er ist ja auch nicht für Kinder geschrieben, sondern für ein erwachsenes Publikum.“ Die viereckigen Panels des Comicformats boten sich an, um ein paar Textpassagen zu einer Geschichte “zusammenzusetzen und Fragen zu beantworten. „Für eine 7. Klasse haben sie das auch wunderbar gemacht und sehr gut verstanden.“ Andere Zugänge boten Fotografien, Filmpassagen, Zeitungsausschnitte mit nationalsozialistischer Propaganda oder auch einfach mal eine Essenration vor Augen zu haben. Wie fühlt sich das an, verfolgt, ausgegrenzt und inhaftiert zu sein?

„Sie haben ganz schnell begriffen, dass so niemand leben möchte.“ Das ließe sich auf das Hier und Jetzt ausweiten. „Die Siebtklässler können sich jetzt vorstellen, warum Migranten bei uns sind. Sind die vielleicht auch vor Krieg und Unrecht geflüchtet?“, fragt Leißner.

War es schwer, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen? Wie reagieren die auf ein Konzentrationslager wie Buchenwald? Was können sie daraus lernen? „Man muss es runterbrechen können. Mir ging es um das Zwischenmenschliche“, sagt Leißner. Weg vom bloßen Erinnern hin zu einer Erkenntnis: „Die Kinder haben zum Teil sehr betreten und bedrückt reagiert, weil sie wussten, dass selbst Zweijährige schon inhaftiert waren. Sie wussten, in Buchenwald sind vor 74 Jahren Menschen gestorben. Ein Kind sagte zu mir: Wir laufen hier über einen riesengroßen Friedhof.“

Einen neuen Blick auf die Geschichte geworfen

„Es ist nicht so, dass ich davor ernsthaft darüber nachgedacht hätte, sondern nur: Das ist passiert“, erzählt der 13-jährhige Max Bernhardt, wie er den Besuch erlebte. Konzentrationslager seien eine Art „ganz normales Gefängnis“ gewesen, war sein Bild. „Dass das so ausgeartet ist, und so viele Verbrechen begangen wurden, hätte ich nie gedacht.“ Bei Reportagen und Filmen werde längst nicht alles gezeigt. Die Stimmung in seiner Klasse sei ruhig gewesen, angespannt und ernst. Allein Lebensumstände und die stete Bedrohung getötet zu werden, haben ihn geschockt. „Die Menschen wurden gequält und zugrunde gemacht. Ich kann mir das nicht erklären, warum man so etwas macht.“ Was er mitgenommen hat? „Dass so etwas nicht mehr passieren darf“, sagt er.

Von Manuel Niemann