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Oschatz Die verbotene Welt der Tomaten
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03:06 31.08.2019
Im Garten von Mandy Jäckel wachsen 89 Tomatensorten. Quelle: Kristin Engel
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Werdau

Es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Rund und oval, gerippt und behaart, im Zuckertüten- und sogar im Miniformat. In den Farben Rot, Gelb, Rosa, Weiß, Orange, Violett und Schwarz. Im kleinen Örtchen Werdau können sie im großen Garten und mit jeder Menge Pflege gut wachsen und machen selbst Junggärtnerin Mandy Jäckel oft sprachlos. Die Rede ist von Tomaten. Ja, wirklich! Kein Vergleich zu den Tomaten aus dem Supermarkt, die in Farbe und Form alle identisch wirken. Und in dem Garten in Werdau findet man Tomaten, denen die in den Supermärkten auch geschmacklich nicht das Wasser reichen können.

Alles Tomate in Mandy Jäckels Garten. Quelle: Kristin Engel

Seit dem letzten Jahr beschäftigt sich die 37-jährige Mandy Jäckel mit Tomaten. Und das, obwohl sie das rote Fruchtgemüse zuvor gar nicht mochte – Tomaten zu essen, war für sie kaum denkbar. „Bis ich durch Zufall die Doku ‚Verbotenes Gemüse’ sah und eine Freundin einen Beitrag der Heinrich Böll Stiftung über die Open Sours Tomate ‚Sunviva’ bei Facebook geteilt hat. Diese ist zum Weiterverschenken, für den Anbau und für die Züchtung erlaubt, aber nicht zum Verkauf gestattet und darf auch nicht lizenziert werden.“ Schnell war ihr Interesse geweckt. Was hatte es mit dem ‚Verbotenen Gemüse’ auf sich? Das wollte sie herausfinden. „Ich habe meine ersten Tomatensamen unter anderem bei dem Verein Tomatenretter bestellt. Und auch die ‚Sunviva’ bekam ich, dank der Facebook-Aktion zugeschickt. Obwohl ich ziemlich spät mit dem Saatgut dran war, hat es doch noch geklappt und die ersten Tomatenpflanzen sprossen. 2018 war ein unglaubliches Tomatenjahr.“

Tomaten stehen im Freiland

Ja, auch das ist eine Tomate. Quelle: Kristin Engel

Für die Aufzucht kommen die Pflänzchen zuerst in der Wohnung auf die Fensterbank, dann werden sie pikiert und es geht ins Gewächshaus. Wenn sie dann die richtige Größe erreicht haben und die Eisheiligen vorüber sind, geht es ab in den Garten und hier werden sie von Mandy Jäckel weiter gepflegt. Fast alle Tomaten stehen im Freiland.

Doch nach wie vor stellte sich ihr die Frage: Warum gibt es Lizenzen auf Tomaten und anderes Gemüse. „Ich habe mich viel belesen, Videos und Dokus zum Thema verbotenes Gemüse angesehen. Alte, historische Gemüse und Obstsorten werden immer mehr von Hybriden mit Lizenzen verdrängt. Diese kann man nicht nachzüchten. Dadurch wird man abhängig gemacht, jedes Jahr neues Saatgut oder junge Pflanzen zu kaufen. Dies hat zum Teil schlimme Konsequenzen in ärmeren Ländern. Und vor allem geht die Vielfalt verloren, irgendwann gibt es nur noch um die 10 bis 20 Standartsorten die alle gleich schmecken. Um dem entgegenzuwirken, gibt es Leute, die alte Saatgutsorten erhalten und verbreiten.“ Darunter ist nun auch die Werdauerin.

„Irgandwann ist man süchtig“

Und weil es 2018 mit den Tomaten so gut geklappt hat, wollte sie auf jeden Fall weitermachen. „Es ist total faszinierend, dass aus jedem Mini-Samenkorn eine Pflanze entsteht, bei der die Blätter, die Früchte, die Farbe und der Geschmack so unterschiedlich sind. Seitdem sie ihre eigenen Tomaten ernten kann, landen diese sogar auf ihrem Teller. Und das in den unterschiedlichsten Varianten und Zubereitungsformen.

Mandy Jäckel im Garten. Quelle: Kristin Engel

„Irgendwann ist man süchtig. Nicht nur von dem Genuss, sondern viel mehr vom Erweitern des Saatgutarchives. Damals hatte ich 18 Sorten und 30 Pflanzen. Heute stehen hier 89 verschiedene.“ Und auch wenn sie selbst nicht alle Erzeugnisse daraus verspeisen kann: „Abnehmer findet man immer, das Interesse wird immer größer.“

Mittlerweile sind es so viele Pflanzen, dass Mandy Jäckel die eigentlich für die Tomaten errichtete Fläche im Garten erweitern muss. Und auch die nächsten 50 Sorten sind bereits ordentlich in einem Album einsortiert und warten darauf, dass sie im nächsten Jahr wachsen können. Bei Facebook, Instagram und Co. gibt es genügend Tauschangebote für das begehrte Saatgut. Hier werden auch Fotos und andere Hinweise wie zum Beispiel zur Größe und zum Geschmack reingestellt. Die Leute schicken sich ihre Saatgutlisten und tauschen sich aus. „Ich kannte mich am Anfang da überhaupt nicht aus. Da bin ich nach den interessanten Namen oder Formen der Früchte gegangen. So kam ich zu Rotkäppchen, Gargamel, Dracula und zu der lilafarbenen Tomate Wolverine. Jetzt entscheidet man eher nach dem Geschmack, man achtet darauf, ob sie zu Krankheiten neigen.“ Sie möchte auch weiterhin neue Sorten ausprobieren und ihr Archiv, in dem zur Zeit 160 Sorten lagern, vergrößern.

White Beauty und Hillbilly

Zwei Sorten, die nächstes Jahr auf jeden Fall wieder im Garten stehen werden, sind die sogenannte White Beauty, die, wie es der Name verrät, eine weiße beziehungsweise blass-gelbe Farbe und einen sehr milden Geschmack hat, und die organfarbene Hillbilly, welche im Inneren wunderschön marmoriert ist und einen intensiven Geschmack hat.

Es muss nicht immer rund sein. Quelle: Kristin Engel

Doch es gibt natürlich auch Pflanzen-Krankheiten, mit denen man rechnen muss. „Da gibt es zum Beispiel die Braunfäule. Von der bin ich bisher zum Glück verschont geblieben. Blütenendfäule, wenn die Pflanzen zu wenig Calcium aufnehmen können, und auch Sonnenbrand. Das hatte ich in diesem Jahr zum ersten Mal erlebt. Ansonsten vertragen sie die heißen Temperaturen gut. Es ist mehr der Regen, der den Tomaten schaden kann.“

Der Boden, in dem die Tomatenpflanzen stecken, ist mit Rasenschnitt gemulcht. Daher müssen sie nur wenig gegossen werden. „Alle zwei oder drei Tage. Das reicht durch den Mulch auch bei heißen Temperaturen aus. Ich hatte früher öfter gegossen, würde aber behaupten, dass die Tomaten dann verwässert geschmeckt haben. Jetzt ist das nicht mehr so. Mit weniger Wasser bilden sich die Wurzeln viel tiefer aus und werden so mit mehr Nährstoffen versorgt.“

Natur pur

Auch beim Düngen setzt die 37-Jährige auf Natur pur. Hier kommt kein Chemiedünger zum Einsatz. Schon gar nicht, wenn Hundedame Lea gemütlich durch den Garten schlendern möchte. Im Garten von Mandy und ihrer Familie wird mit selbst angesetzter Brennnesseljauche und Ackerschachtelhalmbrühe gedüngt. Nicht immer zur Freude der Nachbarn, denn das Gebräu riecht so, wie es klingt. Regelmäßig werden die Mischungen abwechselnd auf die Erde gegeben. Zudem getrocknetes Kaffeepulver und Kaffeehäutchen. Beides wird von der Rösterei Arabica in Torgau beigesteuert. Urgesteinsmehl und manchmal Hornspäne kommen noch hinzu. „Das sind tolle Mineralien für den Boden. Doch man darf es natürlich auch nicht übertreiben.“

Viele Tricks hat Mandy von ihren Eltern erfahren. „Sie haben den grünen Daumen. Meiner ist eher hellgrün“, sagt sie mit einem Lachen. Früher arbeiteten ihre Eltern in einer Gärtnerei. Doch auch sie waren noch im letzten Jahr der festen Überzeugung, dass eine Tomate rund und rot sein muss. Dieser Meinung sind sie heute nicht mehr. Sie sind stolz auf ihre Tochter, wenn sie sehen, was sie im Garten geschaffen hat. Und selbst Mandy ist von sich selbst begeistert. „Die Arbeit ist für mich die Entspannung pur. Schon bei der Anzucht geht es mir so. Wie Meditation.“

Es schmeckt

Jetzt, wo sie für sich entschieden hat, welche Sorten ihr und den Leuten um sie herum schmecken, will sie sich auch auf diese fokussieren. Doch sie wird auf jeden Fall auch weiterhin nach anderen Sorten Ausschau halten und weiter tauschen. „Ich hatte erst überlegt, ob ich vor dem Haus am Straßenrand einen kleinen Stand aufstelle. So könnte man die Leute auf die Vielfalt der Tomaten aufmerksam machen. Doch die Nachfrage ist jetzt schon sehr groß, so dass es nächstes Jahr auf jeden Fall 200 oder mehr Pflanzen werden. Als ich letztens zum Richtfest in unserem Dorf ein paar Tomaten als Geschenk dabei hatte, waren sie sofort Gesprächsthema.“

Ungewohnte Farbe, aber dennoch Tomaten. Quelle: Kristin Engel

Erst hatte sie Sorge darüber, dass die Leute denken könnten, sie spinnt, und dass Gartenarbeit ein spießiges Image hat. Doch das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Leute fragen sie, ob sie ihren Garten und die ganzen Pflanzen mal besichtigen könnten. „Ich bekomme Saatgut von Nachbarn geschenkt, welches sie mal aus dem Urlaub mitgebracht haben, schon jahrelang anbauen und den Tomaten schon Namen gegeben haben. Auch Hilfsangebote gab es, als ein Bekannter mitbekam, dass ich Anfang des Jahres einige Ausfälle wegen Hagelschadens hatte, durfte ich mir tolle Pflänzchen abholen, die er zuviel gezogen hatte. Natürlich auch wunderbare alte Sorten. Mein Vater meinte, wir sollten mal ein Tomatenfest machen. Das wäre sicher eine tolle Idee. Ein guter Freund von uns hat den gleichen Faible für Chilischoten. Das könnte man doch kombinieren.“

Tausende Sorten weltweit

Es gab auch schon einige Aktionen, um auf die alten Sorten aufmerksam zu machen. „Zusammen mit dem Verein Teichminze haben wir im Frühjahr circa 250 kleine Tomatenpflänzchen, gegen eine Spende, unter die Leute gebracht.“ Die Setzlinge, die vom Hobbygärtner und ebenfalls Tomatenliebhaber Andreas Heede aus Süptitz zur Verfügung gestellt wurden, wurden gemeinschaftlich pikiert und so das Interesse bei etlichen Neu-Gärtnern geweckt. Die Nachfrage war so groß, dass jetzt schon die Wiederholung im nächsten Jahr vorbereitet wird. Saatgut wird entnommen und getrocknet, die Pflanztöpfe dazu gesammelt. „Es ist schön zu sehen, dass Menschen dadurch wieder animiert werden, selbst ihr Gemüse anzubauen.“

Schätzungen zufolge gibt es um die 3000 bis 10 000 Tomatensorten weltweit. Und einer der ersten Tomatenbesitzer im 16. Jahrhundert in Deutschland war der Torgauer Apotheker Joachim Kreich. „Wäre das nicht mal ein Projekt für die bevorstehende Landesgartenschau in Torgau? Die Züchtung einer Torgauer Tomate.“ Genug Tomatenverrückte gibt es in Nordsachsen auf jeden Fall.

Ein kleiner Wunsch der Junggärtnerin am Ende: „Fragt eure Gartennachbarn, Großeltern, Eltern, Freunde und weitere nach Saatgut von deren Lieblingssorten, erhaltet alte Sorten, tauscht und verschenkt das Saatgut fleißig weiter. Nur so kann eine bunte Vielfalt in den Gärten erhalten bleiben. Denn Saatgut ist Kulturgut!“

Von Kristin Engel

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