Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Oschatz Historisches Sägewerk in Wetitz seit 144 Jahren in Familienbesitz
Region Oschatz Historisches Sägewerk in Wetitz seit 144 Jahren in Familienbesitz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 25.07.2018
Das älteste noch existierende Foto vom Sägewerk. Es entstand noch vor dem verheerenden Brand 1895.
Das älteste noch existierende Foto vom Sägewerk. Es entstand noch vor dem verheerenden Brand 1895. Quelle: Foto: privat
Anzeige
Wetitz

Im Mügelner Ortsteil Wetitz rattern die Sägen, und das bereits seit mindestens 144 Jahren. Denn seit 1874 ist das Sägewerk in Familienbesitz. „Der Kaufvertrag wurde von meinem Ururgroßvater Karl Heinrich unterschrieben“, sagt Heiko Silbermann. Alte Bilder zeigen, wie die großen Holzstämme mit Männerkraft, später mit Pferdefuhrwerken und dann mit Lkw und Hublader zum Holzplatz von Familie Silbermann transportiert und abgeladen wurden. Nicht nur das Sägewerk war hier Anlaufziel, auch die Mühle direkt nebenan lief auf Hochtouren. Im Jahr 1895 wurden Sägewerk und Mühle nach einem Brand wieder aufgebaut, aus diesem Jahr stammt eine der zwei historischen Sägen. Zum einen ist es ein etwa 125 Jahre altes Horizontalgatter. Dieses kann Stämme mit einem Durchmesser von bis zu einem Meter sägen. Neben dem Horizontalgatter steht ein Vollgatter aus dem Jahr 1935. „Dieses ist um einiges schneller. Jedoch kann es nicht so große Stämme schneiden, wie es das Horizontalgatter kann. Diese alte Technik ist sehr robust und langlebig. So etwas sollte es auch heute geben. Unsere Maschinen werden immer gut gepflegt. Wenn doch mal ein Teil kaputt geht oder abgenutzt ist, kann man es reparieren, originale Ersatzteile für gibt es heute jedoch kaum noch“, sagt der Wetitzer.

Auch wenn es bereits fortschrittlichere und schnellere Technik auf dem Markt gibt, will Familie Silbermann auch weiterhin mit der historischen Technik arbeiten. „Es ist wie ein Museum, in dem jeden Tag produziert wird. Natürlich können unsere Sägen mit den neumodernen nicht mithalten. Doch unsere Kunden schätzen unsere Arbeit, weil wir sie nach ihren individuellen Wünschen bedienen können“, sagt der 55-Jährige, der sich an einen Kunden erinnert, der aus seinen drei Kirschbäumen Bretter fertigen lassen wollte. „Die Leute verbinden Erinnerungen mit ihren Bäumen, auch wenn sie sie nicht mehr im Garten stehen haben können.“

Besonders gute Hölzer

So entstehen bei dem Wetitzer Bretter, Kanthölzer, Latten und Balken. Es wird auch auf spezielle Wünsche eingegangen. Es ist beispielsweise möglich sogenanntes Mondholz anzubieten, welches wiederum nur durch die sehr gute, jahrelange Zusammenarbeit mit dem Forstunternehmen Kuhnitzsch aus Calbitz machbar ist. „Manches Holz zu verarbeiten macht nicht viel Sinn, wie zum Beispiel Weide. Das Holz ist relative weich, nicht sehr tragfähig und aufgrund der schlechten Beständigkeit nicht für draußen geeignet. Zudem lässt es sich nur schwer sägen.“ Besonders gut ließen sich Nadelhölzer, wie Fichte, zu Bauholz verarbeiten. „Lärche ist sehr witterungsbeständig. Neben dem richtigen Einschlagzeitpunkt hat dies auch etwas mit dem Harzgehalt zu tun.“

Heiko Silbermann genießt es, auch mal, andere Holzarten kennenzulernen und zu verarbeiten. So konnte er auch mal einen Vogelaugen-Ahorn sägen. Vor Herausforderungen wurde er bei der Wurzel eines Nussbaumes gestellt. Diese wollte ein Kunde als rustikale Tischplatten verwenden. „Das war ziemlich kompliziert. Obwohl die Wurzel mit einem Kärcher vom Dreck befreit und Steine heraus gesammelt wurden, hat es beim Sägen auch mal gefunkt, denn oft wachsen Steine mit in die Wurzeln ein.“ Gerne würde er mal einen Olivenbaum sägen. „Dieser hat etwas Besonderes. Er hat verschiedene Farbschläge. Jedes Brett ist unterschiedlich.“ Zudem würde er auch gern mal eine Mooreiche sägen. „Das sind Eichen, die im Moor versunken sind. Sie sind Pechschwarz und konserviert.“ Jahrelang unter Wasser versunkenes Holz hätte ebenfalls seinen Reiz. „Es soll sich dabei um wirklich gutes Bauholz handeln. Und auch das Problem mit dem Holzwurm gibt es dann nicht.“

Jahrelange Erfahrungen

Um das Holz der typischen Arten richtig bearbeiten zu können, gelten auch hier einige Regeln. „Das Holz sollte möglichst im Winter geschlagen werden, sonst ist es anfälliger gegenüber Holzschädlingen und Fäulnis. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Holzarten. Kiefer ist beispielsweise bläueanfällig, Fichte hingegen ist weniger anfällig, noch länger lagerfähig ist die Eiche.“ All das Wissen über die verschiedenen Holzarten bringt die jahrelange Erfahrung mit sich. Und diese schätzen die Kunden sehr.

Für die Restaurierung der Windmühle in Liebschütz wurden Eichenstämme mit einem Durchmesser bis siebzig Zentimeter und einer Länge von sieben Metern benötigt. „Durch das hohe Gewicht war der Transport schwierig. Deshalb benötigten wir Unterstützung durch die Agrargenossenschaft Naundorf mittels eines Teleskopladers, der die Stämme zentimetergenau auf das Horizontalgatter gehoben hat. Wir haben sie gesägt und nun sind sie Teil der Mühle.“ Auch die Ruten der Windmühle in Luppa stammen von hier. In den 1990er-Jahren hat man auf Lärche eines Privatwaldbesitzers gesetzt. Die Ruten aus Fichte, die in den 1980er-Jahren eingebaut wurden, hatten keine lange Lebensdauer. Die neu rekonstruierte Jägereiche, die inmitten der Dahlener Heide zu finden ist und dessen Original sich in der Kirche in Sitzenroda befindet, wurde ebenfalls in der Sägemühle gefertigt. „Achteckig sollte diese werden. Etwas ähnliches fertigten wir für die ehemalige Filzfabrik in Oschatz. Nach weiterer Bearbeitung wurde der achteckige Stamm als Walkwalze benutzt“, erinnert sich Johannes Silbermann, Vater von Heiko Silbermann.

Generationen

Auch heute noch steht der 83-Jährige in der Sägemühle regelmäßig mit Rat und Tat zur Verfügung. Hilfe gibt es auch von Ehefrau Katrin Silbermann, welche dem Sägewerker stets den Rücken frei hält sowie den drei Kindern Michael, Matthias und Elisabeth. Die 22-Jährige lernt den Beruf der Gesundheits-und Krankenpflegerin. Auch ihre beiden Geschwister haben einen anderen Weg gewählt. Das Sägewerk ist bereits seit fünf Generationen in Familienbesitz, die drei Jugendlichen bilden die sechste Generation.

„Wir werden sehen, wie sich alles entwickelt. Ich könnte mir auch gut vorstellen wieder her zu kommen und im Sägewerk mit zu arbeiten.“ Sie selbst liebt es, den alten Traktor zu fahren. Denn wenn nicht mit großen Fahrzeugen gearbeitet werden muss, wird in der Firma der RS09-Traktor aus DDR-Zeiten zum Transport verwendet. Dieser macht den Museums-Flair perfekt. Heute packt neben der Familie auch ein weiterer Angestellter mit an. „Ganz früher waren es noch viel mehr Leute, die hier gearbeitet haben. Diejenigen, die das Holz für sich wollten, mussten mit anpacken. Das war ganz normal. Auch die Gemeinde half mit. Zur Wende lief das jedoch zügig aus. Zu DDR-Zeiten, wenn die Arbeiter der LPG im Winter auf den Feldern nichts zu tun hatten, haben sie bei uns Holz für die Genossenschaft gesägt. Johannes Silbermann erinnert sich an die 80er-Jahre, als die verschiedenen LPG´s der Region im Erzgebirge den Holzeinschlag durchführten. „Damals standen sie mit ihren Traktoren hier Schlange.“

Alte Geschosse und Militärflugzeugteile

So viel Andrang wie damals herrscht heute nicht mehr, aber viel Arbeit für das Sägewerk gibt es nach dem Sturm Friederike. „Leider konnten wir aus Kapazitätsgründen nicht alle Aufträge annehmen.“ Ein ähnliches Sägewerk, wie das von Familie Silbermann, gibt es jedoch in der näheren Umgebung nicht. „Unsere Aufträge bekommen wir meistens von kleinen Zimmereien, da wir das Holz individuell fertigen können. Oft erfahren wir, wo das Holz von uns verbaut wurde. Auch Fotos werden uns geschickt.“ Bei der Arbeit im Sägewerk ist ständige Aufmerksamkeit geboten, „Beim Sägen muss immer jemand dabei sein, da es sein kann, dass sich im Holz ein Fremdkörper befindet.“ Heiko Silbermann besitzt eine Kiste, in der er ein paar Gegenstände verwahrt, die er aus Bäumen herausgeholt hat. So befinden sich neben Porzellanisolatoren von Weidezäunen und alten Geschossen auch Reste einer russische MiG, eines Militärflugzeuges. „Bei Lausa gab es einen Scharfschießplatz für das russische Militär. An diesem Ort ist damals das Flugzeug abgestürzt und hat eine Schneise in den Wald gezogen. Stücke davon steckten in den Stämmen die anschließend bei uns gesägt wurden“, erklärt der Wetitzer.

Zudem kamen alte Granat- und Bombensplitter aus dem Krieg zum Vorschein. Ein Hufeisen ist ebenfalls dabei. „Früher wurden in die Bäume an den Koppeln Hufeisen geschlagen, um diese abzugrenzen. Später wurden diese nicht wieder entfernt. Das Hufeisen war komplett eingewachsen.“

Mühle der Familie Silbermann

Die Mühle, direkt neben dem Sägewerk, ist seit wenigen Jahren nicht mehr in Betrieb. „Die Mühle wurde zuletzt einfach zu wenig betrieben. Nur noch wenige Posten für kleine Tierhaltung waren gefragt. Es lohnte sich einfach nicht mehr. Eine Mühle sollte nie still stehen, damit keine Motten die Möglichkeit haben, sich einzunisten. Daher haben wir entschieden, sie nicht mehr zu betreiben. Früher war das noch anders. Damals arbeitete sie Tag und Nacht. Mein Großvater hat Nachts Mais geschrotet – mit Wasserkraft und Turbine. Wenn alles fertig war, fing es an zu klingeln. Dann ist er in seinem Schlafanzug rüber in die Mühle. So wurde auch in der Nacht die Wasserkraft ausgenutzt“, erinnert sich Johannes Silbermann. Zu seiner Zeit wurden hier am Tag vier Tonnen Getreide verarbeitet. Damals benötigte die LPG das Getreide für die vielen Tiere.

Bis in die 60er-Jahre wurde auch Mehl für die Stollenbäckerei hergestellt. „Bis zu 80 Zentner in Säcken trugen wir täglich auf den Rücken in die Mühle. Das Getreide von jedem Bauern wurde einzeln gemahlen.“ Genau kann Johannes Silbermann erklären, wie die Mühle einst funktionierte. Gerne erzählt er es auch Schulklassen, die sich dafür interessieren. Dann wird ihnen nicht nur die alte Mühle, sondern auch das historische Sägewerk gezeigt. Viele Generationen haben diesen Ort geprägt. Doch auch neue Ideen will Heiko Silbermann umsetzen. Er fertigte auch bereits rustikale Holztische und -bänke für Interessierte. Auch an Dekorationsbrettern hat er sich schon versucht. Doch in erster Linie steht die alltägliche Produktion im Vordergrund, so geht der Alltag im Sägewerk weiter, bleibt nicht stehen, so wie auch die Jahrhunderte alten Sägen immer weiter rattern.

Von Kristin Engel