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Oschatz Ex-Minister Frank Kupfer aus Oschatz kämpft weiter gegen Depression
Region Oschatz Ex-Minister Frank Kupfer aus Oschatz kämpft weiter gegen Depression
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13:25 19.01.2019
Frank Kupfer macht beim Nordic Walking Rast am Oschatzer Rosensee. Er versucht – genau wie der Stein mit den Namen der Rosensee-Förderer – sein Leben in der Balance zu halten
Frank Kupfer macht beim Nordic Walking Rast am Oschatzer Rosensee. Er versucht – genau wie der Stein mit den Namen der Rosensee-Förderer – sein Leben in der Balance zu halten Quelle: Foto: Frank Hörügel
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Oschatz

Herr Kupfer, wie geht es Ihnen?

Besser als vor einem halben Jahr, aber ich bin noch lange nicht gesund. Ich habe diese Depression ja als wiederkehrende Depression – immer mal Phasen, in denen es mir ganz schlecht ging und Phasen, in denen es dann wieder gut war. Das ist im Januar 2015 diagnostiziert worden. Ich wollte das natürlich nicht wahrhaben: Depression, so was gibt’s doch überhaupt nicht! Mein Leben lang habe ich gearbeitet, von früh bis abends, die Wochenenden durch – gerade die letzten Jahre. Mein Körper hat sich das dann mal irgendwann nicht mehr gefallen lassen.

Wann gab es die erste Anzeichen, dass Sie gesagt haben: Irgendwas stimmt nicht mehr?

Bevor ich die Diagnose Depression hatte, bin ich immer mal wieder umgefallen. Mir wurde schwarz vor Augen oder in bestimmten Situationen habe ich hyperventiliert. Es gab alle möglichen Untersuchungen, ich war an der Uniklinik in Dresden. Dann hatte ich wieder so einen Aussetzer, bin umgefallen. Da hat der Professor, der mich behandelt hat, gesagt: Es wäre gut, wenn Sie mal zum Psychiater gehen. Das habe ich dann auch getan, und da ist die Depression diagnostiziert worden. Das wollte ich nicht wahrhaben. Ich habe gesagt: Ich bin gesund, mein Körper muss das tun, was ich will. Ich bin der Chef – nicht mein Körper. Das war ein fataler Irrtum. Nach vier Wochen Therapie in der Klinik bin ich am nächsten Tag wieder in den Landtag gegangen.

Und ging’s wieder?

Nein, ich war dann auch in ambulanter Behandlung, hatte auch familiäre Probleme und damit mehr Druck als gewöhnlich. Das hat dazu beigetragen, dass ich einen Suizidversuch unternommen habe, der aus heutiger Sicht zum Glück nicht gelungen ist. 2016 bin ich dann wieder in der Klinik gewesen und habe mir anschließend selbst ein Versprechen gegeben: Wenn du wieder in so eine Depression abrutschst, dann hörst du auf. Das war für mich eine Rückversicherung, um mich wieder engagieren zu können, wieder mit Kraft reinzugehen. Im vergangenen Jahr ging das depressive Abrutschen schon im Frühjahr los, dass ich mir dir Frage gestellt habe: Wie geht es mit mir weiter? Dann kam die Sommerpause, die hat mich noch ein paar Wochen gerettet – bis zum nächsten Rückfall. Danach habe ich entschieden: Ich gebe mein Amt als Fraktionsvorsitzender auf und werde nicht wieder für den Sächsischen Landtag kandidieren.

Haben Sie diesen Schritt bereut?

Nein, es ist ein anderes Lebensgefühl, wenn man nicht mehr diesen Stress und diesen ständigen Druck hat. Bis September bin ich noch Abgeordneter und in meinem Wahlkreis aktiv.

Wie haben Sie die Reaktionen nach Ihrem Rücktritt empfunden?

Ich habe keine negativen Äußerungen gehabt. Im Gegenteil: Es gab viele positive Reaktionen von Leuten, die ich gar nicht kannte. Die mir gedankt haben, dass ich mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen bin. Weil es eine weit verbreitete, aber gesellschaftlich nicht akzeptierte Krankheit ist. Es gibt ja leider solche Vorstellungen: Dir fehlt bloß ein paar hinter die Ohren, damit du wieder rund läufst. Aber dann ist nichts mehr mit Zusammenreißen. Die Depression ist eine Krankheit, die tödlich enden kann. Bei mir zum Glück nicht, bei vielen anderen schon – auch prominenten Leuten.

Es gab keine Internet-Trolle, die gesagt haben: Kupfer, endlich...

Nein überhaupt nicht. Und wenn die anständiger Weise die Klappe gehalten haben, ist das ja auch gut.

Wer unterstützt Sie im Kampf gegen die Depression am meisten?

Ich habe seit über einem Jahr wieder eine Partnerin. Sie versteht die Krankheit, weil sie das selbst durchgemacht hat. Meine ärztliche und therapeutische Behandlung wird fortgesetzt.

Seit fünf Monaten war von Ihnen praktisch nichts mehr zu hören. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Zwei Monate war ich in der Klinik und habe hart an mir selbst gearbeitet. Dann habe ich mein Leben geordnet – hier zu Hause in Oschatz.

Seit September herrschte Ihrerseits auch Funkstille in den sozialen Medien. Hat Ihnen diese Abstinenz gut getan?

Ja. Ich habe reingeschaut und ab und zu auch mal den Daumen hochgemacht. Aber ich habe bewusst nichts geteilt und auch keine Kommentare geschrieben, weil ich einfach nicht die Kraft dafür hatte.

Erstmals 1994 wurden Sie in den Sächsischen Landtag gewählt, strampeln also seit 24 Jahren im politischen Hamsterrad. Wie haben Sie das so lange ausgehalten?

Das frage ich mich manchmal auch. Es war mein Leben und ist meine Überzeugung, der ich alles untergeordnet habe. Es gab eine Begebenheit in meinem Verwandtschaftskreis. Bei einem Familien-Treffen war meine ein Jahr ältere Cousine dabei, mit der ich zusammen im Markkleeberg aufgewachsen bin. Und sie sagte: Mensch Frank, dass du in die Politik gegangen ist, so sensibel wie du immer warst. Das hat mir zu denken gegeben. Andere sind anders verpackt, lassen die Probleme nicht so an sich ran. Bei mir ist das eben anders.

Aber nach außen haben Sie nie diesen Eindruck gemacht...

Ich weiß, das hat mich auch viel Kraft gekostet. Wenn jemand mit Sorgen und Problemen zu mir kam, habe ich die dann als meine eigenen angesehen. Ich habe versucht zu helfen, oft ging das nicht. Das habe ich nicht so einfach weggesteckt.

Sie haben unter vier Ministerpräsidenten gearbeitet – Biedenkopf,Milbradt, Tillich und Kretschmer. Wer hat Ihnen am meisten Stress gemacht?

Am meisten Stress hat mir natürlich Tillich gemacht, weil ich seinem Kabinett angehört habe. Die Arbeit als Umwelt- und Landwirtschaftsminister war sehr erfüllend.

Seit der glorreichen Zeit von König Kurt sinkt die Popularität der CDU in Sachsen: Schmerzt Sie diese Entwicklung?

Ja, natürlich. Sogar sehr, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir als Union für Sachsen eine gute Politik gemacht haben. Der Freistaat Sachsen steht gut da. Die Menschen sind fleißig, haben viele Ideen. Mich schmerzt besonders, dass die Bürgerlichen nicht mehr CDU, sondern andere Parteien wählen.

Woran liegt’s?

Ich kann es nicht sagen. Es ist ein Vermittlungsproblem, Bürgernähe ist verloren gegangen. Die Bundespolitik spielt natürlich auch eine große Rolle. Das habe ich besonders als Fraktionsvorsitzender in den letzten Jahren gemerkt. Gerade die Flüchtlingspolitik: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, da wir ja eine Familie aus Afghanistan privat bei uns zu Gast hatten. Ich habe auch der Kanzlerin oft gesagt, dass es so nicht weiter gehen kann. Aber sie und ihr Umfeld wollten das nicht hören. „Man kann sich das Leben auch schönreden!“ Das war mein letzter Satz gegenüber der Kanzlerin.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Afghanen gemacht?

Die sind weg, leben jetzt in Dortmund oder Düsseldorf. Sie wollten von Anfang an nie in Oschatz bleiben, das war denen alles zu klein. Die Eltern haben sich geweigert, sich zu integrieren, Deutsch zu lernen. Die vier Kinder waren wieder ganz anders, ganz fleißig, haben ihren Schulabschluss innerhalb von drei Jahren gemacht.

Hat dieses persönliche Erlebnis Ihren Blick auf die Flüchtlingsproblematik beeinflusst?

Das hat mich sehr geprägt. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Das ist nicht unsere Kultur. Die Mädels durften keine Freunde haben, deutsche schon gar nicht. Und bei den Jungs war es so: Der jüngere Bruder hatte eine Freundin aus Syrien. Das ging von seinen Eltern aus gar nicht, weil das Mädchen eben nicht aus Afghanistan gekommen ist. Da war Riesentheater. Das ging bis dahin, dass die Brüder mit dem Messer aufeinander losgegangen sind.

In diesem Jahr wird vor der Landtagswahl im September ein harter Schlagabtausch zwischen CDU und AfD erwartet. Sind Sie froh, erstmals kein Wahlkämpfer sein zu müssen?

Ich habe mich nie gescheut, Wahlkampf zu machen und werde auch in diesem Jahr den Wahlkampf der Union und des Kandidaten in unserem Wahlkreis unterstützen.

Hat sich das Klima im Landtag mit dem AfD-Einzug 2014 geändert, Sie standen ja als CDU-Fraktionschef von Anfang an ganz vorn in der Schusslinie?

Die Linken haben sofort angefangen, die AfD in die rechte Ecke zu stellen. Das habe ich nie gemacht, auch meine Fraktion eigentlich nicht. Damals war Frauke Petry die Vorsitzende und die war ja relativ moderat. Wir als Union setzen uns mit denen auseinander – genau wie mit den anderen Parteien.

Die Wunschkandidatin für Ihre Nachfolgerin als Landtagskandidatin war Ihre Büroleiterin Christiane Schenderlein. Die Nordsachsen-CDU hat sich für Bernd Merbitz entschieden. Hat Sie das gekränkt?

Das hat mich überhaupt nicht gekränkt, das ist Demokratie. Jetzt ist Bernd Merbitz der Kandidat – und den unterstütze ich auch im Wahlkampf.

Sie haben angekündigt, dass Sie sich nach dem Ende Ihrer Mandatszeit aus der Landespolitik verabschieden. Wird es ab September den Politiker Frank Kupfer nicht mehr geben?

Außerparlamentarisches politisches Engagement wird es weiter geben, ich bleibe ja Mitglied der CDU. Ich werde mich dort zu Wort melden, wo ich denke, dass es sinnvoll ist.

Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?

Kann ich noch nicht sagen, ich weiß es nicht, habe mir noch keine Gedanken gemacht. Ich erfülle noch die letzten Monate als Abgeordneter meine Pflicht gegenüber den Wählern und schaue dann, wie es weiter geht.

Sie sind in 30 Vereinen aktiv oder als Ehrenmitglied engagiert. Wie geht es da weiter?

Ich werde mich weiter ehrenamtlich engagieren, aber das etwas zurück fahren.

Wie wünschen Sie sich Ihr alltägliches Leben ab September?

Seit meinem vorletzten Klinikaufenthalt 2016 mache ich Nordic Walking. Ich habe meine Strecke, sechs Kilometer über Kleinforst. Das hoffe ich, jetzt öfter machen zu können. Angeln ist auch ein Hobby, zu dem ich nur selten gekommen bin. Als Präsident des Landesschützenbundes will ich mich stärker engagieren. Und ich werde mehr Zeit für meine Familie, für meine Enkel, haben.

Von Frank Hörügel

19.01.2019
18.01.2019