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Oschatz Hinter Mügeln: Hanffeld lockt Selfiejäger an
Region Oschatz Hinter Mügeln: Hanffeld lockt Selfiejäger an
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06:00 18.07.2018
Volkmar Herbst (52) inmitten seiner Hanfpflanzen. Im Gegensatz zu bis zu fünf Meter hohen Sorten erreichen diese nur eine Wuchshöhe, die ihn knapp überragt. Quelle: Foto: Manuel Niemann
Mügeln

Wer mit dem Wilden Robert Richtung Glossen oder Kemmlitz reist, kann hinter Mügeln eine nicht alltägliche Entdeckung machen: Auf einem Feld recken in sattem Grün Pflanzen ihre Spitzen nach oben. Es braucht keine einschlägige Erfahrungen, um die spitz zulaufenden Blätter mit dem gesägten Rand, die sich fingerförmig aufspreizen, zu erkennen: Hier wächst Hanf.

Natürlich ist dies keine illegale Plantage und auch Gelegenheitskonsumenten finden auf dem Acker nicht zu ihrem Glück: „Hier war schon eine richtige Fahrrinne. Ab und zu halten auch Leute an, und schießen Selfies“, schmunzelt Volkmar Herbst.

Seit 2006 betreibt der 52-Jährige von seinem Vierseitenhof in Ablaß aus Biolandbau. Neben Luzernegras, verschiedenen Getreiden wie Weizen, Dinkel und Hafer baut er Raps und Gemüseerbsen an. Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt er sich zudem mit Nutzhanf.

Auf den kam er, weil er auf der Suche nach einer Zwischenfrucht war, die die Felder bedeckt, vor der Witterung schützt und den Boden nicht auslaugt. Zudem sollte sie nicht ähnliche Krankheiten entwickeln, wie die Pflanzen, die er sonst in seiner Fruchtfolge anbaut. Hanfgewächse erfüllen alle diese Anforderungen.

Also suchte er Rat. Der kam von Rafael Dulon, der mit seiner Berliner Hanf Farm GmbH seit 1996 den Anbau der alten Kulturpflanze an der Müritz wiederbelebt. Das Vernetzen bei Messen wie dem Ölsaatentag sei für ihn als relativ kleinen Anbieter wichtig, sagt Herbst. „Ich möchte nicht alle Erfahrungen schmerzhaft selbst machen.“

Zur Frage neben dem Anbau stand auch, was er mit dem Hanf herstellen könnte. Bei seinen Gemüseerbsen ist das einfach: Die landen in den Packungen eines großen Tiefkühlkostanbieters. Doch was kann man aus der faserreichen Pflanze mit den ölhaltigen Samen gewinnen?

Die Sorte Finola, die er anbaut wird, wird knapp übermannhoch. Sie bietet sich weniger für Fasern, aber da sie viele Samen hervorbringt, zur Ölgewinnung an. Die geringere Größe macht es für Herbst auch leichter zu ernten. Während andere Hanfbauern spezielle Erntetechnik mit Anfahrtsweg leihen müssen, kann er auf ganz normale Mähdrescher zurückgreifen.

Da er keinen eigenen hat, wird der bestellt – wobei ihm das Wachstum des Hanfs noch einmal entgegenkommt: Der Hanf auf seinen sieben Hektar wird erst im September geerntet: „Dann sind die Tage noch lang und trocken, und es ist fast nichts mehr zu dreschen“, sagt er.

Die erste Ernte im vergangen Jahr verlief, so sagt er, interessant und erfolgreich. Interessant, weil die Ernte mit einigen Kniffen verbunden war, für die sich Herbst erst Gegenmaßnahmen ausdenken musste: Auf einem Haufen verhalte sich das Material ähnlich wie der Verschnitt im Rasenmäher: In kurzer Zeit werde es im Inneren warm, Fäulnis drohe.

Daher beeilte er sich, teilte die Fuhre, um einen Teil bereits schon zu reinigen und zu belüften. Um Öl herzustellen, dürfen die Hanfnüsse nur eine bestimmte Feuchte aufweisen, dafür müssen sie getrocknet werden. „Das ist eine ein bisschen delikate Geschichte.“

Für dieses Jahr erwartet er eher eine durchwachsene Ernte. Er habe spät gesät, da Hanf empfindlich auf Kälte reagiert. Dass danach kaum Niederschlag fiel, wird sich auswirken an der Qualität der Samen.

Wie auch im illegalen und legalem Anbau für medizinische Zwecke sind für Herbst nur die weiblichen Pflanzen interessant. Anders als unter (Drogen-)Labor-Bedingungen gibt es auf seinen Feldern aber auch männliche Pflanzen. Diese reifen zuerst heran und sterben dann ab, während die weiblichen Pflanzen weiter wachsen.

Sie bilden die Blütenstände aus, die sowohl zur Drogen- und Arzneimittelherstellung dienen. Sie enthalten Cannabinoide und Terpenoide. Am bekanntesten sind Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC). Das eine ist entzündungshemmend und entkrampfend, das andere sorgt für rauschhaft-entrückte Zustände.

Im Labor verhindert der Einsatz von Klonen oder Stecklingen, dass sich männliche Pflanzen einschleichen können. Die getrockneten und ausgereiften weiblichen Blütenstände gelangen dann als Marihuana oder – als daraus gewonnenes, gepresstes Harz – als Haschisch auf den illegalen Markt. Bei Herbst werden die weiblichen Blüten jedoch durch den Wind bestäubt und Hanfnüsse bilden sich.

Während er aus Raps etwa 40 Prozent Öl erhält, liefert Hanf nur eine 20-prozentige Ausbeute. Für eine kleine Flasche von 200 bis 250 Millilitern benötigt er 1,5 Kilogramm der Samen. Eine Manufaktur aus Nossen presst für ihn Raps- und Hanföl.

„Das sieht einfach anders aus“, sagt Herbst, während er eine kleine Portion auf einen Teller tropfen lässt, um es mit Brot zu verkosten. Während das Produkt aus Raps im Supermarkt kaum noch einen Eigengeschmack aufweist, hat sein kalt gepresstes Rapsöl ein mildes Aroma. Das Hanföl, das auch kaltgepresst und nicht weiterverarbeitet wird, schmeckt im Vergleich intensiver. Es ist tiefgrün und erinnert damit an Kürbiskernöl.

„Es ist reich an Inhaltsstoffen, enthält sehr viele Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren und Tausende andere gesundheitsfördernde Stoffe“, beschreibt er. „Es gibt Leute, die fast jeden Tag einen Esslöffel davon zu sich nehmen.“ Um Rauschzustände geht es diesen nicht, denn was die Sorte, die Herbst anbaut, kaum enthält, ist THC. Das wurde rückgezüchtet.

1982 bis 1995 galt in Deutschland ein generelles Anbauverbot für Hanf. Das wurde 1996 aufgehoben, seither können landwirtschaftliche Betriebe Nutzhanf anbauen. Dessen Gehalt an THC darf nicht über 0,2 Prozent liegen. Der Landwirt muss den Anbau der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) melden. Die prüft durch Beproben des Saatguts und durch Stichproben auf dem Feld, wenn der Hanf zu blühen anfängt, ob der erlaubte THC-Gehalt eingehalten wird.

Auch von den Hanfnüssen muss Herbst mindestens eine Komplettanalyse zahlen. Für ihn, als relativ kleinen Produzenten, mit bis zu 800 Euro sei das recht teuer. Bei den heutigen Analysemethoden entschieden manchmal schon Kleinstmengen, ob ein Grenzwert noch eingehalten werde. Das betreffe nicht nur THC, sondern auch Gluten: Da Herbst dreschen lässt, kann es sein, dass sich Getreidespuren in seinen an sich glutenfreien Hanf verirren: Da helfe nur, alles vorher gut sauber auszublasen und manchmal die Hanfnüsse geschält neu zu beproben.

Der geringe Ertrag und die aufwendige Herstellung mache das Öl für Herbst zu einer Nische, „fast ein Genussmittel“, meint er. Auf einem Hektar erwirtschafte man im Bioanbau zwischen einer und anderthalb Tonnen. Als Nebenprodukt entsteht beim Pressen Hanfmehl, das sehr eiweißhaltig ist.

Auf die Frage, ob er auch Hanf für die Medizin anbauen würde, sagt Herbst, dass sei ihm durch die Auflagen nicht möglich. Denn dieser Hanf müsse erstens in Hallen angebaut werden, die entsprechend aufwendig gesichert sind. Zu den hohen Energiekosten, um genügend Licht für die Pflanzen zu haben, komme dann noch eine zusätzliche Hürde: Bewerber müssen nachweisen, dass sie bereits legal Hanf produziert haben.

Das Know-how kann also nur importiert werden – aus Ländern, in denen der Anbau anders als in Deutschland legal war. Hierzulande ist Cannabis seit dem März 2017 als Arzneimittel zugelassen. Davor galten nur Ausnahmegenehmigungen und entsprechende Patienten wurden meist über Importe versorgt.

Von Manuel Niemann

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