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Oschatz Existenzsorgen und Ehrenpreis für Doberschützer Schweinezüchter
Region Oschatz Existenzsorgen und Ehrenpreis für Doberschützer Schweinezüchter
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12:04 13.06.2019
Von links: Franziska Kelle, Karin Grell, Sebastian Hienzsch und Michael Haselhoff mit einem drei Wochen alten Schwein. Schweinezüchter in Dahlen Dahlen, OT Schwarzer Kater, Butterstraße Quelle: Leipziger Volkszeitung, Delitzsch-Eilenburg
Doberschütz/Dahlen

Es hat keinen Namen und wird wohl nie einen bekommen – nur eine Nummer im Ohr unterscheidet es von den restlichen Artgenossen, mit denen es in der Aufzuchtanlage bei Dahlen heranwächst. Drei Wochen ist das gefleckte Ferkel jetzt alt, voraussichtlich in 55 Tagen wird es in einen Mastbetrieb verkauft. 60 Euro erhoffen sich die Züchter zur Zeit, ein höherer Preis wurde schon lange nicht mehr erzielt. Das Jungtier guckt sich etwas verwirrt um, grunzt und kneift die Augen zusammen. An der frischen Luft ist es heute zum ersten Mal, ein weiterer Besuch im Freien ist nicht vorgesehen. Doch auch wenn die Tiere keinen Zugang zur frischen Luft haben und der Platz eng bemessen ist, bleibt das junge und engagierte Team der Agrargenossenschaft Doberschütz überzeugt von der Arbeit – auch wenn die Abneigung in der Bevölkerung und die finanziellen Sorgen in der Branche immer größer werden.

Tierwohl und Ökonomie widersprechen sich noch

„Wenn ich den Tieren Leid zufügen würde, hätte ich diesen Job niemals angenommen“, sagt Michael Haselhoff deutlich. Er ist verantwortlich für die gesamte Schweinezucht im Unternehmen, das seit 1989 von seinem Vater Wolfram Haselhoff geleitet wird. „Das Tier ist dankbar für alles Gute, was du ihm tust. Wenn es gesund ist, gefressen hat und spielen kann, ist es zufrieden“, erklärt der 30-Jährige. Vor allem zu den Sauen und den Ebern, die in der Zucht zur Stammherde gehören, baue man ein Verhältnis auf. „Die Sauen begleiten uns teilweise über Jahre. Bei verletzten Tieren eine Notschlachtung durchzuführen, ist dann echt hart“, sagt er. Das Wohl der Tiere stehe ganz oben auf der Prioritätenliste, auch weil glückliche Tiere schneller wachsen, mehr Ferkel werfen und gesünder bleiben. Die Haltung spiegelt das jedoch in vielen Bereichen noch nicht wieder. „Mit mehr Geld könnte ich weniger Schweine auf derselben Fläche halten und Mitarbeiter besser bezahlen“, erklärt der Abteilungsleiter. Doch Tierliebe hin oder her: Das Geld fehlt, Investoren machen einen Bogen um die Branche – eine finanzielle Krise in der Schweineproduktion wirkt fast unausweichlich.

Auflagen der Politik können kaum erfüllt werden

„Die Tierwohlinitiativen sind wichtig, müssen sich letztlich aber auch ökonomisch rentieren. Vieles wirkt sich aber sehr negativ auf den Umsatz aus und einen entsprechenden Preis bekommen wir nicht“, erklärt Wolfram Haselhoff. Er verfolgt die Entwicklungen in der Schweinezucht nun schon seit Jahrzehnten und brachte die dänische Genetik nach Sachsen. Ein Erfolgsmodel, das der Agrargenossenschaft Doberschütz vor ein paar Wochen den Ehrenpreis in der Tierzucht vom Agrarministerium des Freistaat Sachsen eingebracht hatte. Aus Dahlen kommen diese Tiere nach ganz Deutschland. Mastbetriebe werden mit Jungtieren beliefert, aber auch mit Sauen zur weiteren Produktion. Über 30 Ferkel kann eine solche Sau im Jahr werfen, hat einen Hochgesundheitsstatus, ist und bleibt fit.

Über die Auszeichnung freut sich Haselhoff, auch wenn sie ihm bei den ernsten Problemen nicht hilft. „Wir haben keine Möglichkeiten, Rücklagen aufzubauen und wissen nie, was uns preislich erwartet. Heute bekomme ich 63 Euro für einen Läufer, im vergangenen Jahr waren es zwischenzeitlich nur 29 Euro“, so der 64-Jährige. Er ergänzt: „50 Prozent Preisschwankungen sind in dieser Branche völlig normal. Das gibt es nur hier so. Ich bekomme ja schließlich auch kein Auto manchmal für die Hälfte. Wir müssen so niedrige Preise aber teilweise für ein Jahr oder länger ertragen und können nur hoffen, dass es besser wird.“ Der Job sei hart, die Bezahlung der Mitarbeiter oft schlecht und die Arbeitgeber würden häufig auf hohen Kosten sitzenbleiben. Offen sagt der Geschäftsführer: „Die letzten zwei Jahre waren problematisch. Die gesamte Schweineproduktion hat Verlust gemacht.“ Wenn sie weiter derart von der Politik reglementiert werde, müsse sich die Nahrungsmittelproduktion aus Deutschland zurückziehen. Er fügt besorgt hinzu: „Dann kommen alle Lebensmittel aus dem Ausland – ohne Regionalität, ohne den so hohen Qualitätsanspruch und entsprechende Kontrollen.“ Ein Problem, dass nur noch schlimmer werde durch den schlechten Ruf in der Gesellschaft.

Die Agrargenossenschaft Doberschütz in Bildern. So arbeiten die ausgezeichneten Schweinezüchter:

Schuld sind alle – nicht nur die Schweinezüchter

„Viele Kollegen sprechen nicht mehr offen darüber, was sie beruflich machen“, sagt Haselhoff. Die Angst davor, ausgeschlossen oder verachtet zu werden, sei groß. Ein Trend, den er in der ganzen Branche wiederfinden könne. Diesen Eindruck bestätigte auch der jährliche Erfahrungsaustausch, zu dem die Agrargenossenschaft einlud. 30 Betriebe, die sie mit ihren Sauen beliefern, waren im Mai zu Gast: „Ganz ehrlich, die Stimmung ist wirklich schlecht. In der Landwirtschaft geht es der Schweineproduktion von allen noch am schlechtesten.“ Die Preise in der Milchproduktion oder ausbleibende Ernten bei der Pflanzenproduktion lassen darauf schließen, wie schlimm es dann erst um den Fleischmarkt stehen muss. „Wir haben einen sehr schlechten Ruf und sind nur ein kleiner Teil der Landwirtschaft. Oft werden wir deshalb von der Politik nicht genug gehört“, führt Haselhoff weiter aus. Das müssten sie aber, wenn Fleisch auch weiterhin aus der Region kommen soll.

Ein Lichtblick für die Agrargenossenschaft ist die Entwicklung der vergangenen Wochen. Haselhoff dazu: „Seit knapp über einen Monat ist es finanziell wieder besser, solche Preise hatten wir überhaupt vielleicht erst zwei oder drei Mal. Aber diese Lage muss sich für mindestens zwölf Monate halten, um das Minus der vergangenen Jahre auszugleichen.“

Betriebsleiterin hofft, dass mehr Wert auf Qualität gelegt wird

Ein weiterer Trend, der sich langfristig als Vorteil für die Schweinezüchter in Dahlen sowie ganz Deutschland auswirken könnte, ist die zunehmende Ablehnung von billigem Fleisch und die Forderung nach mehr Bio-Produkten. Eine Entwicklung, die nur helfen kann, wenn auch alle bereit sind, mehr Geld für die tierischen Güter auszugeben, weiß Corina Tusche. „Mehr Tierwohl oder sogar eine Außenhaltung ist bei diesen Beständen einfach nicht möglicht“, so die Landwirtschaftsmeisterin. Grund dafür ist der Seuchenschutz. „Das Veterinäramt würde eine Außenhaltung zur Zeit niemals zulassen“, fügt Haselhoff hinzu – die Afrikanische Schweinepest sei die größte Sorge. Ein Konflikt für Tusche, die seit 2016 als Betriebsleiterin bei der Agrargenossenschaft arbeitet. Ihr liegen die Schweine am Herzen, vor allem die Eber, mit denen sie teilweise fünf bis sechs Jahre zusammenarbeitet, die sie füttert und bespaßt. „Das gesunde Verständnis von Fleisch ist verloren gegangen, es wird zu viel konsumiert und zu wenig dafür gezahlt. Die Qualität muss wieder mehr in den Fokus gerückt werden und die Leute müssen mehr dafür zahlen“, sagt sie. Bis dahin bleibt für die Agrargenossenschaft Doberschütz nur zu hoffen, dass das kleine, namenlose Ferkel noch über 60 Euro wert sein wird, wenn es in rund 55 Tagen verkauft wird.

Von Tilman Kortenhaus

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